SolMånens Forlag
    v / D a n k w a r d  E.  N i e l s e n 
O-U-A

 

Das Buch vom Huan

 

Schöpferischer Naturglaube im Umriss

 Von Dankward Nielsen von der Haidburg

1995

 

Solmaanens Forlag

Solmaanen@Solmaanen.dk

 

Diese Übersetzung ist vorläufig.  Dort, wo ich unsicher bin, habe ich ein # gesetzt.

 

Diese Kopi ist leider unvollständig, da ich weder Inhaltsverzeichnis noch Einführung beifugen kann...

Mit freundlichen Grüssen!

 

Tanz mit Kia

Als ich dich sah -

Als ich dich sah in deinem silbernen Ring

und der Diamant in deinem Ring

deine absolute Schönheit widerspiegelte -



Als ich dich sah in deinem blauen Kleid

deinem grünen Haar und deinen gelben

Antlitzflächen -

 

Als ich deine weiße Krone sah

deine Schuhe aus leuchtendem Glas -

 

Als ich dich lächeln sah in deiner Wärme

mit tausend Lichtern in der Nacht

und ich dein glühendes

Herz fühlte, tief innen -


Da musste ich - ich sage dir: ich musste -

hin zu dir, um dir einen Kuß zu geben.

 

Da wurdest du meine Mutter.

Du gabst mir meinen Leib.

Und jetzt tanzen wir, tanzen,

bis mein Stern im Westen steht

und ich heimkehre zu meinem Licht.

 

>Kia== Gaia = Der Name der Erde.    


Mittsommer

 

1. Diese Reise ist die erste, die ich erlebte. Ich war ganz unvor-bereitet. Ich ging in meinen eigenen Gedanken im Wald an einem Bach entlang - ein Weg, den ich fast täglich ging. Der Bach lief in einem Tal zwischen einigen Hügeln. Es war im Vorfrühling, die Bäume waren noch kahl.

 

2. Plötzlich erschrak ich sehr. Auf den Abhängen oben auf beiden Seiten des Baches tauchte eine große Menge Krieger auf, mit Schildern und Speeren.

Gleichzeitig brach ein höllischer Lärm aus, Schreie, Trommeln, schrille Flöten, Kon­chyliengebrüll. Die Krieger stürzten auf ein-ander zu, die Abhänge hinunter. Ich stand mitten zwischen ihnen und versteckte mich hinter einem großen Baum. Alle waren in phantastischen Kostümen, in voller Kriegsbemalung schwangen sie ihre Waffen.

Nun sah ich sie deutlich. Die Krieger im Westen waren Männer, die Krieger im Osten Frauen. Als die beiden Heere am Bach aufeinan­der trafen, hielten sie plötzlich an, es wurde still.

 

3. Jetzt kam vom Westen eine kleine Schar von Frauen. Sie trugen einen strahlend gekleideten Jüngling auf einem sehr hohen Trag-stuhl herunter zum Bach, und vom Osten kam eine kleine Schar Männer, die eine verschwen­derisch geschmückte junge Frau dorthin trugen, wo das Frauen­heeer stand.

Wieder brach ein gewaltiger Lärm los, ein Rufen und Schreien, und alle Instrumente tuteten und pfiffen und trommelten so laut sie nur konnten. Langsam nahm der Lärm wieder ab und eine feierliche Melodie wuchs hervor, während die zwei Tragstühle in den Bach hinaus­getragen wurden.

Dort wurden sie so zusammengefügt­, dass sich ein hoch erhob-enes Lager bildete.

 

4. Der Mann und die Frau - König und Königin - näherten sich ein-ander mit langsamen, zeremoniellen Be­wegungen, währen das Männer- und das Frauenheer abwechselnd und gleichzeitig eine Art Hymne sangen, bald von diesem, bald von jenem Instrument begleitet.


Als die Königin sich auf den Schoß des Königs setzte, wirbelte die Musik mit hitzigen Rhythmen und jetzt ging die wilde Jagd: die Männer versuchten, die Schilder der Frauen mit ihren Speeren zu durchboh­ren, die Frauen aber wehrten sich und liefen, als gelte es ihr Leben.

Nun sah ich, dass die Speere weiche Spitzen hatten, die reich bemalten Schilder waren aus Papier oder dünnem Leder. Da gab's ein Rufen und Pusten und Lachen!

 

5. Bald zerstreuten sich die Heere über das ganze Gelände, und ich sah, dass die Frauen sehr wohl zu wissen schienen, von wem sie ihre Schilde durchbohrt haben wollten. Ich schaute hinauf: die Bäume waren voller Laub.

Niemand schien mich zu bemerken. Ich ging den westlichen Abhang hinauf. Die Luft war lau, die Sonne war gerade untergegangen. Oben auf einem Hügel fing ein Feuer an zu flackern. Ich sah wieder in das Tal hinab. Auch dort unten wurde ein großes Feuer entzündet, Liebeslaute wehten herauf.

Ich ging wieder zum Bach hinunter und sah den König und die Königin in tantrischer Liebe vereinigt. Sehr still, sehr zitternd.

Eine riesige Trommel gab eine Reihe Signale, die Leute strömten herbei, und jetzt wurde gegessen und getrunken und getanzt.

 

6. Ich wandte mich an eine ältere Frau, um sie zu fragen, was das hier wohl für ein Fest sei? Sie schaute etwas erstaunt in meine Richtung, aber antwortete nicht. Konnte sie mich nicht sehen?

Sie ging zu einer Stelle, wo der Bach so schmal war, dass sie hin-überspringen konnte. Winkte sie mich zu sich?

Ich folgte ihr und sprang, aber ich stolperte und fiel mit einem Platsch in den Bach, so lang wie ich war.

- Ein Mittsommergast, ein Mittsommergast! - hörte ich erst einen und dann viele rufen, und ihre Stimmen klangen erregt und begeistert.

 

7. Ich erhob mich und sprang schnell aus dem Bach. Die Bäume standen nackt, es war kühl, ich war nicht naß.

Ich ging nach Hause.

1*.


Der Lebensbaum

A.

8.  Hoch über den Bäumen kreisten zwei Habichte. Jagten sie einander? Oder war das ihr Liebesspiel? Ich lehnte mich an eine hohe Buche und folgte ihnen mit den Augen. Ich stellte mir vor, dass ich dort oben schwebte. Die Luft fühlte sich fast massiv an unter meinen Flügeln. Ich konnte merken, dass ich der Luft vertrauen konnte, dass ich nicht fallen würde.

 

9.  Als ich weitergehen wollte, sah ich ungefähr fünfzig Schritte von mir einen alten Mann im Wald.

Er stand und umarmte einen Baum und schien mit sich selbst zu sprechen. Dann ging er einige Male um den Baum herum und kam zu mir. Wir führten etwa folgendes Gespräch:

- Warum standst du mit deinen Armen um den Baum?

- Weil er mein Lebensbaum ist.

- Dein Lebensbaum? Was ist das für ein Baum?

- Hast du denn nicht selbst einen Lebensbaum? - fragte er.

Und ich antwortete:

 

10. - Nein. Willst du mir erklären, was ein Lebensbaum ist? - Er sah  mich genau an, etwas erstaunt vielleicht, aber dann antwortete er:

- Das ist ein Baum, mit dem ich sehr verbunden bin.

- Warum bist du das?

- Weil meine Eltern nach meiner Geburt meinen Mutterkuchen hier begruben und dann diesen Baum drüber pflanzten. Danach sorgten sie gut für den Baum, bis ich so alt wurde, dass ich selbst Kinder bekommen konnte. Da gab ich ihm etwas von meinem Blut und übernahm seine Pflege. Und wenn ich mal tot bin, werde ich hier unter meinem Baum begraben werden. -

Er zeigte auf den Baum. Es war eine sehr schöne Birke.

 

11. Eine Birke? Hier in dem lichten Buchenwald?

Überall Birken und Tannen und Eichen und alle möglichen anderen Bäume? Wie hing das zusammen?

Der Alte sah wohl meine Verwirrung und lächelte mir zu.

- So sind die Lebensbäume, - sagte er milde. Was meinte er damit?

12. Ich war aber viel zu neugierig, um darüber nachzudenken, und fragte ihn:

- Aber warum nennst du ihn deinen Lebensbaum?

- Weil er mich mit dem Leben verbindet. Mit allem Leben, sowohl dem sichtbaren wie dem unsichtbaren. Mit allen Pflanzen und Tieren und Menschen. Auch mit dem eigenen Leben der Erde.

- Das klingt gut. Hat das irgendeine praktische Bedeutung? -

Er sah einen Augenblick aus, als wenn ich nichts von dem was er gesagt hatte, verstanden hätte. Aber dann antwortete er:

- Ja, das ist auch ganz praktisch. Ich kann mit den entferntesten Gegenden und Zeiten in Verbindung kommen, wenn es nötig ist.

13. - Aber warum willst du unter ihm begraben werden?

- Weil mein Körper dann ein Teil des Baumes wird, wie mein Mutterku­chen.

- Hat das irgendeine Bedeutung, wenn du erst mal tot bist?

- Bedeutung? Nein, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Warum sollte das eine Bedeutung haben? Findest du es denn nicht selb­stverständlich, dass ich meinen Körper dem Baum gebe, mit dem ich mein ganzes Leben zusammengelebt habe? Dass er ein Geschenk ist?

14. - Lebst du mit ihm zusammen?

- Ja, natürlich.

- Aber was, wenn du nicht hier in der Nähe bist?

- Selbst wenn ich weit weg in Zeit und Raum bin, kann ich mit meinem Baum reden und meine Liebe mit der Erde und mit meinen Lieben teilen.

- Auch wenn du tot bist?

- Auch wenn ich tot bin.

- Ist das eine Art Antenne? - fragte ich. Er schaute mich wie grübelnd an, als wenn er sich in meine Gedanken hineinfühlen wollte, und sagte:

- Eine Verbundenheit.

- Das klingt spannend. Kannst du dich auch hier und jetzt mit den entferntesten Zeiten und Gegenden in Verbindung setzen? Ich meine - wenn du dich an deinen Baum stellst?

- Ja, eben das kann ich ja! - antwortete er mit einem etwas verschmitz­ten Lächeln. Ich dachte aber nicht weiter darüber nach und fragte:

- Gibt es andere, die auch so einen Lebensbaum haben?

- Wir haben alle unseren Lebensbaum.

- Alle Menschen?

- Ja, alle Menschen auf der ganzen Erde.

15. - Ja, aber - ich habe doch keinen solchen Lebensbaum.

- Hast du nicht? - fragte er und ging auf die andere Seite des Baumes. Was wollte er da?

Ich schaute ihm nach, aber konnte ihn nirgendwo sehen. So schnell konnte er doch nicht zwischen den Bäumen ver-schwinden! Ich sah am Baum hoch. Dort war er auch nicht.

Die Habichte kreisten noch immer hoch oben. Ich sah mich um. Ich war wieder in meinem heimischen Wald.

Mir war sehr merkwürdig zu Mute. Hatte ich geträumt? War ich wirklich wo ganz anders gewesen?

Aber was ist Wirklichkeit? Und welche Wirklichkeit?

B.

16. Ich ging viele Tage und grübelte über dieses Erlebnis. Konnte ich wirklich bloß dadurch in Zeit und Raum reisen, dass ich mich an einen Baum stellte?

Um das herauszufinden, musste ich es noch mal versuchen.

Ich ging zu einer Eiche, die am Rand eines Quelltales im Wald steht. Dort hatte ich schon oft gesessen und der Musik des Wassers gelauscht. Sowohl am Tage wie in der Nacht.

Ich stellte mich dicht an den Baum und nahm ihn in meine Arme. Ich stand lange und hörte das Gluckern und Rieseln des Wassers. Aber anderes geschah nicht.

Dann erinnerte ich mich, dass der alte Mann einige Male um den Baum gegangen war. Das tat ich dann. Und wieder legte ich meine Arme um den Baum. Und wartete. Nichts geschah.

Aber was hatte ich eigentlich das letzte Mal getan? Ich hatte ja zu den Habichten hinaufgeschaut, hatte mir vorgestellt, dass ich flog. Aber hier waren keine Habichte, und ich konnte mir auch nicht richtig vorstellen zu fliegen. Da begann ich zu dem Baum zu sprechen.

'Lieber Baum, hilf mir bitte, zu dem alten Mann zu kommen, den ich letztmal traf! Da gibt es ein paar Sachen, die ich ihn gerne fragen möchte. Willst du mir nicht sagen, wie ich das machen kann?'

 

17. Aber der Baum antwortete nicht, und ich stand und fühlte mich dumm. Aber dann stellte ich mir vor, dass ich den Baum hinauf-kletterte, und als ich ganz oben auf den äußersten Zweigen der Krone angekommen war, stellte ich mir vor, dass ich einfach auf unsichtbaren Zweigen weiter­kletterte, höher und höher in die Luft hinauf.

Das muntere Flöten eines Kleibers brach meine Konzentration. Ich drehte mich, um ihn zu sehen. Dort stand der alte Mann und lächelte.

Warum war ich nicht erstaunt? Es kam mir so ganz natürlich und selbstverständ­lich vor, dass er da stand und lächelte.

Er bückte sich und entfernte ein paar alte Blätter von einer kleinen Steinplatte, die halb versteckt im Gras lag. Ich ging zu ihm und schaute auf die Platte. Sie war ungefähr zwei Hand-längen breit und drei Handlängen lang. Ein Ornament war in sie gehauen, oder waren es Buchstaben?

Ich schaute zu ihm auf, aber er war schon auf dem Weg zu einer kleinen Bank, die am Rand einer Lichtung stand. Ich folgte ihm und wir setzten uns.

Wir saßen eine Weile und  schwiegen. Dann sagte ich:

 

18. - Als wir einander letztes mal trafen, sagtest du, dass du mit den fernsten Zeiten und Gegenden in Verbindung treten kannst, wenn du an deinem Baum stehst. Aber du sagtest nichts darüber, dass man auch zu diesen fernen Zeiten und Gegenden reisen kann.

- Das kann ich auch nicht, - sagte er und lächelte wieder sein versch­mitztes Lächeln. - Aber du bist wohl nicht hierher gekommen, um mir zu erzählen, dass du hierher reisen kannst?


19. - Nein, - antwortete ich, - ich wollte dich über das mit dem Mutterkuchen und dem Blut fragen. Ich verstehe nicht recht, was Besonderes daran sein soll.

- Die Muster unseres Wesens und Lebens sind in ihnen. Wenn der Baum auf unserem Mutterku­chen wächst und wenn wir ihm etwas von unserem Blut geben, nimmt er diese Muster in sich auf. Das macht, dass wir immer mit unserem Baum verbunden sind, und dass wir einander immer verstehen werden.

- Können Bäume Menschen verstehen?

- So, wie wir Bäume verstehen können.

- Welchen Nutzen kann man davon haben?

- Der Baum steht uns mit seiner Kraft und seiner Weisheit bei, wenn wir ihn darum bitten.

- Haben Bäume Kraft und Weisheit?

- Sehr große Kraft. Sehr große Weisheit

- Wirkt die auch auf Abstand?

- Ja, Abstand bedeutet nichts. Aber es tut ja gut, mit seinem Baum zusammen zu sein. Es ist schön, seine Arme um ihn zu legen. Manchmal essen und trinken wir auch mit ihm. Und dann schmücken wir ihn mit Blumen oder vielleicht mit etwas anderem, was wir hübsch finden. Das freut unseren Baum und die Wesen, die in seiner Welt wohnen.

 

20. - Das klingt, als wenn ihr ihn mehr wie einen Freund als wie eine Pflanze auffaßt.

- Das ist richtig. Mein Lebensbaum ist mein sehr naher Freund. Wenn ich ihn umarme oder mich an seinen Stamm setze, fließt seine Leben­skraft durch mich hindurch. Das ist richtig gut für meine Gedanken und meine Gesundheit.

- Ist die Lebenskraft von anderen Bäumen nicht auch gut für die Gesundheit?

- Schon, aber ich bin ja in weit größerer Übereinstimmung mit meinem Lebensbaum als mit den anderen Bäumen. Deswegen heilt er mich eben weit besser als jeder andere Baum.

- Das klingt gut. Wozu brauchst du ihn sonst noch?

 

21. - Ich setze mich an seinen Stamm und mache mich leer von Unruhe. Viele machen ihre täglichen Rotas* an ihrem Baum, oder sie sagen Gebete und was sie sich für sich selbst und andere wünschen.                          * = siehe Worterklärungen Seite ...

- Also zum Beten, Meditieren und Wünschen? -

Er betrachtete mich eine Weile und sagte dann:

- Ich glaube, dass man das gut so nennen könnte.

- Ist es besser, an einem Baum zu beten und zu meditieren, als in der Wohnstube oder einer Kirche?

- Der Baum verbindet auf eine sehr lebendige Weise das Sichtbare mit dem Unsichtbaren.

- Körper und Geist?

- Körper und Kraft.

- Materie und Energie?

- Erde und Himmel.

 

22. - Aber wenn ein Baum uns mit allen Welten verbinden kann, müssen andere Pflanzen das ja auch können. Warum dann einen Baum wählen?

- Weil er größer ist als wir. Weil er so stark ist. Weil seine Kraft in so hohem Grade unserer Kraft gleicht. Und wenn man sich einen Baum anschaut, ist es auch leicht sehen, wie seine Kraft sich hoch in den Himmel und tief in die Erde fortsetzt. Es ist deutlich zu sehen, dass sein physischer Körper nur ein kleiner Teil von ihm ist. Er ist mit der Weisheit in allen Welten verbunden.-

Ich schaute mir die Bäume an, aber ich konnte nicht sehen, dass sie in den Himmel oder in die Erde fortsetzten. Aber darüber machte ich mir keine Sorgen und fragte gleich weiter:

 

23. - Haben andere auch Nutzen von euren Lebensbäumen?

- Alle, die uns lieben, können durch den Baum mit uns in Verbindung treten, egal wo wir uns befinden. Und wir können uns ihnen durch den Baum mitteilen.

- Aber könnt ihr denn nicht mit einander in Verbindung treten, ohne einen Baum als Zwischenglied? Ich meine ... rein telepathisch?

- Jadoch, leicht.

- Welchen Vorteil hat man, wenn man einen Baum dazu braucht?

- Die Klarheit, die Reinheit, die Stärke... Wie soll ich dir das erklären? Vielleicht so: Wenn ich einen Wunsch oder einen Gedanken rein telepathisch sende, ist es, als würde ich einen Brief senden. Wenn ich an meinem Baum einen Wunsch oder Gedanken sende, ist es, als wenn ich mit dem anderen spräche, wie eine Unterhaltung.

- Der Abstand wird vermindert?

- Da ist kein Abstand. Wir sind einander sehr nahe.

- Ihr könnt einander fühlen?

- Am deutlichsten, wenn wir unseren Baum um Hilfe bitten.

- Müßt ihr beide gleichzeitig an eurem Baum stehen?

- Nein, aber viele verabreden, sich zur gleichen Zeit an ihren Lebens- oder Freundschaftsbäumen zu treffen. Besonders Verliebte tun das, wenn sie sich nicht von Angesicht zu Angesicht begegnen können.

- Telepathische Erotik?

- Auch das, aber auch so viel anderes. All das, was Seelen mit einander teilen möchten!

- Wozu ist der Baum sonst noch gut?

- Jeden Tag bei Sonnenaufgang und bei Sonnenuntergang steht einer meiner Freunde an seinem Baum. Das wissen die Leute hier. Einige bringen ihre Kranken zu ihren Bäumen, andere ihre Sorgen und ihren Kum­mer. Er sieht sie und hilft ihnen, heilt sie.

- Ich habe schon mal von Fernheilung gehört - dass man Leute auf Abstand heilen kann. Ich habe aber nie gehört, dass man einen Baum wie eine Art Antenne gebrauchen kann. Oder wie einen Verstärker. Wie funktioniert das?

 

24. - Wenn mein Lebensmuster ein Teil von der Kraft des Baumes geworden ist, kann es zu den Mustern aller Menschen und aller anderen Wesen hinausreichen. Wenn die Muster einander begegnen, kann die Kraft hin und her fließen. Es kann Verständnis entstehen. -

Ich verstand nicht sehr viel von dem, was er sagte.

Was waren das für Muster?

Wie konnten Muster einander begegnen?

War die Rede von etwas ähnlichem wie Radiosignale?

Aber das hier war viel zu spannend, als dass ich mir Zeit gab zu spekulieren, also fragte ich:

 

25. - Gebt ihr einem Baum das Muster eures Blutes, nur um mit anderen lebenden Wesen in Verbindung zu kommen? Oder gibt es noch andere Gründe?

- Wir geben ja der lebenden Welt etwas von uns selbst. So wie die Sterne das Dunkel der Nacht zum Licht des Bewußtseins sammeln, sammeln wir unsere Liebe zu dieser bewußten Handlung. Wir binden unsere Liebe an die Erde. Die Erde gibt uns ihre Liebe dafür.

- Gibt die Erde nicht seine Gaben sowohl denen, die um sie bitten, wie denen, die das nicht tun?

- Ja, die Erde gibt allen. Beten ist aber wie die Hand zu öffnen um zu empfangen­. Wenn wir unsere Liebe bewußt an die Erde binden, öffnen wir uns bewußt für ihre Liebe. -

 

26. Ich saß und überdachte, was er gesagt hatte. Vielleicht sollte ich mir auch einen Lebensbaum anschaffen? Vielleicht sollte ich meinem Quellbaum etwas Blut geben? Dann konnte ich vielleicht reisen wohin ich wollte? Und die Erde würde mir vielleicht ein bißchen extra von seinen Gaben geben? Ich fragte:

- Wie macht man das, wenn man seinem Baum Blut gibt? -

Er antwortete nicht. Ich schaute auf: er war fort. Ich erhob mich, um nach ihm zu sehen. Aber ich stand bei meinem Quelltal. Das Wasser rieselte, rauschte, seufzte.

C.

27. Zu dieser Zeit hatte ich einige Jahre als Einsiedler gelebt. Ab und zu nur sah ich meine nächste Familie und einige wenige Freunde. Es war mein Wunsch, hinunterzufinden unter alle meine Gedanken, so dass ich wach genug werden konnte, um zu verstehen.

Die Begegnung mit der Wirklichkeit des alten Mannes hatte mir gezeigt, dass es eine ganz andere Art zu verstehen und zu erleben gab. Ich hatte einen kurzen Blick in ein ganz anderes Menschenleben getan. Ob es wirklich oder unwirklich, besser oder schlechter war als meins, war nicht so wesentlich. Man kann von allem lernen, es muss bloß wahr sein.

 

28. Darum ging ich jeden Tag zu meinem Baum hinunter und kletterte in der Phantasie an seinem Stamm hinauf und hinaus ins Universum, aber nichts geschah. Ich war ja etwas enttäuscht, aber meine Reisen mit dem Baum gaben mir doch ein wenig Ruhe in der Seele.

Aber dann eines späten Nachmittags dachte ich: Was würde wohl geschehen, wenn ich mit dem Baum hinunterginge, bis an die Spitzen seiner Wurzeln und weiter in die Erde hinein, vielleicht ganz bis zur Mitte der Erde? Also reiste ich nach unten, und irgendwie konnte ich mir die verschiedenen Schichten in der Erde ganz gut vorstellen, so ungefähr wie ich sie in einem Buch gesehen hatte.

Ich brauchte lange Zeit, um mir vorzustellen, wie glühend und unglaublich heiß die Erde ganz drinnen sein musste, aber dann huschte ich schnell wieder an die Oberfläche und öffnete die Augen.

Dort stand der alte Mann mit den Armen um seinen Baum.

Ich bekam einen kleinen Schock, denn nach all den vielen Malen, wo ich vergebens bei meinem Baum gestanden hatte, hatte ich beinahe vergessen, dass ich ihn gerne wiederse­hen wollte. Aber froh wurde ich.

Ich ging schnell zu ihm hinüber, aber hielt doch einige Schritt vor ihm an, ich wollte seine Meditation nicht stören. Es verstrichen nur wenige Augenblicke, dann wandte er sich mir zu. Ich wollte ausbrechen: "Nein, wie habe ich mich danach gesehnt, mit dir zu reden!", aber blieb doch stumm und reichte ihm nur die Hand. Er nahm sie und hielt sie, während wir einander eine Weile in die Augen schauten. Dann sagte ich:

 

29. - Willst du mir nicht erzählen, was du tust, wenn du bei deinem Baum stehst und ihn in deine Arme nimmst?

- Ich reise mit meinem Baum zum Glühenden Herzen der Erde und zu der Welt der Sterne, zu meinem eigenen Stern* und zu Ing* jenseits der #geschaffenen Welt.

Wenn ich zurückkehre, begrüße ich alle die Wesen im Unsicht-baren, denen ich auf meinem Weg begegne.

Das ist ein Rota, wo ich grüße und bitte, wünsche und danke.

 

30. - Wie oft macht du das?

- Täglich, wöchentlich, monatlich, je nach Bedarf.

- Und was machst du, wenn du nicht hier in der Nähe bist?

- Dann stelle ich mich an einen anderen Baum. Und wenn's keinen Baum gibt, nehme ich eine andere Pflanze, auch wenn sie vieleicht in einem Blumentopf steht. Dieser Baum oder diese Pflanze verbindet mich mit meinem Lebensbaum.

- Und wenn es gar keine Pflanzen gibt?

- Dann fällt mir sicher etwas anderes ein.

 

31. - Was nützt dieses 'Rota'?

- Ja, was nützen Wunsch und Dank, Meditation und Gebet? -


Ja, so hatte ich das nicht gemeint. Deswegen fragte ich:

- Ich dachte, ob du auch mit anderen Menschen Kontakt aufnimmst, ob sie dir helfen oder du ihnen hilfst?

- Auf diese Weise können wir einander sehr viel helfen.

- Ich dachte, ob du vielleicht auch Hilfe bekommst, wenn du traurig bist?

 

32. - Ich habe großen Trost gefunden, wenn ich mit den Göttern und den unsicht­baren Wesen sprach. Und mein Baum hier gibt mir oft guten Rat, beruhigt mich oder lindert meine Schmerzen. Am tiefsten aber tröstet mich doch Ing.

- Ing?

- Ja, der Ort wo ich nicht bin.

- Das verstehe ich nicht. Willst du mir's erklären?

- Das kann ich dir nicht erklären, jetzt nicht.

Damit musste ich mich zufrieden geben. Mir war aber klar geworden, dass ich meinen Baum daheim zu viel mehr gebrauchen konnte, als mir selbst eingefallen war. Nach einiger Zeit fragte ich:

 

33. - Darf ich nach etwas anderem fragen? Gebt ihr dem Baum nur Blut, wenn ihr geschlechtsreif geworden seid?

- Wir können das so oft tun, wie wir wollen. Jedes mal, wenn wir finden, dass wir uns verändert haben.

 

34. - Was macht ihr, wenn euer Lebensbaum verwelkt oder gefällt wird?

- Wir pflanzen einen neuen und geben ihm ein bißchen von unserem Blut.

- Welches Ritual gehört dazu?

- Wir sprechen mit unserem Baum wie mit einem sehr guten Freund.

Mehr ist nicht nötig. -

 

35. Während wir plauderten, begannen wir, im Wald umher­zugehen. Ich bemerkte, dass die meisten Bäume recht groß waren und dass sie Platz genug hatten, sich zu entfalten. Nur an einer Stelle sah ich einen jungen Baum in einer Lichtung. Ich setzte das Gespräch fort:

 


36. - Ich dachte daran, ob ihr jedem Kind seinen eigenen Baum gebt, oder ob ihr den selben für sie alle braucht?

- Wir tun, wie wir wollen und wie die Umstände es bestimmen. Einige brauchen den gleichen Baum für die ganze Familie, durch viele Geschlechter, aber die sind selten. Früher war das gewöhnlich.

- Soll euer Lebensbaum alleine stehen? Oder ist es besser, wenn er zusammen mit anderen Lebensbäumen steht?

- Wir pflanzen unsere Lebensbäume zusammen mit den Menschen, mit denen wir uns verbunden fühlen.

- Das kann ja zu einem ganzen Wald werden!

- Ja, so wie dieser, in dem wir gerade stehen.

- Sind alle Bäume in diesem Wald Lebensbäume?

- Nein, nur in diesem Teil des Waldes. Dieses Teil nennen wir den Heilighain.

 

37. - Braucht ihr diesen Wald auch zu anderen Sachen?

- Hier sind wir unseren Göttern nahe. Hier tanzen und beten wir, hier teilen wir #Gelehrsamkeit und Stille.

- Gibt es gar keine Häuser in diesem Wald? Ich sehe keine hier.

- Doch, rund umher stehen die Hütten und Häuser, die wir als Schutz gegen das Wetter brauchen. Wenn du diesem Steg folgst, kommst du zum Großen Waldhaus.

- Wohnt jemand in diesen Häusern?

- Nur die, welche diesen Ort bewachen und pflegen. Wenn wir den Tanz und das Beten, die Gelehrsamkeit und die Stille teilen, können wir leicht viele hier werden. Da ist reichlich Platz für Gäste in unseren Heilighainen.

 

38. - Welche Baumart wählt ihr für euer Kind?

- Den Baum, den wir gerne mögen. Kein Baum ist besser als ein anderer. Wenn wir unserem Kind einen Lebensbaum wählen, denken wir auch daran, dass es einmal unter ihm begraben werden wird. Genau wie unsere Eltern einen Baum für uns wählten.

- Werden Eure Lieben auch mit euch durch den Baum in Verbindung treten können, wenn ihr einmal tot seid?

- Das werden sie. Und wir werden mit ihnen zusammen sein können.

- Auch wenn ihr wo ganz anders beerdigt worden seid?


- Auch wenn unser Körper wo ganz anders zur Erde zurückkehrt. Aber wir wünschen, unter unserem Lebensbaum begraben zu werden. Und unsere Lieben wünschen, uns dort zu begraben.

 

39. - Könnt ihr auch mit den Toten in Verbindung treten, ohne ihren Lebensbaum als Zwischenglied zu gebrauchen?

- Selbstverständlich, denn alles ist mit allem verbunden. Aber ob wir leben oder tot sind, ist der Lebensbaum unsere Wurzel auf der Erde. -

 

40. 'Er ist ihre Wurzel auf der Erde...', dachte ich. 'Wo habe ich meine Wurzel? Und werde ich auch eine Wurzel auf der Erde haben, wenn ich einmal tot bin? Oder hatte ich schon eine Wurzel hier, ehe ich geboren wurde? Wurde ich deshalb hier auf der Erde geboren?'

Ich setzte mich auf einen Baumstumpf, um über diese Fragen nach­zudenken. Ein paar kleine, schwarze Ameisen krabbelten an meinem Bein hoch. Als ich sie abschütteln wollte, entdeckte ich, dass ich mich wieder in meinem heimischen Wald befand.

 

*2.


Zusammenleben

 

41. - Was macht ihr in eurem Dorf?

- Wir bestellen die Felder, pflegen die Kunst und das Handwerk.

- Welche Art Handwerk?

- Jede Art Handwerk, die der Seele Ruhe gibt.

- Welche Art Kunst?

- Jede Kunst, die dem Stern hilft, auf der Erde zu strahlen.

 

42. - Wie bestellt ihr den Boden?

- So, wie die Erde es selber tut.

- Was meinst du damit?

- Die Erde weiß, wie sie alles sprießen und reifen läßt. Wenn wir aufmerksam sind, können wir von ihr lernen.

- Und was ihr dann gelernt habt, braucht ihr, wenn ihr eure Äcker bestellt?

- Ja, natürlich.

- Und dann habt ihr genug zu essen?

- Reichlich.

 

43. - Bekommt ihr Geld für eure Arbeit und eure Kunst?

- Wir gebenen einander alles mögliche für das, was wir machen.

- Habt ihr was gegen das Geld?

- Warum sollten wir? Geld ist doch ziemlich praktisch. Aber bei euch scheint es eher eine Glaubenssache als eine praktische Einrichtung zu sein.

- Warum meinst du das?

- Du hast mir ja erzählt, dass ihr das Geld braucht, um zu messen, welchen Wert irgendet­was hat. Und welchen Wert man den Dingen zuschreibt, ist doch eine Glaubens­sache. Das kommt doch darauf an, woran man glaubt.

- Aber habt ihr gerne viel Geld?

- Wir mögen gerne einander und unserer Welt Leben geben. Dazu kann man auch Geld gebrauchen. Es macht viele Sachen leichter.

 

44. - Gibt es Leute bei euch, die reich sind?

- Reichtum ist nicht, was man hat, sondern was man übrig hat - das, was man ohne Entgelt weggeben kann.

- Dann gibt es nicht viele Reiche bei euch?


- Doch, auf diese Weise sind gerade viele bei uns reich.

 

45. - Habt ihr viele Alte bei euch?

- Ja, es wohnen richtig viele alte Menschen bei uns.

- Können sie sich selbst versorgen? Oder versorgt ihr sie?

- Wir versorgen uns nicht selbst. Wir versorgen einander.

- Dann gibt es keine Armen bei Euch?

- Wir würden uns schämen, so arm zu sein.

- Wie meinst du das?

- Wir würden uns schämen, wenn wir so arm wären, dass wir den Bedürftigen nicht helfen könnten.

- Dann seid ihr wohl ziemlich stolz?

- Stolz? Nein, aber wie sollten wir uns sonst über unseren Reichtum freuen?

 

46. - Könnt ihr das nur durch geben tun?

- Geben? Die Erde teilt mit uns, wir teilen miteinander.

- Bei uns wollen die Leute alles selber haben.

- Teilt ihr denn nicht die Freude bei euch?

- Nein, die behalten wir meistens für uns selbst, oder teilen sie nur mit ganz wenigen.

- Aber wie soll die Freude dann wachsen können? Ihr müßt ziemlich arm sein bei euch. Und wie solltet ihr da Vertrauen zu einander haben?

 

47. - Aber was mit all den Menschen, die zu nichts nütze sind?

- Wer sollte das sein?

- Ja, zum Beispiel die Alten, nach denen ich vorher fragte.

- Die Alten sind doch das Beste, was wir haben.

- Bei uns meinen die meisten, dass es sich nicht lohnt, viel für die Alten zu tun. Man investiert in die Kinder, während die Alten im Großen und Ganzen unnütz sind, ja zur Last fallen.

- In die Kinder investieren? Was meinst du damit?

- Dafür sorgen, dass sie gut gedeihen, so dass sie tüchtig und stark sind, wenn sie hinaus ins Arbeitsleben sollen. Die meisten sind nur gut zu den Alten aus Mitleid oder Anständigkeit.

 

 

 

48. - Aber die Alten sind doch die Krone des Lebens!?


Des mehr alte Menschen bei uns wohnen, und des älter sie sind, desto deutlicher sehen wir, dass unsere Gemeinschaft uns gelingt. Wir sind stolz auf unsere Alten.

 

49. - Seid ihr stolz auf eure Alten? Wir sind stolz auf unsere Kinder.

- Stolz auf eure Kinder? Das sind wir nicht. Für die sind wir dankbar. Worauf könnte man da stolz sein?

- Die haben wir ja selbst gemacht.

- Das habt ihr doch nicht! Die sind ja nur durch euch gekommen. Und dafür könnt ihr nur dankbar sein.

- Darin kannst du recht haben.

 

50. - Aber dann freut ihr euch nicht darauf, alt zu werden?

- Nein, bei uns werden die meisten traurig, wenn sie an ihr Alter denken.

- Wie könnt ihr dann frohe Kinder haben? Und wie könnt ihr dann selbst froh sein?

- Freude? Ja, die schätzen wir nicht sehr hoch bei uns.

- Aber wenn ihr selbst und eure Kinder nicht erleben, dass die Alten glücklich sind - wie könnt ihr dann glücklich sein?

- Glücklich? Glückliche alte Menschen? Das sehen wir selten bei uns.

 

3*.


Einweihung zum Erwachsenen

 

51. Ich stand plötzlich in einem lichten Wald. Ich sah eine Menge Menschen, die sich um einen großen Baum auf einer Lichtung scharten. Eine frohe und etwas feierliche Musik klang unter einigen Birken hervor.

Ich kletterte auf eine alte Esche, damit ich besser sehen konnte, was da bei dem großen Baum geschah. In der Menschenmenge sah ich eine Schar großer Mädchen und Knaben. Sie waren in lange, lose Gewänder gekleidet. Die der Mädchen waren grün, die der Knaben rot. Ihre Gesichter und Be­wegungen schienen ruhig und ernst. Jetzt gingen die Männer etwas zur einen Seite und die Frauen zur anderen, die Mädchen und Knaben stellten sich in einer losen Reihe auf.

Ein Mann hob eine lange Stange auf, ging auf die andere Seite des Baumes und pflanzte sie dort in die Erde. Eine große weiße Fahne mit einem aufrech­ten, grünen Henkelkreuz entfaltete sich. Gleichzeitig stieg die Musik zu einem Crescendo und schwieg danach.

Eines der Mädchen ging zum Baum, beugte sich und ver-schwand im Baum, um gleich danach auf der anderen Seite wieder heraus­zukommen. Sie rief etwas mit lauter Stimme. Ich konnte sie nur schwer verstehen, aber die Worte waren ungefähr folgende:

 

52. Jetzt bin ich aus der Welt meiner Kindheit gegangen

und habe euch verlassen, Mutter und Vater!

Dank für eure Fürsorge! Dank für eure Liebe!

Jetzt bin ich ein Weib und will* meinen Mann finden.

 

Sternvater! Erdvater!

Gebt Kraft für das, was ich tun will!

Sternmutter! Erdmutter!

Gebt den Ort wo ich sein will!

Aus Fruchtbarkeit kam ich zur Erde

und Fruchtbarkeit will ich geben!

 

*(auf dänisch bedeutet das Wort 'vil' ­sowohl 'wollen' wie 'werden'.)

 


53. Sie ging zur Fahne und stellte sich neben sie. Ich kletterte von meinen Aus­sichtspunkt hinunter und ging näher zu dem großen Baum in der Mitte. Ich hoffte, dass ich nicht stören würde, aber die Leute lächelten bloß und machten mir Platz.

Nun sah ich einen der Knaben zum Baum gehen, auch er beugte sich und verschwand im Baum, um gleich danach auf der anderen Seite wieder auf­zutauchen. Er rief auch laut, und so weit ich hören konnte, sagte er so ziemlich das selbe wie das Mädchen:

 

54. Jetzt bin ich aus der Welt meiner Kindheit gegangen

und habe euch verlassen, Mutter und Vater!

Dank für eure Fürsorge! Dank für eure Liebe!

Jetzt bin ich ein Mann und will mein Weib finden.

 

Sternvater! Erdvater!

Gebt Kraft für das was ich tun will!

Sternmutter! Erdmutter!

Gebt den Ort wo ich sein will!

Aus Fruchtbarkeit kam ich zur Erde

und Fruchtbarkeit will ich geben!

 

55. Jetzt sah ich, dass der Baum ein großes Loch in der Mitte hatte: sein Stamm teilte sich eben über der Erde und sammelte sich wieder etwas über Brusthöhe. Solche Bäume hatte ich ab und zu in meinen heimischen Wäldern gesehen, und ich wußte, dass es Menschen gab, die abergläubi­sche Vorstellungen mit ihnen verbanden.

Während der eine nach dem anderen der jungen Menschen durch den Baum gingen, nahte sich ein alter Mann und begrüßte mich mit einem Nicken und einem Lächeln. Ich sah, dass es der Alte vom Lebensbaum war und wurde froh, weil hier jemand war, den ich kannte. Er nahm mich ein wenig beiseite und sah mich fragend an.

- Darf ich hier sein? - fragte ich.

- Selbstverständlich! Du bist sehr willkommen, - sagte er ruhig.

- Was geht hier vor sich?

 

56. - Diese jungen Menschen sindim letzten Jahr geschlechtsreif geworden. Jetzt weihen sie sich zum erwachsenen Leben ein.


- Das gibt es auch bei unst, wo ich herkomme. Aber dort geschieht das in einer Kirche, wo ein Priester spricht. Sie brauchen eigentlich nichts anderes als "ja" sagen zu dem, was er sagt.

 

57. - Alle Einweihungen sind Selbsteinweihungen, - sagte er. - Aber wir können einander helfen. -

 

58. Ich fragte: - Warum kriechen sie durch den großen Baum dort drüben?

- Wir nennen es "durch den Baum gehen". Wenn wir das tun, lassen wir alte Seelenmuster hinter uns und öffnen uns für neue.

- Tut ihr das nur bei dieser Einweihung?

- Nein, auch wenn wir krank sind, und auch sonst, wenn wir es nötig finden, etwas altes abzustreifen.

 

59. - Muss das so ein Baum sein, wo der Stamm sich teilt und weiter oben wieder zusammenwächst?

- Weiter im Süden liegt ein Dorf, wo man einen solchen Baum nicht hat. Dort brauchen sie einen Baum, wo zwei große Äste zusammengewach­sen sind.

- Könnte man auch ein großes Loch in einen dicken Baum meißeln und dann hindurchkriechen? - fragte ich. Die Art, wie er mich anschaute, gab mir das Gefühl, dass ich etwas sehr dummes gesagt hatte. Ich fragte schnell:

 

60. - Was soll jetzt geschehen? - Ich sah, dass sich alle Leute bei der Fahne versam­melten, während die Musiker zu ihnen gingen und eine muntere Melodie spielten.

- Wir gehen zur Heiligquelle, sie liegt nicht so weit von hier.

- Was soll dort geschehen?

- Das wirst du sehen.

- Darf ich mitgehen?

- Jaja, - sagte er und fing an, der Menschenschar zu folgen, die sich mit der Fahne und den jungen Menschen an der Spitze in den Wald hinein bewegte.

 

61. - Was bedeutet das Zeichen, dass ihr da auf der Fahne habt? - fragte ich.


- Wir nennen es das "Menschenzeichen", - sagte er und setzte den Ringfinger seiner linken Hand mitten in die Stirn, der Zeigefinger und der kleine Finger ruhten leicht auf den Augen­brauen und der Mittelfin­ger folgte dem Nasenrücken.

- Was bedeutet das? - fragte ich.

- Über der Sinnenwelt, in der Sinnenwelt, - sagte er, und dann wandte er sich weg und ging zu einigen Leuten, die ihm winkten.

 

62. Während ich dem Aufzug folgte, grübelte ich: Er hatte den Ringfinger genau dort hin gesetzt, wo man sagt, dass sich das dritte Auge befindet...

Aber die Musik veränderte sich und alle begannen auf dem Waldsteig zu tanzen, nicht wild, sondern leicht und schwebend. Eine maskierte Gestalt nahm mich bei der Hand und schwang mich herum. Ich war einen Augenblick lang #abwesend und dann stand ich an einem Abhang und sah in ein Quelltal hinunter, wo ein kleiner Bach aus der Erde rieselte.

Alle die Jungen und viele der Erwachsenen standen an seinen Ufern. Die Musik schwieg, nur eine einzelne Flöte ließ ihre langen Töne zur Quelle hinuntersch­weben. Das Glucksen und Rieseln des Baches klang mild im warmen Sonnenschein.

 

63. Es wurden einige Worte gesagt, die ich nicht verstand. Darauf zog einer der Knaben sein Zeug und seine Schuhe aus und trat in den Bach.

Er wusch seine Hände und sein Gesicht und trank ein wenig Wasser aus der hohlen Hand. Einige der Erwachsenen spritzten Wasser auf sein Geschlecht und seine Brust. Dann erhob er seine Hände und sagte mit lauter Stimme, langsam und feierlich, ungefähr folgende Worte:

 

64. Heiliges Wasser! Du gute Quelle!

Tief aus der Erde quillst du hervor!

Verborgen in dir ist das Feuer der Erde!

 

Feuer der Erde!

Gebe mir Stärke!

Wasser der Erde!

Gebe mir Frieden!

 

Aus Frieden bin ich zur Erde gekommen

und Frieden auf Erden will ich geben!


 

65. Nun stieg er wieder aus dem Bach und zog sich an, während der nächste in den Bach stieg. Als alle das getan hatten, schwieg die Flöte und nur die munteren Laute des Baches ließen sich hören. Der Mann mit der Fahne ging nun hinunter und tauchte sie ins Wasser. Er hob sie langsam wieder hoch und schwang sie plötzlich wild in großen Kreisen, so dass alle, die um ihn standen, ihren Teil der glitzernden Tropfen bekamen. Es entstand eine große Munterkeit, es wurde viel gelacht, und die Musik begann eine schnelle, rhythmische Melodie zu spielen.

Jetzt ging es wieder durch den Wald. Ich fühlte mich leicht und froh ums Herz und schwebte, tanzte mitten in der Schar den Pfad entlang.

 

66. Wir kamen aus dem Wald und folgten dem Weg am Waldrand entlang. Auf einem kleinen Hügel stand eine Handvoll Menschen im Gras. Der Aufzug bewegte sich hin zu ihnen, und nun sah ich Körbe und Flaschen und Becher. Die Leute lagerten sich, die Musik schwieg, die Körbe und Flaschen wanderten vom einen zum anderen.

Wie herrlich es war mit einem Bissen Brot und etwas zu trinken!

 

67. - Das ist Wasser von der Heiligquelle, - sagte eine freundliche Frau zu mir. - Und das Korn, aus dem dieses Brot gebacken ist, hat mein Mann gesät.

 

68. - Ist das hier der Schluß der Einweihung? - fragte ich meine Nachbarin etwas später.

- Nein, jetzt kommt der Höhepunkt, - sagte sie, aber der Mann sagte: - Das ganze ist ein Höhepunkt!

- Was soll denn passieren? - fragte ich, aber die Musik unter-brach unser Gespräch mit gewaltigen Schlägen auf den Gong. Das war das Zeichen für den Aufbruch, man versammelte sich und wieder ging es in den Wald. Nun fand ich, dass ich die Gegend kannte, hier hatte ich den alten Mann getroffen, der mir von den Lebensbäumen und dem Heilighain erzählte.

Wir hielten an. Die Musiker legten ihre Instrumente auf einige große schöne Decken, die auf dem hellen Gras des Wald-bodens ausgebreitet waren.

 


69. Man reichte einem der Mädchen ein kleines Messer, sie ging zu einem der Bäume und schnitt vorsichtig ein Zeichen in seine Rinde.

- Was ist das für ein Zeichen? - fragte ich flüsternd den Mann, der mir am nächsten stand.

- Ihr eigenes Zeichen, - bekam ich als Antwort. Das Mädchen nahm ein bißchen von der Rinde und kaute lange an ihr, ehe sie sie schluckte. Dann stand sie eine Weile mit geschlossenen Augen. Plötzlich hob sie ihre Hände über den Kopf und schnitt einen kleinen Schnitt in ihren rechten Mittelfinger. Etwas Blut sickerte hervor, behutsam verteilte sie es in der Wunde des Baumes.

Dann sagte sie mit leiser Stimme, aber sehr deutlich, ungefähr folgende Worte:

 

70. Nun bin ich verwundet

wie alles Leben.

 

Nun bin ich offen,

nun kann ich geben,

nun kann ich empfangen.

 

Du, Lebensbaum!

Empfange mein Blut,

mein Leben und mein Wesen.

 

Weisheit sei unser Band!

Liebe unsere Quelle!

Freude unser Weg!

 

Verbunden sind nun

Krone und Wurzel.

Zusammen sind nun

wir beide für immer!

 

Wie ich dich fortan hüten will,

wirst du auch mich beschützen.

71. Während sie bei der Wurzel ihres Baumes niederkniete, ging einer der anderen zu seinem Baum und tat wie sie.

Alle schwiegen.


Als die ganze Schar sich ihren Lebensbäumen geweiht hatte und dort standen oder saßen, wo sie diese Worte gesagt hatten, sammel­ten sich die Erwach­senen und gingen schweigend fort, die Musiker nahmen ihre Instrumen­te mit.

 

72. Der Tag ging zur Neige. Ein Krähenschwarm flog auf, ihr Gefieder glänzte in der tiefen Sonne mit einem lilla Schimmer. Der alte Mann hatte mich eingeholt und ging nun an meiner Seite. Er wirkte lebhaft und viel jünger als früher am Tage. Ich dachte, wie lange ich wohl diesmal in dieser Welt sein durfte. Und dann fragte ich den Alten:

- Wie lange sollen die jungen Leute bei ihren Bäumen bleiben?

- So lange wie sie Lust haben.

- Gehen sie dann nach Hause?

- Einige. Andere versammeln sich im Großen Waldhaus oder treffen sich wo anders, viele bleiben die ganze Nacht dort draußen bei ihren Bäumen.

 

73. - Ich möchte gerne, dass meine Einweihung zum Erwachsensein auf eine ähnliche Weise vorgegangen wäre.

- Dazu ist es doch nicht zu spät! - grinste er.

- Wieso? Was meinst du? - fragte ich. - Es ist ja immerhin eine Weile her, dass ich erwachsen wurde.

- Dazu wird man doch nie zu alt! - sagte er und hüpfte rauf und runter. - Du kannst diese drei Einweihungen jederzeit ausführen, wenn du fühlst, dass es erforderlich oder nützlich ist, entweder alleine oder gemeinsam mit anderen. Aber das erste Mal werden sie bei der Geschlechtsreife ausgeführt, weil der junge Mensch jetzt Leben empfangen und weitergeben kann.

 

74. - Gehen die Einweihungen immer gemeinsam und mit Musik vor sich?

- Jeder kann frei wählen, ob die Einweihung im Stillen vor sich gehen soll, oder ob sie von feierlicher oder munterer Musik und Tanz begleitet sein soll. Es braucht nicht in der Schar zu sein, aber ohne erwachsene Zeugen tun wir's das erste Mal nicht.

 

75. - Kann man als Erwachsener eingeweiht werden?

- Zu was?

- Ich weiß nicht? Es war nur ein Gedanke.


- Wenn wir erwachsen sind, weihen wir uns selbst ein. Sich selbst einzuweihen bedeutet, eine bewußte Verbindung mit der unsichtbaren Welt zu bekommen.

- Wie tut ihr das?

- Eine der gewöhnlichsten Selbsteinweihungen bei uns ist eine Nacht in einer Erd- oder Steinhöhle. Hier können wir die Visionen bekommen, die uns den Zusammen­hang in unserem eigenen Leben und in allem Leben der Erde erschauen lassen -

Ich hatte eine Idee und fragte: - Könnte man ein Hühnengrab gebrau­chen?

- Was ist das? - fragte er. Ich erklärte, was ein Hühnengrab ist, und er sagte: -- Ausgezeichnet! Dazu sind sie wohl gebaut worden.

- Wie alt soll man sein?

- Am besten um die dreißig, - sagte der Alte.

 

76. Er fing wieder an rauf und runter zu hüpfen, schneller und schneller. Während ich mich wunderte, warum er das wohl tat, verschwand er langsam aus meinen Augen und ich erwachte von meinem eigenen lauten Schnarchen, mit dem Kopf auf meinem Tisch.

Ich stand mit Mühe auf und ging vor das Haus, atmete viele Male tief ein und aus und hüpfte rauf und runter um den Kreislauf zu aktivieren. Ich ging wieder hinein und nahm mir was zu essen. Dann beeilte ich mich, so viel von dieser Reise nieder­zuschreiben, wie ich konnte, ehe die Müdigkeit mich über-wältigte. Später habe ich etwas um­geformt und ein bißchen hinzugefügt, so dass du mir leichter folgen konntest in dem, was du jetzt gelesen hast.

4*.


 Moral

 

77. - Gibt es Diebe bei euch?

- Es geschieht, dass jemand stiehlt.

- Ist das verkehrt?

- Es ist dumm.

- Warum dumm?

- Es ist dumm, nicht den Gesetzen der Natur zu folgen.

 

78. - Ich dachte, das wäre eine Frage der Moral.

- Moral?

- Die Regeln, wie man sich benehmen soll, über die die meisten sich einig sind. Oft ist es ein Gott oder ein Prophet, der die Grundregeln gegeben hat.

 

79. - Wieso habt ihr einen Gott oder Propheten, der euch sowas sagt? Die Regeln sind ja überall sichtbar! Nichts geschieht, ohne die Gesetze zu zeigen, nach denen es geschieht.

- Welches Gesetz bricht der Dieb?

- Der Dieb bricht kein Gesetz, Gesetze können nicht gebrochen werden. Das Gesetz ist:

 

80. Was du berührst, das berührt dich.

- Das ist logisch. Man berührt ja möglichst nicht das, was man nicht leiden kann.

- Das hier handelt nicht darum, was du berührst, sondern wie du es berührst. Denn das Gesetz sagt weiter:

So wie du etwas berührst, so berührt es dich.

 

81. - Und welche Konsequenzen hat dieses Gesetz?

- Wenn du etwas stiehlst, bekommst du Diebeshände. Ja, ehe du stehlen kannst, musst du dich erst zum Dieb machen. Du musst dich zum Lügner machen, ehe du lügst. Du musst ein Mörder sein, ehe du jemanden totschlägst. Der Haß, der deine Feinde trifft, muss erst in dir ent­stehen. Haß kann nur hassen, und mit deinem Haß in dir, haßt du dich selbst.

 

82. - Aber wenn es keine Moral gibt, ist es ja nicht verkehrt, Dieb oder Lügner oder Mörder zu sein?


- Verkehrt? Nein, ich sagte ja, dass es dumm ist. Denn wenn du etwas stiehlst, stiehlst du etwas von dir selbst. Wenn du lügst, lügst du vor dir selbst. Wenn du mordest, mordest du etwas in dir selbst. Alle deine Handlungen sind in dir.

Es ist dumm, sich selbst mit schädlichen Handlungen zu schaden.

 

83. - Aber in der Regel kann man doch gar nicht merken, dass man sich selbst schadet, wenn man andere schadet. Es kann sogar ein Vergnügen sein, das Verkehrte zu tun. Es gibt ja auch etwas, was man Schaden­freude nennt.

- Schadenfreude ist schlecht verborgene Lust am eigenen Schmerz.

- Das verstehe ich nicht.

- Jeder Schmerz in der Welt ist auch dein Schmerz, genau wie jede Lust auch deine ist.

- Ich erlebe nicht alle Lust und allen Schmerz in der ganzen Welt!

- Nein, das tust du wohl nicht. Aber mit dem Schmerzen von denen, die dir nahe sind, egal ob Freund oder Feind, bist du direkt verbunden. Das Erleben folgt der Auf­merksamkeit.

Den Schmerz, auf den du auf­merksam bist, den fühlst du. Darum ist die Lust an den Schmer­zen anderer, Lust am eigenen Schmerz.

 

84. - Aber wie kannst du wissen, dass ich das, was ich gegen andere tue, gegen mich selbst tue? Wenn ich dich schlage, fühlst du den Schmerz, während ich den Schlag nur als dumpfen Rückstoß in meiner Schulter und meinem Arm empfinde. Mir tut es ja nicht weh? Man sieht's den Leuten ja nicht an, dass sie tausend Menschen hungern lassen. Im Gegenteil, es gibt eine ganze Menge fette Menschen in der Welt, in der ich lebe.

- Es ist nicht der Körper, der unmittelbar unter dem Schaden, den du anderen zufügst, leidet, es ist die Seele.

- Die kann man nicht sehen. Wo kann man den Schaden sehen, den ich mir selbst zufüge, wenn ich dich schlage? Kann man ihn in meiner Aura sehen?


- Man kann ihn in deiner Kraft sehen. Sehr deutlich. Du selbst kannst ihn in deiner Angst und in deiner schlechten Laune und in vielem anderen sehen. In deinen Handlungen. In deinen Träumen. Aber besonders in deiner Freude.

Hast du eine gute Freude?

- Das weiß ich nicht. Bei uns reden wir über das Gewissen.

 

85. Wie kann es sein, dass ich nicht weiß, dass meine schlechten Handlungen mir selber schaden? Ich weiß ja wohl, dass ich gute Laune kriege, wenn ich gut zu jemandem bin.

- Das ist so, weil du nicht aufmerksam genug bist.

- Wie soll ich wissen, dass das richtig ist, was du sagst, wenn ich nicht aufmerksam genug bin?

- Selbst wenn die Wirkungen nicht immer deutlich sind, ist das Gesetz klar genug: eine jede Kraft wirkt in beiden Richtungen. Die Worte, die du sprichst, hörst du selbst.

Der Kuß, den du gibst, macht dich selber froh.

Ein jeder Impuls hat einen #Respons, in dir, außerhalb von dir. Verbreitest du Dunkel, wirst du dunkel.

Verbreitest du Licht, wirst du hell.

Die Angst, die du machst, entsteht in dir.

Die Freude freut den Frohen.

 

86. - Ich habe diesen Satz gehört: Tanz  tanzt den Tänzer. Ist es das, was du meinst?

- Richten richtet den Richter.

 Mord mordet den Mörder.

Das wissen alle hier. Wenige sind so dumm, nicht dem Gesetz zu folgen, selten, dass das geschieht.

 

87. - Also ist es reiner Egoismus, dass ihr das Gute tut und das Schlechte un­terläßt?

- Egoismus? Ist Klugheit und Einsicht Egoismus?

 

88. - Wenn nun aber ich selbst und das Volk wo ich wohne nicht so klug und einsicht­svoll sind, wie sollen wir dann wissen, dass es dieses Gesetz gibt?

- Ihr könnt es durch nachdenken erkennen. Alle werden erleben, dass das was ich sage, richtig ist, wenn sie das Erdenleben verlassen.

Nur die Schwere kann uns so unaufmerksam machen.       


Eine Belehrung im Kuhstall

 

89. Ich legte mich auf mein Sofa, um meine Augen auszuruhen. Ich muss eingeschlafen sein, denn einen Augenblick später erwachte ich durch einen guten, warmen Geruch, der mich an meine Kindheit erinnerte.

Damals wurde ich oft zum Nachbarn geschickt, um Milch zu holen. Der Geruch wurde stärker, ich setzte mich auf und öffnete die Augen. Ich saß auf einem Haufen Stroh in einem Kuhstall. Da standen wohl vier - fünf Kühe. Ich hörte das Geräusch von Milch, die rhythmisch in einen Eimer spritzte. War ich wach?

Es war ganz und gar so wie drüben bei Jensens, wenn ich darauf wartete, dass man mit dem Melken fertig wurde. Die Kühe prusteten und käuten wieder. Ab und zu platschte es in der #Mistrinne. Es war so friedvoll in dem kleinen Stall, dass ich die Augen wieder schloß, um weiter zu träumen.

Aber es zog kalt von der Stalltür und ich erhob mich um zu sehen, wo ich war. Ich ging ein paar Schritte den #Gang hinunter und sah den Alten, der ruhig und rhythmisch die eine Handvoll Milch nach der anderen aus der Kuh und in den Eimer molk. Er sah auf.

 

90. - Na, konntest du mich hier finden?

- Offenbar. Ich glaubte, dass ich träumte. Ich wußte nicht, dass du Kühe hältst.

- Das sind nicht meine Kühe, sie gehören meiner Schwester. Sie sitzt dadrüben und melkt. - Er deutete mit dem Kopf an, wo sie saß.

- Dann hilfst du ihr?

- Ja... wer hilft wem?

- Dann tut sie vielleicht etwas anderes für dich?

- Ja... aber das war's nicht, was ich meinte. Es hilft so gut, hier zu sitzen und zu melken. Das gibt so einen schönen Frieden. Das gibt so gute Gedanken.

 

91. - Woran denkst du?

- Ich denke daran, wie ich dir auf das antworten kann, wonach du fragen wirst.

- Weißt du denn, wonach ich fragen will?


- Ich dachte nicht an deine Fragen, sondern daran, wie ich dir antworten könnte.

- Wie kannst du das, wenn du nicht meine Fragen kennst? Ich wußte ja nicht einmal selbst, dass ich hierher kommen würde, und ich weiß auch nicht, ob ich dich um was fragen will.

- Aber wenn du fragst, fragst du nach der Wirklichkeit, wie ich sie sehe.

- Das ist richtig.

- Und da ist etwas, was du wissen musst, um meine Antworten richtig zu ver­stehen. Ihren Hintergrund.

- Laß mich hören! -

 

92. Der Alte molk fertig, ging hin und siebte die Milch in einen größeren Behälter. Er kletterte die Leiter zum Boden hinauf und schmiß ein paar große Armvoll Heu runter auf die #Diele. Wir sammelten uns einen Haufen und setzten uns zurecht.

 

93. - Du kennst die Welt, die man berühren und sinnlich wahr-nehmen kann.

- Ja. Das glaube ich jedenfalls.

- Aber kennst du auch die Welt, die man nicht berühren und nicht wahrnehmen kann?

- Nein, wenn ich sie nicht wahrnehmen kann, kann ich sie auch nicht kennen.

- Und doch ist sie genau so wirklich wie die, die du sinnlich wahr­nehmen kannst.

- Denkst du an die unsichtbare Welt?

- Nein, denn die können wir ja mit dem unsichtbaren Teil von uns wahrnehmen.

 

94. - An welche Welt denkst du dann?

- Die Welt, die für dich entsteht, wenn alle Bewegung aufhört.

- Die Bewegung?

- Ja, die Bewegung. Mit ihr entstehen die Zeit und der Raum. Ohne Bewegung gibt es weder Zeit noch Raum. Die Welt, die vor und nach der Bewegung ist, nenne ich ING*. Die Welt der Bewegung nenne ich TING*, denn die dingliche Welt existiert nur, wo es Bewegung gibt.

 


95.   - Ich kann dir darin folgen, dass alles sich bewegt, aber ich wußte nicht, dass es die Bewegung ist, die selbst die Zeit und den Raum schafft, worin sie sich bewegt.

- Die Bewegung erschafft nicht die Zeit und den Raum. Zeit und Raum sind zwei Seiten der Bewegung, zwei Weisen, wie wir sie erleben.

 

96.       - Wie kann es sein, dass wir die Zeit und den Raum getrennt erleben?

- Weil wir selbst in Bewegung sind. Aller Stoff und alle Kraft ist Bewegung.

- Bewegung ind verschiedene Richtungen?

- In alle die Richtungen, in alle die Zeiten, die es gibt.

 

97.       Wenn wir mitten zwischen Ing und Ting sind, können wir die Bewegung als ein Ganzes erleben.

- Nicht in Stoff und Zeit und Raum getrennt?

- Nicht getrennt.

 

98.       - Erzähl mir was vom Ing!

- Über Ing kann man nichts sagen, denn alles Sprechen bezieht sich auf Phänome­ne in Zeit und Raum.

- Wie kann es dann sinnvoll sein, über Ing zu reden? Macht es Sinn, über etwas zu reden, das es nicht gibt?

- Ing gibt es, aber nicht in Zeit und Raum.

- Ist Ing außerhalb von Zeit und Raum?

- Außerhalb und innerhalb. Ing hat keinen Ort, das versteht sich von selbst.

 

99.       - Wie kann ich mir darüber klar werden, dass es Ing gibt?

- Mit Ing in dir kannst du Ing kennen.

- Wie meinst du das?

- Halt alle Bewegung an in deinem #Sinn, dann kommst du Ing nahe.

 

96. - Kann ich mir Ing wie eine Dimension vorstellen, die außen        herum ist um die anderen Dimensionen, die ich kennet?

- Dimensionen sind Meßweisen. Man kann nur in der Zeit und dem Raum messen. Darum ist Ing keine Dimension in diesem Sinn.


- Aber was ist Ing dann?

 

97. - Ing und Ting sind zwei Seiten der selben Sache. Ing wird        dauernd zu Ting und Ting wird dauernd zu Ing.

- Alles entsteht und vergeht?

- Ja.

 

98.- Kann ich mir das so vorstellen, dass Ing #die Quelle von allem             ist?#

- Ting ist die Quelle für Ing und Ing ist die Quelle für Ting. Ting ist in Ing und Ing ist in allen Dingen.

- Kann ich das so sagen: das Sein ist im Nicht-Sein und das Nicht-sein ist im Sein?

- Ja, wenn du dein Verständnis vom Sein auf die dingliche Welt beschränkst. Aber Ing ist, und Ting ist in Ing.

 

99.- Ist Ing bloß ein anderer Zustand als der, den ich von der                dingli­chen Welt kenne?

- Ja, ein ganz anderer Zustand. Aber genau so wirklich.

- Auf welche Weise ist Ing wirklich?

- Ting könnte nicht ohne Ing sein, genau so wie Ing nicht ohne Ting sein könnte.

 

100.   - Wie kann das sein?

- Wollen wir das Wort Gott für die Quelle der Welt brauchen?

- Meinetwegen.

- Gott ist #ein, Gott ist heil. Von hier aus, wo wir sind, sehen wir, dass Gott sich in Ing und in Ting manifestiert, in dem Ungeschaffenen wie in dem Geschaf­fenen. Aber von Gott aus gesehen ist da kein Unterschi­ed zwischen Ing und Ting.

 

101.   - Was nützt es mir, dass ich von Ing weiß, was kann es mir helfen, von etwas zu wissen, das es nicht gibt?

- Ohne Ing zu kennen, kannst du nicht das wahre Wesen der Dinge erkennen. Und damit kennst du auch nicht dein eigenes wahres Wesen.

 

102.   - Was ist mein wahres Wesen?

- Dass du dauernd in Ting entstehst

und dass du dauernd in Ing entstehst.


- Dass ich gleichzeitig entstehe und vergehe?

- Dass du gleichzeit in Ting und in Ing entstehst.

Als Ting zu vergehen heißt in Ing zu entstehen,

 als Ing zu vergehen heißt in Ting zu entstehen.

- Wie ist es, in Ing zu entstehen?

- Das ist es, worüber wir nicht reden können. Es ist unbedingtes Sein. Was anderes können wir nicht sagen.

Die Sprache gibt es nur in dem bedingten Sein.

 

103.   - Aha, jetzt fange ich an zu verstehen. Erst war ich unbedingt, dann wurde ich bedingt, und dann werde ich wieder unbedingt werden?

- Jetzt, gerade jetzt bist du sowohl bedingt wie unbedingt.

- Gerade jetzt?

 

100. - Gerade jetzt bist du ein Stern*.

- Ein Stern?

- Der Stern befindet sich mitten zwischen Ing und Ting. Der Stern ist dein Innerstes. Er ist die Quelle dessen, der dort sitzt, - er zeigte auf mich.

- Was will das heißen, ein Stern zu sein?

- Der Stern ist der, der sich einen Körper schafft, der strahlt.

 

101. - Und warum nennst du das einen Stern?

- Wenn ich die Erde von weit weg anschaue, sehen die Menschen auf der Erde aus wie Sterne am nächtlichen Himmel.

- Kannst du denn die Erde von weit weg anschauen?

- Jeder kann das, wenn er es gelernt hat. Jeder tat es, ehe er sich empfangen ließ. Jeder könnte das erinnern, wenn er bloß wollte.

- Und der Stern entsteht fortwährend aus Ing..?

- ... und er entsteht fortwährend aus Ting, - antwortete er.

 

104.   Ich schloß die Augen. Wie konnte ich mir das vorstellen? Wie konnte ich sowohl sein wie nicht sein? War das Nichtsein auch eine Art von Sein? Etwas wirkli­ches? Oder war das Nichtsein gar kein Nichtsein, sondern bloß eine andere Art von Sein? Ein Sein, das nicht an Zeit und Raum gebunden war? Meinte man das mit dem Wort Ewigkeit?

 


105.   Und wenn ich göttlich war, wie Jesus es sagte, wie die Hindus und die Buddhisten sagen, dann musste ich ja auch ewig sein wie Gott. War es das, was er meinte? Sowohl ewig wie zeitlich? Sowohl Ing wie Ting? War Ing also das selbe wie die Ewigkeit?

 

106.   Ich hatte mir zwar nie die Ewigkeit als weder räumlich noch zeitlich vorgestellt. Aber was sollte sie denn eigentlich sonst sein? Ich öffnete die Augen und betrachtete lange den Schwanz einer Kuh, der hin und her pendelte, und dann fragte ich:

 

107.   - Aber wie bildet der Stern sich einen Körper?

- Indem er seine Kraft mit der Kraft von anderen Sternen verbindet.

- Und wie tut er das?

- Kraft ist Bewegung. Wenn Kraft sich mit Kraft vermengt, entsteht Bewegung in alle Richtungen. Die stoffliche und die unstoffliche Welt besteht aus Be­wegung in allen Richtungen, in allen Zeiten, in allen Räumen.

- Dann ist die Welt also von Sternen geschaffen, die ihre Kraft mischen?

- Ja.

 

108.   - Sind Sterne bewußte Wesen?

- Ja.

- Haben sie ein Ich?

- Ja, aber sicher anders, als du dir's vorstellst.

- Wie anders?

- Ein Teil der Sternwelt zu sein und ein individuelles Ich zu sein, ist das selbe, da ist kein Unterschied.

- Wie kann das sein?

 

109.   - Alles ist Teil einer Heilheit und jeder Teil ist eine Heilheit.

- Dann bin ich also sowohl ein Teil einer Heilheit und gleichzeitig selbst eine Heilheit?

- Haargenau. Das erste ist, dass du ING und TING bist, das zweite, dass du HEIL und TEIL bist.

 

110.   - Und was ist das dritte?

- Dass du HUAN* bist.


- Was ist Huan?

- Das ist Gott. Einer unserer Namen für das, was alle Men-schen Gott nennen. Die Sternenwelt, die Sterne als Ganzheit. Das, was die Welt des Ting's entstehen läßt.

- Warum nennt ihr Gott Huan?

- Weil Gott gleicherweise Sie (Hun) und Er (Han) ist. Gott ist nicht getrennt in Hun und Han.

 

111.   - Aber die Welt ist aufgeteilt in das Männliche und das Weibliche! -

Ich betrachtete noch immer den pendelnden Kuhschwanz:

Sein - Nichtsein, männlich - weiblich, Ing - Ting, Han - Hun ... ziemlich dualistisch, dachte ich. Aber dann sagte er:

 

112.   - Jeder Stern ist ungeteilt Huan, weder Sie (Hun) noch Er (Han). Aber wenn der Stern sich einen Körper #bildet, der strahlt, wird seine Kraft in Hun und Han geteilt. Nur auf diese Weise kann sich Kraft mit Kraft vermischen.

 

113.   - Aber wenn die Kraft vermischt ist, ist sie dann wieder Huan?

- Das ist genau was sie ist.

- Habe ich deswegen einen männlichen Körper bekommen, um mich mit einem weiblichen zu vereinigen, so dass ich Huan werde?

- So dass Huan auf der Erde entstehen kann. Huan ist die Vorausset­zung für neues Leben als Hun und Han (als Er und Sie). Du bist aber nur Hun oder Han im Körper. Deine Seele und dein Geist sind Huan.

 

114.   - Aber ich denke und fühle ja wie ein Mann!?

- Mit dem Teil deiner Seele und deines Geistes, der an deinen Körper und an die sichtbare Welt gebunden ist, bist du in deiner eigenen Auffassung ein Mann. Mit deiner Sternseele und deinem Sterngeist bist du Huan.

 

115.   - Warum habe ich mir diesen Körper auf der Erde geschaffen?

- Weil dein Stern den Wunsch hatte, sich mit KIA* zu vereinigen.

- Mit Kia?


- So nennen wir den Stern, der sich den Erdball als Körper schafft.

 

116.   - Warum hatte mein Stern den Wunsch sich mit Kia zu vereinigen?

- Ich vermute, dass dein Stern #für Kia Liebe fühlt#. Frag dich selbst. Und frag Kia. - Er lächelte warm.

- Du meinst, dass ich einen Körper auf der Erde habe, weil ich Kia liebe?

- Ja. Wenn du einen anderen Stern nicht liebst, will er seine Kraft nicht mit dir vermengen. Oder umgekehrt: Kraft zu vermischen ist Liebe, lieben ist Kraft vermischen.

- Sternenkraft ist Liebe?

- Ja, Liebe ist Sternenkraft.

 

117.   - Warum gibt es denn da so wenig Liebe auf der Erde?

- Findest du, dass es wenig Liebe auf der Erde gibt?

- Ja, viel zu wenig. Die Menschen hassen einander, sind böse gegen einander und gegen die Tiere, die Erde.

- Das bißchen Haß wiegt doch gar nichts gegen die Liebe die es gibt! Ohne Liebe könnte es gar kein Leben geben. Die Liebe ist das Leben, der Haß ist der Tod. Und die Welt wimmelt ja von Leben!

- Dann siehst du die Liebe anders als ich!

 

118.   - Selbst in den bösesten Menschen ist mehr Liebe als Haß, denn sonst wären sie tot.

- Ich habe gehört, dass selbst wenn ich nur mit einem kleinen Teil von mir selbst hasse, hasse ich doch mit meinem ganzen Ich.

- Warum hast du denn nicht auch gehört: auch wenn ich nur mit einem kleinen Teil von mir liebe, liebe ich doch mit meinen ganzen Ich? Menschen hassen und lieben, so sind die Menschen.

- Wie kann es überhaupt sein, dass es den Haß gibt? Wie entstand das Böse?

 

119.   - Wie ihr doch redet! - die Schwester des Alten war hinter der Kuh aufgetaucht und kam auf uns zu. - #Womit habt ihr es denn so eilig#?


- Wir reden darüber, wie die Welt entstanden ist, - versuchte der Alte zu erklären.

- Wie die Welt entstanden ist? Das kann ich euch leicht erzählen, - rief die Schwe­ster, während sie ihre Milch siebte. 

- Es war einmal ein Milchmäd­chen, das hatte seinen Eimer mit Milch auf der Wiese verges­sen. Ein Frosch sprang in den Eimer, und um nicht in der Milch zu ertrinken, schwamm er im Eimer herum und zappelte mit seinen kräftigen Hinterbeinen. Nach langer Zeit hatte er so viel gezappelt, dass sich ein großer Butterkloß bildete. Der Frosch setzte sich auf den Butterkloß und war gerettet. Dieser Butterkloß ist die Welt.

- Wer ist denn der Frosch? - fragte der Alte.

- Was weiß ich? - sie hob die Schultern, - das ist wohl Gott? -

Wir lachten #ein wenig# zusammen, und dann sagte der Alte: - Meine Tante erzählte mir, dass die Welt dadurch erschaffen wurde, dass das Milchmädchen seine Milch in einem großen Topf auf den Herd stellte. Es machte Feuer, und das Feuer trennte die Milch in Dampf und Käse und Molke.

- Der Dampf ist die Luft und der Käse ist die Erde und die Molke das Meer? - riet ich.

- Du bist aber ein Schlaumeier! - rief die Schwester und gab mir eine Kelle mit warmer Milch zu trinken.

*6.


Tüchtigkeit

 

120.   Früher Sommer, ein Gewitter zieht auf. Ein großer Blitz fährt über die östli­chen Wolken. Ich sehe in den Blitz und hinein ins Sternland. Dann bin ich bei dem Alten, der in seiner Küche sitzt und schnitzt, und ich frage ihn:

 

121.   - Welche Fähigkeit schätzt ihr bei euren Mitmenschen am meisten?

- Die Fähigkeit zu lieben.

- Wie findet ihr heraus, ob jemand gut liebt?

- So war das nicht gemeint.

- Wie denn?

- Ein Mensch der aus Hingabe an seine Arbeit tüchtig zu ihr wird, einen solchen Menschen mögen wir leiden.

 

122.   - Was hat das mit lieben zu tun?

- Wenn wir lieben, geben wir uns hin. Wenn wir uns fort-während hingeben, werden wir tüchtig zu dem, was wir tun.

- Was meinst du mit tüchtig sein?

 

123.   - Wer durch seine Handlung ihre eigene Wahrheit ausdrückt, ist tüchtig.

- Das klingt kompliziert. Was ist die eigene Wahrheit der Hand­lung?

- Jede Handlung hat ein Mittel. Dieses Mittel ist zwischen der Handlung und ihren Folgen. Wenn dieses Mittel vollkommen ist, sind der Handelnde und die Folgen der Handlung vollkommen.

- Wie kann man erkennen, ob ein Mittel vollkommen ist?

- Indem man es liebt.

- Nun sprichst du wieder von der Liebe.

 

124.   - Durch deine Handlungen drückst du deine Liebe zum Leben aus. Je mehr du dein Leben auf der Erde liebst, desto weniger Abstand ist zwischen dir, deinem Mittel und deinem Ziel. Die Folgen deiner Handlung sind dein wahrer Ausdruck .

- Dann wird das Resultat eine perfekte Wiederspiegelung des Handeln­den sein?


125.   - Überhaupt nicht. Genau so wenig wie dein Kind eine Wieder-spiegelung von dir ist, egal wie viele Ähnlichkeiten du zwischen dir und deinem Kind finden magst. Das Resultat deiner Handlung ist dein Kind mit Kia.

- Mein Kind mit Kia?

- Du bist ja hier, weil du Kia liebst.

 

126.   - Ach, so soll ich das verstehen. Jedesmal wenn ich handle, kriege ich gleich­sam ein Kind mit der Erde?

- Kleine Kinder, große Kinder. Häßliche Kinder, schöne Kinder.

- Dann hab ich aber viele kleine, häßliche Kinder. Und ein paar große.

- Mit deinen irdischen Augen gesehen, vielleicht. Mit deinen Sternau­gen gesehen, vielleicht nicht. Kennst du deine schönen Kinder?

- Nicht sehr viele.

- Findest du denn selbst keine deiner Hand­lungen groß und schön?

- Nein, vielleicht ein paar kleine.

- Dann freue dich darauf, sie mit deinen Sternaugen zu sehen! -

 

127.   Es blitzt wieder. Die ganze Welt strotzt mit ihrem Bauch, um all den Regen zu empfangen, den die Wolken geben.


Über die Kraft des Blutes

 

A.

128.   Ich sah eine Frau, die im Schatten saß und mit einem dünnen Glasstab in einem Tonkrug rührte. Nach einiger Zeit hielt sie inne, goß den Inhalt des Kruges in einen großen Behälter, goß aus einem anderen Behälter neue Flüssigkeit in ihren Krug und begann wieder zu rühren. Dies wiederholte sich einige Male. Ich ging näher, um zu sehen, was sie da machte. Ich sah, dass zehn Meßstriche in ihrem Krug gezeichnet waren. Sie behielt immer ein zehntel Flüssig­keit in ihrem Krug, wenn sie den Inhalt in den großen Behälter goß. Dann füllte sie den Krug immer wieder bis zum zehnten Strich.

 

102. Ich fragte sie: - Was machst du da?

- Ich mache Blutkraft.

- Was ist das?

- Das ist die Kraft und das Kraftmuster, das im Blut ist.

- Aus wessen Blut machst du die Blutkraft?

- Aus dem Blut meiner Pflanze. -

Ich hatte gehört, dass alle Menschen in der unsichtbaren Welt in einer Art symbi­otischer Verbindung mit einer Pflanzen- und einer Tierart leben. Ich fragte:

 

129.   - Willst du mir erklären, wie du das machst?

- Ja, - sagte sie, - ich presse den Saft aus meiner Pflanze und verdünne ihn mit Wasser. Meine Pflanze ist die Schafsgarbe.

- Aber du gießt ja das meiste Wasser weg?

- Jetzt hör mal zu: ich verdünne das Blut meiner Pflanze mit neun Teilen Wasser zu einem Teil Blut. Wenn ich die Flüssigkeit so lange gerührt habe, dass alle Teile des Blutes überall mit dem Wasser in Berührung sind, gieße ich neun Zehntel davon weg und fülle wieder mit neun Zehnteln neuem Wasser auf. Wenn ich das zehn Mal getan habe, ist da nur unendlich wenig vom Saft #zurück, aber seine Kraft und sein Muster ist durch die Berührung und das Umrühren ins Wasser übergegangen.

 

130.   - Wird die Wirkung des Saftes durch diesen Prozeß nicht unendlich schwach?


- Im Gegenteil. Je öfter ich den Prozeß wiederhole, desto stärker wird die Kraft, desto klarer wird das Muster.

 

131.   - Wozu brauchst du diese Blutkraft?

- Ich trinke sie.

- Warum?

- Wenn die Blutkraft der Pflanze, das Muster seines Wesens in meinem Körper aufgenommen wird, ist es viel leichter für mich, mich mit dem Wesen meiner Pflanze zu verbinden.

- Welchen Nutzen hast du davon?

- Ich habe vielerlei Nutzen davon, aber alles in allem stärkt es meine Gesund­heit.

- Das ist also eine Art Medizin?

- Ja, das ist Medizin, und viel mehr.

 

132.   - Welche Art Wasser brauchst du?

- Wasser von der Heiligquelle, das ich in der vorigen Voll-mondnacht geholt habe.

 

133.   - Machst du auch Blutkraft aus #anderem als deiner Pflanze#?

- Ja, ich mache auch Blutkraft aus dem Blut meines Tieres und aus meinem eigenen Blut.

- Auf die selbe Weise?

- Genau so.

- Ich kann vielleicht verstehe, warum du Blutkraft aus dem Blut deines Tieres machst, aber warum machst du Blutkraft aus deinem eigenen Blut? Wozu ist die gut?

- Auch die stärkt meine Gesundheit, weil sie es für meine Kraft und mein Wesen leichter macht, in meinem Leib, in meinem Sinn und meinen Handlungen #an­wesend zu sein. Wenn ich auf Abwege gekommen bin, wenn ich aus dem Gleich­gewicht gekommen bin in meinem Verhältnis zur Erde, zum täglichen Leben, dann trinke ich von meiner Blutkraft.

- Wirkt sie ungefähr so, dass sie dich an dich selbst erinnert?

- So kannst du das ausdrücken. Genau so wie die Blutkraft meiner Pflanze und meines Tieres mich mit deren Lebenskraft und Weisheit verbindet, so verbindet meine eigene Blutkraft mich mit meiner eigenen Weisheit.

 


134.   - Ist Weisheit denn etwas konkretes, etwas was existiert und mit dem man sich verbinden kann?

- Jedes Wesen hat seine eigene Weisheit und seinen eigenen Zugang zur Weisheit. Diese Weisheit geht uns Menschen aber oft in den Ver­wirrungen des täglichen Lebens verloren. Das weißt du sicher aus eigener Erfahrung.

- Ja, das weiß ich nur all zu gut. Aber sag mir: kann man sich denn nicht mit seiner Weisheit auf andere Weise verbinden, z.B. durch Meditation und Gebet? Ich hab doch gehört, dass man das kann.

 

135.   - Das kann man auch. Aber wenn du meditierst und betest, kannst du nicht sicher sein, dass du dich für deine eigene Weisheit öffnest. Wenn du dagegen deine Blutkraft trinkst, bist du sicher, dass du deine Empfänglichkeit für deine eigene Weisheit verstärkst. Deine Blutkraft ist das Muster deines eigenen Wesens. Je mehr du nach deinem eigenen Wesensmuster lebst, desto weniger #gehst du fehl#, desto weniger gehst du Wege, die nicht deine sind.

- Wirst du denn nicht mehr egoistisch, mehr selbstzufrieden von dieser Medizin?

- Nein, im Gegenteil! Weisheit ist immer in Harmonie mit allen anderen lebenden Wesen und natürlich auch mit der Erde. -

Ich fand, dass das sehr einleuchtend klang. Ich fragte:

 

136.   - Was würde geschehen, wenn ich von deiner Blutkraft trinken würde? Be­käme ich dann Zugang zu deiner Weisheit?

- Meine Weisheit würde nicht Weisheit für dich sein. Wenn du nicht stark bist in deiner eigenen Weisheit, würdest du bloß verwirrt werden. Mein Leben würde sich in deins einmischen können, meine Wege würden dir vorkommen, als wenn sie deine wären.

- Deswegen paßt ihr wohl gut auf, dass ihr nicht zufällig die Blutkraft eines anderen trinkt?

- Das kannst du glauben. Wenn mein Lebensmuster in dir wäre, würden deine Lebensprozesse auch auf meine Einfluß üben. Daran ist keiner von uns inter­essiert, oder?

- Nein. Und deswegen trinkt ihr nie eines anderen Blutkraft?

 


137.   - Es gibt eine Ausnahme. Wenn zwei Menschen sich vermählen, trinken sie die Blutkraft des anderen.

- Das klingt spannend. Willst du mir mehr darüber erzählen?

- Gerne, aber nicht jetzt. -

Damit gab ich mich zufrieden. Aber dann fragte ich:

 

138.   - Warum all diese Mühe mit der Verdünnung? Warum trinkst du nicht den Saft und das Blut so wie es ist, unverdünnt? -

Sie fragte: - Hast du das noch nicht verstanden? Meine Medizin ist keine physische, sondern eine geistige Medizin. Mit meiner Medizin ziehe ich den Geist meiner #Genossen und meinen eigenen Geist an.

- Was meinst du mit #'Genossen'?

- Das Tier und die Pflanze, mit denen ich verbunden bin.

- Im Unsichtbaren?

- Im Unsichtbaren. Aber diese Verbundenheit ist von größter Be­deutung hier in der sichtbaren Welt. - Ich konnte mir nichts unter dieser Verbun­denheit mit diesen 'Genossen', vorstellen. Darum fragte ich weiter:

 

139.   - Was passiert, wenn ich unverdünntes Blut trinke?

- Unverdünntes Blut - ob du es trinkst oder nicht - zieht sehr physisch gebundene Geister an. Physisch gebundene Geister können zwar sehr stark sein, sie sind aber blind und taub für alles andere als sich selbst. Mit denen musst du sehr behutsam umgehen.

Es ist etwas anderes mit dem Blut deiner Pflanze. Die Geister, die vom Pflanzenblut angezogen werden, sind sehr selten schädlich für dich. Pflanzensaft kann eine sehr gute physische Medizin sein, wie du wohl weißt. -

 

140.   Ich erhob mich vom #Treppenstein und sagte:

- Ich danke dir sehr für deine Geduld. Glaubst du, dass mir diese Medizin auch in meiner Welt helfen könnte?

- Ja, warum nicht? Versuchs, versuchs! -

Damit hob sie ihre Hand zum Gruß, und ich ging fort.

 

B.


141.   Später, bei dem Alten, erzählte ich von meinem Erlebnis. Er erklärte mir, dass alle Flüssigkeiten, also auch das Blut, die Energie mit dem Körper verbinden. Sie tun das auf folgende Weise:

 

142.   Der Mond bindet die Energien des Universums mit Hilfe des Wassers an die Erde. Das Feuer der Erde ist im Wasser gebunden. Das Feuer der Erde ist die eigene Energie des Körpers.

Harmonie entsteht, wenn sich kosmische und irdische Energie mit einander in einem fließen­den Gleichgewicht vereinigen.

 

143.   Es ist schwer, seine Erklärungen in unserer Sprache wieder-zugeben. Das Wesentlichste war wohl, dass die Pflanzen-, Tier- und Menschen­blutkraft das, was wir den Äther-, Astral- und Mentalleib nennen wollen, stärken und harmo­nisieren.

 

144.   Die Blutkraft stimuliert und verbessert das individuelle menschliche Energie­muster, doch ist eine vierte Medizin notwendig: das Leben­selixier. Das Leben­selixier schafft Gleichgewicht zwischen den ordnenden und den chaotischen Kräften.

Die dreifältige, physisch gebundene Energie in Pflanze, Tier und Mensch wird vom Lebenselixier ins Gleichgewicht gebracht. Auf diese Weise kommen die menschlichen Kraftleiber in Harmonie mit den kosmischen Kräften.

 

145.   Er sagte: - Wir sind keine Kannibalen. Wir trinken nicht unser eigenes oder eines anderen Blut. Blut zieht Geister an. Unverdünntes, physisches Blut zieht physisch sehr gebundene Geister an. Alle Arten von Geistern. Die sind genau wie Fliegen. Diese Geister geben keine Freiheit, sondern Gebundenheit. Aber befreites Blut, reine Blutkraft, zieht befreiende Geister an.

 

146.   Wenn man das Blut eines Wesens trinkt, verbindet man sich mit seiner physischen Kraft, aber nicht not­wendigerweise so, dass man Teil hat an dieser Kraft. Wenn man dagegen seine Blutkraft trinkt, verbindet man sich mit seinem Geist und hat Teil an der Weisheit dieses Geistes.

 


147.   Ich fragte: - Was passiert, wenn ich die Blutkraft von anderen als meiner eigenen Pflanze und meinem eigenen Tier trinke? -

Er antwortete: - Die Blutkraft eines fremden Tieres kann dir kaum was nützen, sie kann aber so wie die Blutkraft der meisten Pflanzen als Medizin gebraucht werden. Sie kann dein Energiemuster wiederaufrich­ten und ausbalancieren. Wenn du aber durch längere Zeit die Blutkraft von einem anderen als deinem eigenen Tier brauchst, kannst du leicht Muster übernehmen, die für dich fremd sind. Darum ist es wichtig, dass du ganz klar weißt, mit welchem Tier du verbunden bist.

 

148.   - Kann ich die Blutkraft eines Tieres dazu brauchen, mit seinem Geist, seinem Stern in Kontakt zu kommen?

- Das kannst du, aber du musst sehr genau wissen, wie du dich dabei verhalten musst. Das geschieht bestimmt nicht ganz von alleine. Die Blutkraft kann eines der Dinge sein, die man braucht, um Kontakt mit dem Geist eines Wesens zu erlangen, aber der Kontakt selbst ist geistig! -

 

149.   Ich fragte: - Was mach ich, wenn ich das Blut meiner Pflanze oder meines Tieres nicht zu fassen kriegen kann? -

Er antwortete: - Wenn man das Blut des Tieres oder den Saft der Pflanze nicht kriegen kann, kann man andere Teile der Pflanze oder des Tieres brauchen, auch diese Teile enthalten die Muster des Tieres oder der Pflanze, aber nicht mit gleicher Kraft und Klarheit wie das Blut und der Saft. -

 

150.   Ich fragte ihn, wie man das Lebenselixier herstellt, aber woraus es besteht und wie es hergestellt wird, scheint ein Geheimnis zu sein.

 

151.   Als ich wieder in meinem eigenen Land war, wollte ich gleich damit anfangen, meine Blutkraftmedizinen zu machen. Aber: ich kannte ja meine Pflanze und mein Tier nicht, und ich wollte nicht meine eigene Blutkraft einnehmen, ehe ich die zwei anderen hatte.


Über Kraft-Stätten

 

152.   In einer frühen Abendstunde traf ich den Alten draußen zwischen den Hügeln. Er saß in einer Höhle, die aussah wie ein kleines Tipi, das aus Erde, Heide und Schilf gemacht war. Ich stand plötzlich im Eingang und sah ihn mit einem kleinen Feuer auf der Erde beschäftigt.

 

153.   Er sagte:

- Na.., hast du mich wieder gefunden? -

Ich antwortete:

- Ich bin es nicht, der dich findet. Ich komme ja einfach, ohne dass ich ahne wie und wann - und warum.

- Doch, du bist es, der mich findet, - sagte er. - Deine Kraft findet mich, da wo du es #nötig hast#, mich zu finden.

- Ich verstehe das nicht, - sagte ich.

 

154.   - Willkommen! - sagte er und lächelte. Und sofort war ich wieder wie ein neugieriges Kind.

- Was machst du hier? - fragte ich.

- Ich rede mit dem Feuer.

- Warum hier zwischen den Hügeln?

- Weil ich hier meine Kraftstätte habe.

 

155.   - Deine Kraft-Stätte?

- Die meisten bei uns haben ihre Kraftstätte. Wir haben auch einige gemeinsame Kraftstätten.

- Wozu gebraucht ihr die?

- Wir lieben sie.

- Liebt ihr denn nicht die ganze Erde?

- Schon, aber wir finden eine ganz bestimmte Stätte, die wir mit all ihrem Leben kennen und lieben - oder vielleicht findet sie uns. Hier können wir die Liebe, die wir für die ganze Erde fühlen, erleben und ausdrücken.

- Können wir denn die Erde nicht lieben, ohne sie an einer bestimmten Stelle zu lieben?


- Nein, eben nicht. Die Liebe, die wir für das Ganze fühlen, müssen wir im Teil ausdrücken. Die Liebe, die du für die Menschheit fühlst, kann nur durch deine Liebe für den Mitmenschen wirklich werden.

 

156.   - Aber warum nennst du diesen Ort deine Kraftstätte?

- Wir sind hier auf der Erde, um unsere Kraft mit der Kraft der Erde zu verschmelzen.

- Ja, ich beginne zu verstehen, was du damit meinst.

- Auf meiner Kraftstätte versuche ich, die Kraft dieses Ortes wahr­zunehmen, sein Wesen. Ich versuche, die Pflanzen- und Tierfreunde meiner Stätte und ihre spezielle Resonnans auf den Kosmos zu kennen. Ich will gerne das Zusam­menspiel zwischen dem Wesen dieser Stätte und allen diesen Wesen und Kräften kennen. Und ich versuche danach zu handeln. Ich will gerne am Zusammenspiel teilnehmen.

- Und auf diese Weise kannst du deine Sternenkraft mit der Kraft der Erde mischen?

- Das tue ich ja überall, aber hier kann ich das rein und ganz tun.

 

157.   - Was nützt dir das?

- Was es mir nützt? Es ist unglaublich schön zu erleben. -

Er stand auf und ging hinaus. Und sagte:

- Wenn du schon mal hier bist, dann sei hier! -

 

158.   Er ging hinaus zwischen die Heidehügel. Ich folgte ihm. Jetzt sah ich: es sah gar nicht aus, als wenn er ging, eher als wenn er von Ort zu Ort schwebte wie ein Schmetterling, als wenn er zu einer unhörbaren Musik tanzte, als wenn das Gras unter seinen Füßen sich gar nicht bog - und ab und zu sah es aus, als wenn er an den Kiefern hinauf- und herab­glitt.

Und plötzlich merkte ich, wie ich selbst gehoben und getragen wurde und gleichsam vom einen Ort zum anderen geweht wurde, ohne dass ich im Vorraus wußte, wo mich der nächste Schritt hinführen würde.

Der öde Ort war #gefüllt mit Lauten und seltsamer Musik. Vielfarbiges Licht strahlte von allen Pflan­zen. Das Licht der Kiefern reichte so hoch in den Himmel, wie ich sehen konnte. Die Vögel - selbst leuchtend - flogen durch dieses Licht in seinen vielen Farben.

 


159.   Ich wendete mich zur Erdhütte des Alten. Eine Riesenflamme #schlug auf aus# der Hütte. Ich erschrak und lief zurück zu ihr. Nun schwebte ich nicht mehr, sonder trampelte los. Der Alte bewegte sich besonnen zum Eingang und ging hinein. Kurz danach wurde die Flamme kleiner und war bald nicht mehr zu sehen. Als ich ihn erreichte, sagte ich:

 

160.   - Man gut, dass du noch rechtzeitig kamst!

- Ja, ich sah, dass das Feuer dabei war auszugehen.

- Auszugehen? Die ganze Hütte stand ja in Flammen!

- In Flammen? Na... sahst du Flammen?

- Ich sah die ganze Hütte mit einer sehr hohen Flammen brennen!

- Das war doch nicht das Feuer, das du sahst, sondern sein Wesen. Das wächst, wenn es die Glut verläßt.

- Und als ich sah, dass du das Feuer löschtest, löschtest du nicht das Feuer, sondern ..

- .. ich pustete auf die letzte, kleine Glut, und dann kehrte das Feuer zurück. -

 

161.   Das war alles sehr verwirrend und gleichzeitig auch sehr einleuchtend. Ich setzte mich ihm gegenüber und steckte kleine Holzstücke ins Feuer. Jetzt fange ich Feuer, dachte ich.

Ich saß lange so und spielte, aber dann fuhr ein Gedanke in mich:

 

162.   - Ich habe gehört, dass da kleine Geister zu den Elementen gehören, Gnome, Sylphiden, Salamander und Undinen. Wir nennen sie Elementar­geister oder sowas. Kennst du die?

- Ist es so einer, den du meinst? - fragte er interessiert und zeigte auf eine Glut gerade vor mir. Aus der Glut wuchs ein kleiner, feuersprü­hender Mann. Ich machte einen Satz nach hinten und stieß mit dem Rücken gegen die Höhlenwand.

- Paß auf meine Höhle! - sagte der Alte. Er machte eine kleine Handbewegung und der kleine rote Mann hüpfte in die Mitte des Feuers und wuchs schnell zur Größe eines erwachsenen Mannes.

- Begrüße unseren kleinen Feuermann, - grinste der Alte, - er kam extra, weil du fragtest. -


Ich konnte nichts sagen, was sollte ich sagen? Was sollte ich tun? Ich schielte zum Eingang der Höhle, aber konnte ich am Alten und am Feuermann vorbei­kommen? Der Alte lachte. Und plötzlich musste ich mit ihm lachen. Ich schaute nach dem Feuermann, aber der Feuermann war weg.

 

163.   -#Du bist mir aber ein Zauberer!# - rief ich.

- Ein Zauberer? Gerade eben hast du einen Feuermann aus der Glut gemacht, und jetzt machst du mich zu einem Zauberer? #Du bist doch selbst gar nicht so wenig von einem Zauberer!# -

Ich mochte es gar nicht, dass er sich so über mich amüsierte. Das war typisch für ihn, mir die Verantwortung für das, was passierte, zu geben.

- Ich bin kein Zauberer, - sagte ich. - Ich ahne nicht, wie man einen Feuer­mann macht oder wie man ihn wieder ver-schwinden lässt.

- Aber du warst es ja, der ihn sah! - sagte er.

- Sahst du ihn denn nicht? - fragte ich.

- Ich sah, dass du ihn sahst, und dann sah ich ihn selbst-verständlich auch. Und als du lachtest, sahst du ihn nicht mehr. Und dann war er fort.

 

164.   - Schönen Dank für heute Abend! - sagte ich und wollte aus der Höhle. Aber als ich ins Freie wollte, stand da eine riesige Gestalt vor mir, sie ragte bis hinauf in die Wolken und ein Schwalbenschwarm flog durch sie hindurch. - Ja, du kannst mich..! - murmelte ich und kehrte wieder an meinem Platz zurück. Und fragte:

 

165.   - Ich sah, dass das Gras sich kaum unter deinem Fuß bog, und dass du manchmal an den Bäumen auf und ab zu gleiten schienst. Ich fühlte mich selber getragen und schwebend. War das alles auch nur meine Ein­bildung?

- Du sahst meine Kraft und warst selbst in der Kraft und sahst die Kraft aller Wesen.

- War das wirklich oder war das Einbildung?

- Was nennst du wirklich? Aber es war keine Einbildung. Ich war in der Kraft, genau wie du.

 


166.   - Aber wie entstand der Feuermann?

- Er entstand weil du eine Vorstellung von ihm hattest. Wenn du der Kraft Gestalt gibst, nimmt sie diese Gestalt an. Unterlaß es, ihr eine Gestalt zu geben.

Dann siehst du die Kraft mit deiner Kraft. -

 

167.   Er griff hinter sich und zauberte ein paar Butterbrote hervor. Er reichte mir eins und fragte:

- Hast du nicht Lust, etwas zu essen? - Ja, das hatte ich. Und während ich darüber spekulierte, ob das Brot nun wirklich oder nur eine Einbildung war, begann ich zu kauen. Ein bißchen #feste Nahrung# tat gut.

 

168.   - Und was hat diese Zauberei mit der Liebe zur Erde zu tun? - fragte ich etwas mürrisch.

- Das Leben der Erde ist Kraft.

- Können wir die Erde nicht lieben, ohne Farben um die Pflanzen zu sehen und ohne über das Gras zu schweben?

- Leicht! Die wenigsten können Farben sehen oder schweben. Aber die meisten können das Wesen der Plätze und der Pflanzen und Tiere wahrnehmen. Ich sehe und bewege mich wie ein Neugeborener. Es gibt nicht so viele, die das können.

- Ist es ein Vorteil, das zu können?

- Für mich ist es, weil ich es liebe, das Zusammenspiel zwischen den Kräften aller Wesen zu beobachten, ich sehe es als Farbenspiel, höre es als Musik. Andre nehmen diese Dinge ganz anders wahr und sind vielleicht klüger als ich. Die Kraftstätte meiner Nachbarin ist ihr Garten. Du müßtest erleben, wie froh ihre Pflanzen sind, wie viele Schmetterlinge, Raupen und Vögel bei ihr Platz finden, ohne dass sie weniger erntet als wir anderen.

 

169.   - Könnte man seine Kraftstätte draußen im Meer haben?

- Warum nicht? Leben gibt es überall. Dort, wo du am besten ein Teil des Lebens wirst, dort ist deine Kraftstätte.

- Kann sie auch mitten in der Großstadt sein?

- Das weiß ich nicht, ich lebe ja hier. Aber wenn da nur Dinge und Menschen in dieser Großstadt sind, kann das kaum eine Kraftstätte sein wie hier.

- Aber vielleicht eine andere Art Kraftstätte?


- Laß mich sehen. - Er schloß die Augen. Und als er sie wieder öffnete, sagte er:

 

170.   - In den Großstädten, an die du denkst, sind Millionen von Krafttieren und Kraftpflanzen bei Millionen von Menschen. Vielleicht kannst du die Städte heilen, sie können dich aber nicht heilen, dazu brauchts Tiere und Pflanzen mit einem Körper.

- Ich will die Städte nicht heilen, - sagte ich.

 

171.   Wir gingen vor die Hütte. Ich #warf meinen Blick# auf eine Krähe, die #weg zum Horizont flog. Ich folgte ihr mit den Augen bis ich wieder in meiner Stube saß.

Das Feuer im Ofen war ausgegangen. #Es war dabei, kalt zu wer­den.# Aber ehe ich Feuer machte, schrieb ich das nieder, was du gerade gelesen hast.


Das Feld

 

172.   Ich erwachte von einem Geigenspiel. Über mir sangen die Lerchen. Ich öffnete langsam die Augen. Ein Mann stand drüben an einem Feld und spielte auf einer Geige. Das Korn war eben aus der Scholle gesprossen und stand in seinem neuen Grün. Die Sonne ließ sich langsam im Osten sehen.

 

173.   Während ich erwachte, hatte ich es deutlich gehört: die Geige und die Lerchen spielten zusammen. Jetzt aber hörte ich mehr dem Geiger zu. Ich rührte mich nicht von der Stelle.

Nach einer ganzen Weile, als die Sonne schon anfing etwas zu wärmen, hielt er inne. Er drehte sich um und winkte mich zu sich.

Als ich bei ihm war, sagte ich:

 

174.   - Das war schön.

- Danke, - sagte er.

Was sollte ich sagen? Also standen wir schweigend. Endlich fragte er:

 

175.   - Weißt du, was das für ein Feld ist?

- Nein, - sagte ich.

- Das ist unser #Gemeinschaftsfeld.

- Dann teilt ihr das Korn?

- Ja, - sagte er, - wir essen es gemeinsam beim Heiligbrotfest.

 

176.   - Warum spielst du für das Korn? - fragte ich.

- Die Pflanzen werden froh, wenn wir ihnen etwas vorspielen. Oder ihnen was vorsingen. Genauso wie sie froh werden, wenn die Lerchen und alle die anderen Vögel für sie singen.

- Froh? - fragte ich.

 

177.   - Ja, froh, - sagte er.

- Das froheste Korn ist das gesundeste Korn.

 

178.   - Spielt ihr auch euren Tieren was vor?

- Oft. Sehr oft.

 


179.   - Und den Menschen?

- Sebstverständlich. Am meisten spielen wir einander etwas vor. Besonders den Kindern. Besonders wenn sie gerade geboren werden.

- Spielt ihr für die Kinder, wenn sie geboren werden? Das klingt ja herrlich! Seid ihr dann drinnen bei der Mutter, wenn sie gebiert?  Das könnte ihr ja bei der Geburt helfen.

 

180.   - Nein, jeder von uns findet seinen Platz um das Geburts­haus. Und dann spielen wir Willkommen zur Erde für sie.

 

181.   - War das auch Willkommen zur Erde, was du eben dem Korn vorgespielt hast? -

Er sah mich fragend an und dann lächelte er.

 

Kurz danach erwachte ich wieder auf meinem Stuhl in meinem Zimmer. Ich konnte riechen, daß ich nicht lange fort gewesen war. Und dann kam ich daran zu denken, daß die Lerchen bei meinen Freunden "Brotvögel" heißen.


In den Gedanken

 

182.   - Manchmal ist es, als wenn du meine Gedanken lesen kannst. Kannst du das?

- Nein, gedankenlesen? Du hast mich ja in deinen Gedanken - und deswegen kenne ich sie.

- Wenn ich dich nicht in meinen Gedanken hätte, würdest du sie nicht kennen?

- Nein.

- Dann kommt es also auf mich an, wie viel oder wenig du meine Gedanken kennen sollst?

- Ja. Wenn du mich nicht in deinen Gedanken hast, kenne ich sie nicht.

 

183.   - Kennst du alle meine Gedanken?

- Nein, nur die, die dort sind, wo du mich in deinen Gedanken hast.

- Dann weißt du also nicht, was ich ... sagen wir mal, über meine Mutter denke?

- Nein, normalerweise nicht, aber gerade jetzt kann ich das wissen, weil du mich dort hast.

 

184.   - Das versteh ich nicht ganz. Wie kann es sein, daß ich deine Gedanken nicht kenne, wenn du mich in deinen Gedanken hast? -

Er schaute mich auf eine etwas abwesend Art an, fand ich.

- Du hast wohl keine Übung. Du bist vielleicht nicht ganz im Kontakt mit allen deinen Seiten, besonders nicht mit dem unsichtbaren Teil von dir.

 

185.   - Will das heißen, daß ich nicht nur an dich denke, sondern daß etwas Frem­des, etwas von dir in meinem Kopf ist?

- Vielleicht nicht in deinem Kopf, aber in deinen Gedanken. Deine Gedanken sind ja nicht in deinem Kopf. Sie sind um dich herum, ja, sie können weit draußen im Universum sein, oder eben um die Ecke dort hinten. Auf diese Weise können meine Gedanken in deinen Gedanken sein, und deine in meinen, und deswegen kennen wir Menschen die Gedanken der anderen - meistens ohne es zu wissen.


186.   - Ich dachte, daß ich meinen Kopf zum denken brauche.

- Das tust du auch, aber Gedanken und Denken ist doch nicht dasselbe. Genau so wenig wie die Luft und dein Atmen das selbe sind.

- Na ja, natürlich, - sagte ich. #Das war doch ganz einleuchtend#.

 

187.   Dann fragte ich: - Wie kann ich mich dagegen schützen, daß andere meine Gedanken kennen?

- Dadurch, daß du nicht an sie denkst.

- Es kann schwer sein, #willentlich nicht an andere zu denken.

- Dann brauch etwas anderes, als deinen Willen.

- #Was sollte das sein#?

- Dein Vergessen.

- Vergessen? Ist das eine Fähigkeit?

- Du hast die Fähigkeit zu vergessen. Loszulassen, dich zu entbinden.

 

188.   - Wie kann ich diese Fähigkeit erlangen? Vergessen - als eine bewußte Hand­lung?

- Übe dich. Das Vergessen ist ja in dir. Mach das, was du vergessen willst, bedeutungslos, denn du erinnerst nur das, was dir etwas bedeutet. Wenn du jemanden vergessen willst, musst du die #Bänder loslassen, die diese Person an dich binden. Dazu braucht man Gleich­mut.

- Gerade der, dem ich am wenigsten Zutritt zu meinen Gedanken geben will, ist wohl am schwersten zu vergessen?

- Das ist richtig. Freunde sind oft leichter zu vergessen als Feinde.

- Dann ist es klug, keine Feinde zu haben!

 

189.   - Bei uns hat fast jeder die Fähigkeit, die Gedanken derer zu kennen, die an sie denken. Alle sind mit dieser Fähigkeit geboren. Ich glaube, daß ihr so erzogen worden seid, daß ihr diese Fähigkeit vergessen habt. Deine Gedanken könnten darauf #hindeu­ten.

- Das kann sein ... Sag mal: seid ihr deshalb so friedlich?

- Auch deshalb. Denk dran: der äußere Feind ist verhältnis-mäßig leicht zu vergessen. Es ist der Feind, den du im Herzen hast, der so schwer zu verges­sen ist.


- Dann ist es also für euch wichtig, daß ihr niemanden haßt?

 

190.   - Es ist für alle Menschen wichtig, nicht zu hassen

- Aus purem Egoismus?

- Nicht alles, was man tut, weil es einem nützt, ist Egoismus. Weisheit ist nicht Egoismus. -

 

191.   Er schaute mich an, und ich sah, daß er mich langsam vergaß. Jetzt sitze ich wieder in meiner Stube, und es sind wohl zehn Minuten verstrichen seit ich sie verließ.


Das Hochzeit-Rota

 

192.   - Wie geht ein Hochzeitsrota vor sich?

- Das will ich dir nicht erzählen. Vielleicht wirst du einmal eins erleben.

- Kannst du es nicht beschreiben? Was geschieht da?

- Man kann es nicht so beschreiben, daß es einen Sinn gibt, du musst es erleben. Da gibt es viel Musik, viel Tanz, viele heilige Worte und Handlungen. Viel Unsichtbares wird sichtbar und viel Sichtbares wird unsichtbar.

- Willst du mir nicht bloß ein bißchen erzählen, damit ich etwas für uns in mein Land mitnehmen kann?

- Was willst du wissen?

 

193.   - Ich habe gehört, daß sie die Blutkraft von einander trinken, aber was geschi­eht sonst noch?

- Es geschehen viele Dinge vor diesem Höhepunkt. Viele Meditationen, viele andere Dinge. Lange Zeit hindurch. Aber unmittelbar vor dem abschließenden Hochzeitsrota holen sie jeder für sich einen großen Krug Wasser von der Heiligquelle, den sie auf ihren Rücken nach Hause tragen - er ist schwer, kannst du glauben, und der Weg kann weit sein. Während des Rotas öffnen sie eine kleine Arterie in ihrer Ellbogenbeuge und füllen eine kleines Schälchen mit ihrem Blut.

- Wie groß ist dieses Schälchen?

- Wie ein Fingerhut oder zwei.

- Machen sie selber dieses Loch in ihre Ader?

- Die meisten tun es selbst, andere lassen es von Helfern tun. Das gehört zum letzten Teil des Tanzes.

 

194.   - Was passiert dann?

- Das Blut wird in einen größeren Krug gegossen.

- Wie groß ist der?

- So groß, daß du ihn mit vier - fünf Schlucken austrinken könntest.

- Laß mich mehr hören!

 


195.   - Der Krug wird mit dem Wasser von der Heiligquelle gefüllt. Dann fängt die Musik wieder an und die beiden tanzen, während sie ihren Krug in den Händen schütteln. Sie haben ihn mit einem Propfen verschlossen, so daß sie ihn wirklich schütteln können!

 

196.   - Wie lange soll der Krug geschüttelt werden?

- Ungefähr so lange wie es dauert, dreißig bis vierzig Schritte zu gehen. Dann halten die Trommeln inne, jeder der beiden füllt seine kleine Schale mit etwas vom Inhalt des Kruges, den Rest schütten sie in ein großes Gefäß. Dann gießen sie wieder den Inhalt der kleinen Schale in den Krug, und füllen ihn mit Heilig­quellen-Wasser. Dann tanzen sie und schütteln ihre Krüge. Dies wieder­holen sie viele Male.

- Wie viele Male?

- Einmal für jedes Jahr, das sie gelebt haben.

- Das kann ja #zu vielen Malen werden#!

- Niemand hat's eilig.

 

197.   - Würde ich mich verheiraten, wenn ich siebzig bin, sollte ich also siebzig Male tanzen und schütteln!

- Du sollst nicht, du willst, du wünschst es, wenn du das hier erst einmal verstanden hast. Jedes Mal, wenn du verdünnst und schüttelst, wird das physische Element schwächer und das geistige Element stärker.

- Ach so, ja.

 

198.   - Wenn der Schütteltanz vorbei ist, wird es still. Das Paar entkleidet sich. Dann tauchen sie gleichzeitig einen Finger in ihre eigene Blutkraft und reiben einen Tropfen davon auf die Stirn des anderen. Dasselbe tun sie auf beiden Seiten der Brust, auf den Handgelenken, dort wo der Puls klopft, in den Nabel und auf das Geschlecht. Dann nehmen sie ein wenig ihrer Blutkraft in den Mund und verstauben sie über dem Kopf des anderen.

 

199.   - Aber wann trinken sie denn die Blutkraft des anderen?

- Du bist viel zu ungeduldig! Sie nehmen einander bei den Händen und steigen in das große Gefäß, in das sie während des Tanzes ihre Krüge entleert haben. Zwei Helfer halten ein großes Tuch wie einen Baldachin über das Gefäß. Wenn die beiden hineingestiegen sind, lassen sie es los.


Hier, mit den Füßen in ihrer gemeinsamen Blutkraft, verborgen unter dem wohlriechenden Tuch, geben sie einander aus ihren Krügen mit ihrer Blutkraft. Du müßtes in der Musik sein, wenn dies geschieht.

- In der Musik sein?

- Ja, in ihr sein, sie nicht nur hören. Sie ist so, daß man in ihr ist. Auf jeden Fall bei uns.

- Was geschieht sonst noch?

- Jetzt will ich dir nichts mehr erzählen.

 

200.   - Was geschieht mit dem Wasser, das in dem Gefäß ist, in das sie hineingestie­gen sind?

- Diese Flüssigkeit geben sie ihren Lebensbäumen, und wenn sie Kinder haben, den Lebensbäumen der Kinder.

- Und wenn sie nicht in der Nähe ihrer Lebensbäume sind?

- Dann geben sie es anderen Bäumen oder Pflanzen, die wir nicht essen. Wir sorgen dafür, daß kein Mensch oder Tier davon trinkt.

- Warum?

- Jetzt fragst du dumm! -

 

201.   Der Alte wendete sich ab und ich ging hinaus um frische Luft zu schnap­pen. Jedesmal, wenn ich die Landschaft und die Häuser anschaute, kamen sie mir neu und unbekannt vor. Nein, alles kam mir eigentlich schon beim ersten Mal seltsam bekannt vor, aber jedesmal, wenn ich wieder auf Besuch war, war es als wenn ich etwas Neues entdeckte, es von einem anderen Winkel oder aus einem anderen Erlebnis sah.

Nach einem kleinen Spaziergang, wo ich meine Verlegenheit darüber verwand, daß der Alte meine Frage dumm fand, kehrte ich zurück zu seinem Haus. Er hatte eine leckere kleine Gemüsemahlzeit zuberei­tet. Wir aßen, ohne mit einander zu reden. Aber dann konnte ich mich nicht mehr beherrschen und musste wieder fragen.

 

202.   - In unserer Welt haben wir gar nicht so ein Verhältnis zum Blut. Das Blut ist etwas, was einfach bloß da sein soll, damit wir nicht sterben. Und das Blut der Tiere essen wir als Blutwurst oder mischen es auf andere Weise in das Essen. Bei uns sind es nur Fabeltiere wie die Vampire, die Menschenblut trinken.


 

203.   - Ich muss dich warnen: unpotensiertes Blut, Blut wie es aus den Adern kommt, darf nie gebraucht werden. Das wäre Kannibalismus. Nur rituell hergestellte Blutkraft #darf gebraucht werden. Blut als solches ist körperlich, und die körperliche Vereinigung geschieht in der körperli­chen Liebe. Hier handelt es sich um die Kraft, den Geist des Blutes.

- Ja, darüber bin ich mir im klaren, aber es fällt mir schwer, in dieser Hand­lung mehr zu sehen, als einen symbolischen Ausdruck dafür, daß die beiden sich vereinigen wollen.

 

204.   - Diese Handlung ist nicht symbolisch. Sie verbindet ganz konkret die beiden Kraftleiber mit einander. Sie nehmen das Wesens­muster des anderen in sich auf. Darum sind wir sehr #vorsichtig, mit wem wir uns auf diese Weise verbin­den. Diese Verbin­dung ist unauflösbar. Sie verbindet die Kraftleiber dichter an einander, als es auf irgend eine andere Weise geschehen kann.

- Gemeinsame Kinder sind doch das stärkste Band, das ich kenne.

- Ja, und gemeinsame Erlebnisse und Liebe schaffen auch sehr starke Bänder. Langes Zusammensein bindet auch zusammen, weil die Menschen die Muster von einander übernehmen. Dies aber ist das stärkste Band. Es kann mit sich führen, daß der eine des anderen Lust und Schmerz fühlt - egal wie weit sie von einander entfernt sein mögen.

- Aber das ist doch wohl nicht der Grund, warum sie einander heiraten?

- Sie vermählen sich, weil ihre Sterne einander auf der Erde wiederer­kennen, weil sie ihre Sterne auf der Erde in Liebe vereinigen wollen.

 

205.   - Heiraten alle Paare bei euch bevor sie Kinder bekommen?

- Überhaupt nicht. Die wenigsten fühlen, daß sie in diesem Leben in einer solchen Verbundenheit leben sollten.

*7.


Der Mündige

206.   - Wer führt die rituellen Handlungen bei euch aus?

- Der Mündige.

- Wie findet ihr heraus, wer der Mündige ist?

- Jeder, der auf eine würdige Weise die Worte sagen und die Hand­lungen ausführen kann, die zu einem Rota gehören, ist mündig.

- Sind sie speziell in die geistigen Sachen eingeweiht?

- Eingeweiht? Niemand ist den göttlichen Mächten näher als jemand anders.

 

207.   - Warum habt ihr dann gerade die dazu gewählt, diese Handlungen auszuführen?

- Wir finden, daß einige unter uns sich selbst und uns besser ausdrüc­ken als andere. Wir mögen die nicht, die Eindruck machen wollen.

 

208.   - Will das heißen, daß ihr keine Priester bei euch habt? -

Ich erklärte ihm, was ein Priester bei uns ist.

- Das klingt #witzig! Seinen Zugang zur geistigen Welt verkaufen! Was für eine Art Geld man wohl dafür kriegen kann? Nein, der Mündige ist mündig #kraft seiner selbst#. Nicht #kraft seiner Stellung in der Gemeinschaft. Es ist aber nur natürlich, daß wir meistens einen wählen, der aus Natur oder Hingabe in klarer Verbindung mit seinem Stern ist.


Die Teilnahme

 

209.   - Warum nimmst du an diesen Rotas teil?

- Weil es sinnvoll ist.

- Was erlebst du während eines Rotas?

- Daß ich grenzenlos werde, am ganzen Leben teilnehme, daß ich den Lebenskräften in mir vertrauen kann.

- Und was hast du sonst noch davon?

- Geschmeidigkeit, Lebensnähe, Körperlichkeit, die Verein-igung von himm­lischer und irdischer Freude.

 

210.   - Das klingt gut. Aber was bedeutet das für dein tägliches Leben?

- Daß ich meine Kräfte organisch und natürlich gebrauche und ich in meinen Gedanken und Handlungen nicht isoliert bin, selbst wenn ich irgendwo alleine bin.

 

211.   - Kannst du denn die Gedanken anderer lesen?

- Manchmal. Aber ich kann mich jederzeit mit unserer gemein-samen Erfahrung verbinden und dort die Lösung eines Problems finden, die ein anderer Mensch gefunden hat. Ich bin immer in dieser #gemein­samen Erfahrung# und sie ist in mir. Meistens handle ich in Übereinstimmung mit ihr, ohne darüber nachzudenken. Ist aber eine bestimmte Aufgabe zu lösen, kann ich um Rat und An­leitung fragen.

- Wie machst du das?

- Durch Tanz, Gesang, Musik, Meditation und Leere.

 

212.   - Durch Tanz? Kannst du deine Frage tanzen?

- Nein, erst formuliere ich die Frage ganz klar, dann tanze ich so, daß ich mich für die Antwort öffnen kann.

- Ist das eine spezielle Art zu tanzen?

- Jede Art zu tanzen ist speziell.

- Was denkst du, wenn du tanzt?

- Ich denke eben nicht. Es kann sein, daß Bilder, Muster in meinem #Sinn entstehen. Die Antwort existiert ja schon. Ich muss nur dafür sorgen, daß ich sie so klar wie nur möglich empfangen kann. Wenn ich selbst denke, will ich ja selbst die Antwort finden, und dann bin ich nicht offen.


213.   - Bedeutet das, daß du selber gar nicht denkst?

- Ich bearbeite ja die Gedanken, die ich kriege, in meinem Kopf. Ist das nicht denken?

- Aber machst du selbst keine Gedanken?

- Ich zweifle. Gedanken existieren. Ich glaube nicht, daß ich in meinem ganzen Leben einen neuen Gedanken erschaffen habe, aber wer weiß?

 

214.   - Bedeutet das, daß wir Gedanken denken, die schon da sind? Daß wir keine neuen Gedanken erschaffen?

- Wenige Menschen erschaffen neue Gedanken, wenn überhaupt. Gedanken existieren. Wir können uns für sie öffnen, sie entgegennehmen, sie in unserer eigenen Welt brauchen.

- Wo sind die Gedanken?

- Überall im Sichtbaren und Unsichtbaren. Im Sichtbaren haben sie physische Körper, im Unsichtbaren haben sie Körper aus Kraft.

- Ich hätte mir niemals vorgestellt, daß Gedanken Körper haben könnten!

 

215.   - Alles in Ting ist in Bewegung und Bewegung ist Körper. Gedanken existieren in Raum und Zeit, also haben sie einen Körper. Sonst wären sie ja nicht zugänglich.

 

216.   - Kann man gute und schlechte Gedanken kriegen?

- Es gibt nichts was gut oder schlecht an sich ist, aber alles kan für den einzelnen und in einer speziellen Situation gut oder schlecht sein. Darum ist es so wichtig zu tanzen.

- Zu tanzen?

- Sich für die Gedankenformen zu öffnen, die für einen gut sind, dort wo man ist.

 

217.    Wenn meine Füße meinem Kopf erzählen, wo ich mich in der Welt befinde, kann mein Kopf sich für die Gedanken öffnen, die mir nützlich sind. Das war's, was ich dir vorhin erzählte. Wenn ich Kontakt habe mit den Gedankenformen, die meinem Platz auf der Erde entsprechen, be­komme ich gute Gedanken.

 

218.   - Gedankenformen?


- Gedanken sind Formen, sind Mustern. Jeder Stern hat diese Muster in sich. Einige Sterne haben Körper, die aus den Gedan­kenmustern vieler Sterne bestehen.

- Das klingt kompliziert. Kann man einen Körper haben, der aus Gedanken­mustern besteht?

 

219.   - Einige Sterne haben so einen Körper. Denk bloß an die Götter.

- Die Götter? Du erstaunst mich! Was haben die Götter hiermit zu tun?

- Götter sind Sterne, die aus einer bestimmten Sammlung von Gedanken­mustern von tausenden von Sternen bestehen. Darum wirken sie so klug auf uns.

- Sind sie denn nicht klug?

- Viele von ihnen sind es. Aber viele von ihnen haben so wenige Gedan­kenmuster in sich, die mit dem Erdenleben zu tun haben, daß es dumm wäre, ihnen zu folgen. Die Gedan-ken einiger Götter sind dem organi­schen Leben fremd und im Widerstreit zu ihm. Trotzdem sind durch die Zeiten viele Leute und Völker diesen Göttern gefolgt.

 

220.   - Wie können Menschen darauf kommen, den Mustern solcher Götter zu folgen?

- Wir bilden uns viele Körper an vielen Orte in der Welt und in vielen Zeiten. Wir können uns irren: wir können mit Mustern vertraut sein, die anderswo richtig und nützlich sind, und dann glauben, daß sie auch auf der Erde nützlich sind.

- So als würde man auf der Erde handeln als lebe man auf dem Mars?

- Ja. Oder als wenn wir in einer anderen Zeit lebten.

 

221.   - Wie können wir es vermeiden, schädlichen Göttern zu folgen?

- Durch tanzen.

- Das sollten die Ökonomen und Philosphen in meiner Welt hören!

- Warum sagst du das?

- Weil sie nicht tanzen. Und falls sie tanzen, scheinen sie nach einer Melodie zu tanzen, die bestimmt nicht unserem Leben und dem Leben der Erde nützt.

- Steht es denn so schlimm bei euch?


222.   - Ganz schlimm. Nicht nur mein eigenes Leben, nicht nur das Leben meiner Kinder, nein, das Leben der ganzen Erde ist jederzeit von der Vernichtung bedroht.

- Bist du dir sicher?

- Ja, ganz sicher. Leider.

- Was sagt Kia dazu?

- Ahne ich nicht.

- Dann tanz!


Ein Gespräch über

Bakterien und andere kleine Lebewesen

 

223.   - Was mit den Bakterien, Viren und all dem anderen Gewürm?

- Auf eine Weise ist es am schwierigsten mit ihnen einen geistigen Kontakt herzustellen.

- Warum das? Die sind doch viel einfacher in ihrem physichen Aus­druck? Sind sie nicht primitivere Geister?

- Kein Geist ist primitiv, kein Stern ist weniger wert oder weniger entwickelt als ein anderer. Das darfst du nie vergessen!

 

224.   - Aber warum ist es dann so schwierig, mit ihnen zu kommu-nizieren? Weil sie uns zu fremd sind?

- Im Gegenteil. Sie sind uns zu nahe. Ein Teil von ihnen lebt ja in uns, in unserer Verdauung, ja, viele andere Stellen.

 

225.   - Gibt es Bakterien andre Stellen als in den Därmen?

- Wir reden ja nicht nur von den Bakterien, sondern z.B. auch über die weißen Blutkörperchen.

- Wie bitte?

- Die sind von einer anderen Art, Körper von einem andereren Stern als wir, ja. - Darüber grübelte ich eine Zeit lang nach und sah mich selbst von einer Unzahl fremder Wesen bevölkert. Dann fragte ich:

 

226.   - Warum ist es denn so schwer mit ihnen zu kommunizieren, wenn sie uns doch so nahe sind?

- Weil sie in so hohem Grade ein Teil von uns sind - also von unserem Erleben unserer selbst als irdische Wesen. Es ist überaus schwer, sie von uns zu unterscheiden. Aber das brauchen wir auch nicht.

- Was meinst du damit?

 

227.   - Denk nur an dich selbst, deinen Bauch, deinen Körper mit Liebe. Habe freundliche, dankbare Gedanken über alle deine Helfer, deine Freunde in dem, was du deinen Körper nennst.


- Ist das denn nicht mein Körper?

- Das ist euer Körper.

- Unser? - Und wieder fühlte ich mit einem gewissen Unbeha-gen übervölkert.

 

228.   - Ja. Wenn du durch und durch das liebst, was sie in dir sind und für dich tun, wirst du immer gesund sein.

- Wie kommt das?

- Wenn du Widerwillen gegen dein Leben und Angst vor Krankheit und Tod hast, verringerst du ihre Möglichkeit, in dir zu wirken und dir zu helfen. Dann können sie nicht aufpassen, daß nicht fremde Wesen in dich reinkommen, Wesen, die dir nur schaden können.

- Sie sind also meine Alliierten im Kampf gegen feindlich Bakterien, Viren und dergleichen?

 

229.   - Du hast keine Feinde. Du mißverstehst mich. Wenn du die Bedingun­gen deiner Helfer in dir verringerst, schaffst du gleichzeitig solche Bedingungen, welche für das Leben anderer Sterne natürlich sind.

- Dann bin ich also mein eigener Feind? Ich mache Sumpf wo ein Feld war?

- Haargenau. Aber du bist nicht dein eigener Feind. Deine Angst und dein Haß sind deine Feinde. Und natürlich deine schädlichen Gewohn­heiten, deine lieblosen Gelüste. Die Welt, die du mit deiner Liebe umfaßt, ist viel zu klein.

- Sie ist doch wohl so klein, weil ich nicht genug Kraft habe, einen größeren Teil der Wir­klichkeit mit Liebe zu umfassen?

 

230.   - Um die ganze Schöpfung mit Liebe zu umfassen, brauchst du keine Kraft, im Gegenteil: das gibt Kraft. Du brauchst dagegen Kraft um Geschöpfe aus deinem Universum auszu-schließen.

- Das hast du doch gewiß schon mal gesagt, mit anderen Worten.

- Ich sage das die ganze Zeit mit anderen Worten.

 

231.   - Was soll ich denn tun, wenn ich oder andere von Bakterien und dergleichen krank werden?


- Bete! Mach Frieden, hab Vertrauen. Sprich freundlich zu deinen Helfern. Glaub an ihre Fähigkeit, dir zu helfen. Glaub an ihre Lust, dir zu helfen. Sie wollen nichts lieber, als mit dir zusammen gesund zu sein. Entferne alle Angst und allen Haß aus deinen Gedanken, deinem Sinn und deinem Körper - dann bist du schon gesund!

 

232.   - Dann muss ich wohl aufhören, auf die Bakterien und die anderen kleinen Lebewesen herabzusehen, bloß weil sie mir minderwertig und primitiv vorkommen?

- Es ist nicht gut für dich auf irgend ein Lebewesen auf der Erde herabzuse­hen. Wir sind alle Sternenkörper auf der Erde.

 

233.   - Aber wie kann ich dann Kontakt mit ihrem Geist kriegen? Davon sind wir doch wohl abgeschweift.

- Wir sind eben nicht davon abgeschweift. Erst wenn du ein freund­liches Verhältnis zu allen deinen Freunden, die ihren Körper in deinem Körper haben, entwickelt hast, kannst du gemeinsam mit ihnen und durch sie in geisti­gen Kontakt mit den Sternen aller dieser unansehlichen Wesen treten. Und dann können sie dir wohl eine ganz andere Geschich­te vom Leben auf der Erde erzählen, als du dir je hast vorstellen können.

 

234.   - Aber warum arbeite ich mit all diesen Wesen zusammen? Warum kann ich mir nicht einfach einen Körper auf der Erde bilden, ohne sozusagen in ein familiä­res Verhältnis zu diesen Bakterien und Pilzen zu kommen?

- Alles ist Zusammenspiel, auf der Erde wie im Himmel.

- Aber wo ist dann die Individualität? Wo bin ICH denn in all diesem Zusammen­spiel? Ich fühle, daß ich verschwinde, wenn ich so denke wie du.

- Du verschwindest doch nicht! Du bist es ja, der fragt! Oder warst du's nicht, der fragte?

- Doch. Ich war's.


Über Grenzen und Zorn

 

235.   - Ihr seht so aus, als wenn ihr sehr in Frieden mit einander lebt. Aber vielleicht geschieht das eine und andere, während ich nicht hier bin?

- Es geschieht ja, dass Menschen zornig auf einander werden.

- Auch bei euch?

- Es geschieht, daß die Grenzen der Leute sich ausdehnen.

- Grenzen?

- Sie können auf die Grenzen anderer stoßen.

- Was hat das mit Zorn zu tun?

 

236.   - Wenn deine Grenze auf meine Grenze stößt, und ich nicht weichen will, kannst du doch leicht zornig werden.

- Und dann hasse ich dich?

- Vielleicht nicht gleich. Aber es könnte dazu kommen.

 

237.   - Wie kann es sein, daß es mir passieren könnte, gegen deine Grenzen zu stoßen?

- Weil du nicht darauf aufmerksam sein könntest, wo meine Grenze geht.

- Was könnte mich darauf unaufmerksam machen?

 

238.   - Wenn du fühlst, dass du wächst, kannst du fühlen, daß du mehr Platz brauchst. Du dehnst deine Grenzen aus. Dann kannst du gegen meine stoßen. Dann kannst du zornig werden, weil du glaubst, daß du dadurch wachsen kannst, daß du meinen Platz nimmst. Aber das kannst du nicht.

- Warum nicht?

- Weil physisches Wachstum begrenzt ist. Da ist Platz für alle. Das Wachstum der Seele ist unbegrenzt. Wenn du glaubst, daß die Seele auf die selbe Weise wächst wie der Körper, kannst du sehr zornig werden, wenn ich nicht weiche.

 

239.   - Wie könnte ich darauf kommen, das Wachstum der Seele mit dem des Körpers zu verwechseln?

- Das könntest du, wenn deine Seele voller Begierde nach physischen Dingen und physischer Sinnlichkeit wäre.

- Und das würde sie sein, wenn ...


- ... wenn deine Seele nicht ihr eigenes, sondern das, was dem Körper verbunden ist,  suchen würde.

- Also sind die Bedürfnisse der Seele und des Körpers verschieden.

- Was hilft's, Brot zu essen, wenn man durstig ist?

 

240.   - Aber die Seele will doch gerne die Lust des Leibes genießen?

- Ja, sehr.

- Dann ist es doch nur natürlich, daß jeder danach strebt, so viel wie möglich von dem zu besitzen, was Genuß geben kann.

- Jeder sollte danach streben, so intensiv wie möglich zu genießen.

- Ist das nicht das selbe?

 

241.   - Wir verwechseln oft die Menge mit der Qualität.

 - Was meinst du?

- Viele Sachen zu genießen ist nicht das selbe wie sehr zu genießen. Des größere Mengen wir genießen, desto weniger genießen wir. In der Regel.

- Warum ist das so?

- Weil die Menge die Aufmerksamkeit fort von der Qualität und hin zur Wieder­holung führt. Die Aufmerksamkeit auf die Menge ist wie ein Baum, der auf dem Boden liegt, die Aufmerksamkeit auf die Qualität ist wie ein Baum, der von seiner Wurzel hinauf zum Himmel wächst.

 

242.   - Das war ein gutes Bild. Die Seele wie ein Baum ... Die Seele, die von der Erde hinauf in den Himmel wächst... Hinauf in immer feinere Energien. ...

- Oder umgekehrt: Die Seele wie ein Baum, der aus dem Himmel in die Erde wächst. Hast du nicht gesehen, wie die Kraft vom Himmel kommt und allmählich dichter und dichter wird, bis sie zuletzt zu einem Blatt und einem Zweig und einem Stamm und einer Wurzel wird?

- Neh ... doch, war es das, was ich sah? Damals draußen auf deiner Kraftstät­te? Ich sah das wie die Kraft, die von der Erde nach außen ging.


- So bist du es wohl gewöhnt es zu sehen. Das Feine ist nicht besser als das Grobe. Qualität ist, wenn alles an seinem rechten Platz ist, wenn die Kraft fein ist im Feinen und grob im Groben, wenn sie ungestört, rein, vollkommen ist.

 

243.   - Aber der Zorn, wir kamen von Zorn ab.

- Zorn ist verzerrte Kraft. - (Er sagte faktisch so etwas wie: gefallener Baum - viele #Schösslinge.' Das Wort für Schösslinge bedeutet 'unfrucht­bare, verworrene, zersplitterte Kraft'.)

- Aber Zorn kann sehr stark sein und er kann große Räume füllen, - sagte ich, und setzte fort: - Ganze Länder und Konti-nente können von Zorn erfüllt sein.

- Der Zorn kann stark sein, er hat aber keine Beständigkeit, - antwortete er.

- Zorn erzeugt neuen Zorn!

- Nicht notwendigerweise (zwangsläufig?). Zorn kann zu Freundschaft werden. Zorn kann zu Frieden werden.

 

244.   - Ja, das passiert. Aber wie kann ich dem Zorn entgehen? Wie kann ich es vermei­den, zornig zu werden? Wie entgehe ich dem Zorn anderer?

- Sei wie ein Baum, wachs nach oben, es ist für alle Platz da. In der Welt der Seele und des Geistes werfen wir keine Schatten.

- Und wenn ich doch vom Zorn anderer Menschen angegriffen werde?

- Sei wurzelfest. Schwanke im Wind.

- Und wenn ich trotzdem breche?

- Du bist kein Baum. Du bist ein Mensch. #Entferne dich!

- Das sagst du so leicht. Als Mensch kann man an Haus und Heim und Familie gebunden sein. Ich kann mich nicht so ohne weiteres entfernen.

- Wenn du dich im inneren entfernt hast, brauchst du dich nicht im äußeren entfernen.

- Ich kenne den Krieg. Da wird niemand geschont.

 

245.   - Wenn das Leben deiner Kinder bedroht ist, und du dich im äußeren nicht entfernen kannst, dann verteidige ihr Leben. Wenn nötig mit deinem eigenen Leben.

- Es gibt also einen Grund für den Krieg - auch in deiner Welt?

- Nicht zum Krieg, sondern zum Kampf.

 


246.   - Darf ich mich nicht selbst verteidigen?

- Nicht mit deinem Leben.

- Aber das Leben meiner Kinder darf ich mit Einsatz meines Lebens verteidi­gen. Warum ist das so?

 

247.   - Bei uns sagen wir, daß wir das Leben unserer Kinder verteidi-gen sollen. Nicht ihr Eigentum und Heim, aber ihre Gesundheit und ihre Zukunft. Das sollen wir, weil sie unsere Liebe zur Erde, auf der Erde, sind. Wenn wir töten, stirbt unsere Liebe. Wenn wir sterben, wird unsere Liebe nicht sterben. Aber wenn unsere Kinder sterben, wird unsere Liebe sterben.

- Und das ist das schlimmste, was passieren kann?

- Nicht daß unsere Kinder sterben, denn sie haben wie alle Menschen ihre eigenen Bahnen. Aber daß unsere Liebe zur Erde stirbt. Und die wird sterben, wenn wir nicht die Menschen verteidigen, in denen unsere Liebe auf der Erde wohnt.

 

248.   - Aber ich dachte ja eigentlich mehr an den täglichen Zorn zwischen den Menschen. Bei euch habe ich nie eine zornige Bemerkung gehört oder eine zornige Handlung gesehen. Ich sehe aber so vieles nicht.

- Zorn ist ungesund, das wissen wir alle. Alter Zorn ist töd-liches Gift.

- Was macht ihr, wenn ihr trotzdem zornig werdet?

- Wir machen ein Hass -Rota jeden letzten Sonnabend vor Neumond.

- Ein Hass -Rota? Ich dachte ein Rota sei eine Wiederverbindung mit dem Stern?

- Das Leben ist ein Rota, ein Rad, daß sich sowohl nach oben wie nach unten dreht. Ein Rota hilft dem Rad sich frei zu drehen.

 

249.   - Wie geht so ein Hass-Rota vor sich?

- Hast du die Gruppe Bäume bemerkt, die genau südlich vorm Dorf stehen?

- Zwischen den Feldern?

- Ja. Das ist unser Hass-Platz.

- Habt ihr einen Hass-Platz!?

- Dort gehen wir hin, wenn wir zornig oder hasserfüllt sind und geben unseren Gefühlen Luft.


- Ganz ungehemmt?

- Ganz ungehemmt, wenn es uns passt.

- Dann ist diese Stelle wohl voll von schlechter Energie?

- Nein, wir verwandeln sie bei jedem Hass-Rota.

- Wie macht ihr das?

 

250.   - Alle, die auf jemanden böse sind, können auf den Platz gehen und ihrem Hass und Zorn aufeinander Ausdruck geben. Der, auf dem man böse ist, braucht nicht mit seinem Körper anwesend sein. Um den Hass-Platz herum macht die Gemeinschaft ein Rota, das die verzerrten Formen auffängt und sie zu Schmet­terlingen verwandelt, die sich vom Nektar der Krone nähren und die Herzen bestäubt.

- Meinst du ein Rota, daß den Zorn in Freundschaft ver-wandelt?

- Ja. Das ist eine etwas unpräzise Weise, das zu sagen.

- Das bedeutet also, daß man Frieden machen kann!

- Nein, das können wir nicht. Wir können aber die Voraussetzung dafür schaffen, daß der Frieden sich einfinden kann.

 

251.   - Ich sehe vor mir, wie der eine nach dem anderen auf die Bühne kommt und auf eine wirkliche oder eingebildete Person schimpft. Geht es so vor sich?

- Ja, sie können ganz schön und ungehemmt mit einander schimpfen, wenn sie das nötig haben.

 

252.   - Was geschieht vor und nach den Schimpfereien?

- Manchmal machen wir vor dem Hass-Rota eine verzerrte Energie auf der Stelle, andere Male #schaffen wir eine sanfte und harmonische Energie. Durch die Kraft der Gemeinschaft binden wir allen Zorn in einen Stein, der mitten auf dem Platz liegt. Diesen Stein legen wir zuletzt in ein Feuer, und wenn er glüht, verwandelt sich die Kraft des Hasses in Liebe und Wärme.

 

253.   - Glaubt ihr selbst daran, daß der Hass in einen Stein gebun-den und dann vom Feuer zu Liebe verwandelt werden kann?

- Was meinst du? Selbstverständlich glauben wir dran. Wir glauben doch an unser Spiel!


- Spiel?

- Jedes Rota ist ein Spiel, genau so sorglos und genau so ernst wie das Spiel­ der Kinder. Nur im Spiel ist alles möglich.

 

254.    Wir beenden das Rota indem die, die böse waren, vom Hass-Platz gehen und wieder ein Teil der Gemeinschaft werden. Wir finden es sehr wichtig, daß das Hass-Rota in Frieden und Harmonie und Sanftheit schließt. Wir verlassen die Hass-Stelle immer gemeinsam.

 

255.   - Ich verstehe dich nicht, wenn du sagst, daß ihr spielt. Zornige Menschen spielen nicht.

- Deswegen sind sie ja zornig. Nur wenn wir spielen wie Kinder spielen, sind wir ganz in dem, was wir tun. Darum sagen wir: Wir spielen jetzt, daß dieser Stein all die schlechte Kraft hier entgegennimmt und sammelt. Und dann spielen wir, daß unser Feuer diese schlechte Kraft in herrliche Wärme verwandelt. Und dann sind wir wieder Freunde.


256.    

Tischgebet

 

Hör, du mein Stern, nun spreche

mit allen anderen Sternen!

Und laß mich danken für die Speise,

die auf dem Tisch hier steht,

für mich und die Meinen!

Und sag zu allen andern Sternen:

wir wollen teilen

den kleinsten Krumen

und die größte Mahlzeit

mit allen Menschen auf der Erde,

dass niemand hungre,

niemand leide Not.

Ja, laß mich froh sein über das,

was ich hier habe,

und laß mich meine Freude teilen

mit allen, die mit mir zusammen

                                                  essen.

Danke!


Die Übergabe

A.

257.   Es war früher Nachmittag, als ich mich selbst  im Heilighain fand. Ich bemerkte, dass einer der Lebensbäume mit weißen Bändern und vielen Blumen geschmückt war. Die Erde um den Baum war mit schönen Tüchern, Blumen und Zweigen bedeckt.

Ich sah eine Anzahl kleiner und größerer Figuren, die eine Frau in verschiede­nen #Lebensabschnitten und Situationen darstellten. Einige waren mit lebhaften Farben bemalt, andere sahen aus, als wenn sie aus einer Art Lehm gemacht waren.

 

258.   Im Süden des Baumes war ein Loch gegraben worden. Hätte ich mich hineingestellt, wäre ich bis zur Hüfte verschwunden. Die ausgegrabene Erde war mit einem schön besticktem grünen Tuch bedeckt. Die Grube war so groß, dass ich ge-mächlich hätte drin liegen können. Sie war mit einem Stoff aus feinster Qualität in den Farben des Regenbogens ausge-schlagen, der rote Streifen war unten.

 

259.   Was sollte hier wohl geschehen? Eine Einweihung? Eine Opferhandlung?

Aus der Ferne hörte ich Trommeln, Musik und Gesang. Eine große Mens­chenschar näherte sich. Sie gingen in einer Art Prozession. Sechs oder acht von ihnen trugen etwas auf ihren Schultern, es sah aus wie ein flaches, längliches Zelt in güldenen und roten Farben.

 

260.   Der ganze Weg zum Baum war mit Zweigen bestreut. Blumen und kleine farbige Wimpel mit Inschriften standen den Weg entlang. Ich konnte die Schrift nicht entziffern. Auf beiden Seiten der Prozession, vor ihr und hinter ihr, sah ich eine Schar Tänzer in phantastischen Kostümen, sie tanzten #hinein und heraus# zwischen den Wimpeln, hinein und heraus zwischen #die Menschen in der Prozession, wirbelten vor und hinter dem Aufzug.


Die Musik war ruhig und schön, der Rhythmus der Trommeln war schnell und markant, ohne #aufreizend zu wirken. Es war nichts dramatisches oder feierli­ches, munteres oder trauriges über der Szenerie - aber - vielleicht kann ich es so nennen: etwas innerliches und intensives.

Ich zog mich unter einige Bäume zurück. Ich wollte nicht stören.

 

261.   Als der Aufzug den geschmückten Lebensbaum erreichte, wurde die Musik sehr ruhig und einfach, die Trommeln schlugen langsam und gedämpft. Das goldene Zelt wurde zwei Mal den Erdenweg* um den Baum getragen, alle folgten ihm. Ab und zu hörte ich Gesang, aber ich verstand die Worte nicht. Das Zelt wurde in die ausgeschmückte Grube gesenkt. Jetzt standen alle still und die Musik schwieg.

Da hörte ich eine einzelne, klare und starke Stimme. Diesmal verstand ich die Worte, und sie machten einen tiefen Eindruck auf mich. Ich will versuchen, sie wiederzugeben, so gut wie ich sie erinnern kann:

 

103. Oh, liebe Erde!

Empfange diesen Leib,

den Laora nun verlassen hat.

Empfange mit Freude

den Leib der Laora,

so dass er wieder

Teil deines Lebens wird!

 

104. Wir danken dir tief für deine Gabe,

damals als du Laora gebären liessest

in diesem Leib aus Erde.

Wir danken dir für das Wasser,

für die Nahrung und die Luft,

die du so freigebig mit Laora geteilt hast.

 

Wir danken dir,

dass sie auf dir gehen

und von deinem Körper leben durfte,

in deiner Welt.

Wir danken dir,

weil sie dem Leben dieser Erde

Leben geben durfte!

 

 


105. Nimm unsere Gabe an!

Sie ist voller Spuren ihres Lebens,

voller Erfahrung,

voll von den Mustern der Sterne!

Laß dich bereichern

von der Erinnerung des Lebens!

 

Laoras Lebensbaum!

Nimm die Wohnung ihres Sternes an,

laß sie Teil deiner Heilheit werden!

 

106. Laora! Laora!

Entsage nun deinem Körper!

Übergebe deinen Leib der Erde,

wie wir ihn jetzt

deinem heiligen Baum übergeben!

 

Wir übergeben,

wir übergeben dir jetzt Laoras Leib,

oh, liebe Erde!

 

262.   Dies ist wohl das Wichtigste von dem, was ich hörte. Erst jetzt verstand ich, dass ich Zeuge einer Beerdigung war.

Ein paar jüngere Leute traten #hervor und dankten laut, dass sie ihr Erden­leben durch Laoras Leib bekommen durften. Das mussten die Kinder der Neu­toten sein. Dann trat ein Mann vor und dankte dafür, dass er Leib, Seele und Geist mit dieser Frau hatte teilen dürfen. Viele traten vor und hatten für vieles zu danken. Sie bedankten sich bei Laora, sie bedankten sich bei Laoras Stern. Während sie sprachen, blieben die anderen bei, den Weg der Erde um den Baum zu gehen.

 

263.   Dann kam ein langes Schweigen. Alle standen still oder knieten nieder. Es war, als wenn der Baum, der Wind und das Wetter ihnen eine Antwort gab, an der sie sich freuen konnten.

 

264.   Da klang die größte Trommel mit langsamen, gedämpften Schlägen. Ein Urhorn* ließ sich hören.


Die Menschen wanderten wieder langsam um den Baum, schweigend. Einige nahmen die Frauenfiguren und stellten sie behutsam auf das goldene Zelt.

 

265.   Das grüne Tuch von der ausgegrabenen Erde wurde nun über das Zelt gelegt. Die Teilnehmer nahmen nacheinander eine Handvoll Erde, spuckten auf sie und ließen sie auf das goldene Zelt herabrieseln.

 

266.   Als alle das getan hatten - einige schienen es zwei oder dreimal zu tun - wechselte der Rhythmus und die Musik wurde wieder lebhafter, und jetzt gingen alle schnell dreimal den Sonnenweg* um den Baum, während sie ein Lied sangen, das ich nicht ver­stehen konnte. Sie gingen in Gruppen vom Baum fort, den Weg, den sie gekommen waren.

Einige Tänzer tanzten ab und zu, dann und wann hörte ich Gesang.

 

267.   Einer der letzten, die den Baum verließen, kam zu mir. Es war der Alte. Ich hatte ihn gar nicht in der Menschenschar bemerkt. Wir sagten nichts, als wir langsam zu seinem Haus gingen. Ich hätte ihn gerne eine ganze Menge gefragt, aber er schaute mich nur an und gab mir eine warme Tasse Tee.

 

268.   Kurz danach fand ich mich selber wieder in meinem Zimmer. Jetzt hatte ich keine Lust mehr um irgendetwas zu fragen. Ich schrieb nur das nieder, was ich erlebt hatte. Vielleicht war es merkwürdig, aber ich fühlte eine tiefe und runde Freude in meinem Sinn.

 

B.

269.   Am Abend des selben Tages war ich wieder auf Reisen.

Ich kam zu einem großen Raum. Hier saßen fünfzig oder hundert Menschen, ich konnte sie gar nicht alle sehen, denn es war halbdunkel. In der Mitte des Raumes brannte ein kleines Feuer. Es roch sehr angenehm nach würzigem Holzrauch.

 


270.   Langes Schweigen, dann ein Gemurmel, dann Musik, auch Gesang. Die Leute, die dem Feuer am nächsten saßen, taten ab und zu irgend etwas, was ich nicht sehen konnte. Es klangen tiefe Trommeln, scharfe, peitschende Trom­meln, Urhörner und eine Art Schalmeien. Zwischen­durch erklang plötzlich ein gewaltiger Gong, dann Zimbeln, Flöten, jetzt spielten sie zusammen, jetzt jeder für sich. Tiefe Menschenstim­men, hohe Menschenstimmen, messend, melodisch, dann im Chor.

 

271.   Wo war ich? Was geschah? Welche Ruhe, welche Innerlichkeit auch hier!

 

272.   Jetzt sah ich es deutlich: Ein Mann erhob sich, jemand reichte ihm eine rote Schnur, er hielt sie hoch über das Feuer und sagte mit klarer Stimme:

 

273.   Laora! Laora!

Horche, Laora!

Jetzt bist du auf dem Weg dorthin,

wo du alles ebnen willst,

alles was du in deinem Leben

auf der Erde uneben gemacht hast.

Sei sorglos und lache!

Die Götter lächeln dir zu.

Du wirst nicht bestraft werden.

 

Du selbst willst jetzt das Unebene ebnen.

Jetzt willst du selbst dem Kriege Frieden geben.

Und all das Unebene,

das andere in dein Leben brachten,

wird geebnet werden, hab Vertrauen,

es wird geebnet.

 

107. Schaue nicht zurück.

Laß dich nicht von unserer Trauer binden.

Wende dein Antlitz zum Licht!

Siehe, deine Freunde durch alle Zeiten

empfangen dich.

 

108. Siehe, deine Güte leuchtet auf deinem Weg,

deine Liebe ist deine Nahrung.

Und auch die Güte, auch die Liebe,


die auf Erden keinen Ausdruck fand,

ist jetzt Licht und Nahrung für dich.

Denn jetzt ist dein Innerstes dein Äußerstes

und dein Äußerstes zu innerst.

 

109. Laß nicht unsere Trauer und Klage

deine Freude verdunkeln!

Freue dich über die Welt aus Licht,

in die du jetzt kommst.

Lasse deine irdische Blindheit hinter dir!

Schaue mit deinen neuen Augen,

und sieh die unendliche Schönheit überall im Leben.

Wenn der Mond eine Runde gewandert ist,

teile uns mit, was du siehst.

 

Wisse, dass du nicht fern bist von uns.

Wisse, dass jede liebe Berührung im Körper

die leibliche Sprache des Geistes ist.

Jetzt kannst du ohne Umschweif mit uns reden,

jetzt kannst du ohne Leib zu uns sprechen.

 

110. Gebe dir Zeit!

Wenn du nach einem Monat in deiner neuen Welt gekeimt  hast,

wenn du Wurzel und Wachstum bekommen hast,

dann spreche zu uns, dann gebe uns deine Liebe,

wie wir dir unsere geben wollen, jetzt und für immer.

 

Du Menschensame im Himmel!

Wachse dich gesund und stark!

Setze Samen für ein neues Leben auf der Erde!

 

111. Wir verzichten auf deinen Leib.

Wir verzichten auf deinen Geruch.

Wir verzichten auf deine Stimme.

Wir verzichten auf deine Handlungen.

Wir verzichten auf deine Wärme.

Wir verzichten auf dein Antlitz.

 

Wir lösen uns von jedem Band, das uns verbindet.

Wir lösen alle Knoten, wir lösen alle Schleifen.


Jetzt können wir dir in Liebe begegnen,

jetzt gibt es keinen Abstand mehr,

jetzt kannst du ganz nahe sein.

 

Wir verzichten auf deinen Namen,

wir lösen deinen Namen von jedem Band,

von allen Knoten und Schleifen.

Wir verzichten auf dein Bild.

Wir lösen dein Bild von allen Knoten und Schleifen.

Wir verzichten auf dich, Laora,

so dass du uns nahe sein kannst.

 

112. Laora! Laora! Wir übergeben dich!

Wir übergeben dich an (#in) dein neues Leben!

 

274.   Der Mann am Feuer senkte die rote Schnur und die Flamme brannte sie entz­wei. Er gab die beiden Stücke zwei von denen, die neben ihm saßen. Man reichte ihm ein Stück Papier - war es ein Photo? - und er legte es in das Feuer.

Dann nahm er etwas aus einem kleinen Beutel. Ich konnte nicht sehen was es war. Er hielt es hoch und alle erhoben sich, lang­sam, würdig. Dann legte er es in das Feuer und rief:

 

113. Mit deinen Augen aus Licht,

im Licht,

siehst du jetzt das Licht,

das Licht deines Leibes

im Licht der Erde.

Die siehst das Licht

von deinem entseelten Leibe strahlen,

vom Glühenden Herzen der Erde!

Das Dunkel schwand

von deinen Augen.

Segne uns, du Tote,

dass wir sehen können!

 


275.   Die Angehörigen warfen eine Handvoll Weihrauch in die Flammen, und dann gingen alle Teilnehmer langsam zum Feuer und warfen Weih­rauch in die Glut. Der Raum füllte sich mit einem überwältigendem Wohlgeruch. Der starke Rauch stieg empor wie eine Säule und breitete sich unter dem Dach aus­. Da öffnete sich eine Luke in der Wölbung und der Rauch verließ die Begren­zung des Raumes.

Im gleichen Augenblick erklang die schönste Musik, mild und himmlisch, und jetzt hörte ich Weinen, ja, viele weinten, aber das Weinen klang nicht wie eine Klage, nein, eher wie eine Erlösung, wie Trost und Zuver­sicht, wie eine Befreiung.

 

276.   Ich weiß nicht warum, aber plötzlich fühlte ich, dass ich diesen Ort verlassen musste. Vielleicht brauchte ich frische Luft, vielleicht fühlte ich, dass meine Gegenwart unpassend war?

In der Tür drehte ich mich um und sah den Raum von Kerzen hell erleuchtet. Alle hielten einander bei den Händen, und in ihren Händen hatten sie brennende Kerzen.

Draußen stand der Alte und lächelte.

 

277.   Das Wetter war mild, wir gingen eine Weile und setzten uns unter einen Baum.

Ich sagte:

- Wie schön das war! Macht ihr das immer so, wenn ihr von euren Toten Abschied nehmt?

- Abschied? Wir nennen es Die Übergabe.

 

278.   - Ich dachte erst, dass die Beerdigung, die ich heute nachmittag sah, alles war, was ihr tut, wenn jemand bei euch gestorben ist.

- Das, was du heute nachmittag sahst, kannst du eine Beerdigung nennen. Da gaben wir Laoras Körper der Erde wieder. Aber dieses Rota handelt von etwas an­derem.

- Wovon handelt es denn?

- Es handelt von der Übergabe, von der Entsagung, vom Verzicht.

 

279.   Wir ver­sam­meln uns um ein Feuer oder einer Flamme und verzichten auf jede Bindung an die Neutoten. Damit die Trauer nicht zu einem unnützen Schmerz wird, sondern zu einer Hilfe für die Hinterbliebenen und für die Neutoten.

- Dieses Rota hilft also auch den Neutoten?


- Die Neutoten brauchen unseren aktiven Verzicht auf jede Bindung zu ihnen, damit sie nicht zurückschauen, sondern voller Erwartung und Offenheit in ihr neues Dasein gehen können.

 

280.   - Aber was mit der Trauer? Ist sie nicht ein natürliches Gefühl?

- Die Trauer und der Schmerz der Hinterbliebenen ist wie eine Nabelschnur, die nicht abgetrennt wird... aber wer läßt wohl sein Neugeborenes länger mit seinem Mutterkuchen verbunden sein, als notwendig? Wir, die Hinterbliebenen, sind für die Neutoten wie der Mutterkuchen für das Neugeborene. Deswegen tun wir alles, was wir können, um den Neutoten Freiheit in ihrem neuen Dasein zu geben.

- Aber wird die Trauer dadurch leichter zu ertragen?

- Dieses Rota kann der Trennung und der Befreiung eine Form und einen Sinn geben, eine Richtung.

 

281.   - Und darum heißt dieses Rota Die Übergabe?

- Wir könnten es auch Den Verzicht, oder Das Ergeben #(Die Erge­bung?) nennen. Weil wir uns der Trennung ergeben, weil wir ihren Leib der Erde übergeben, weil wir auf die Toten verzichten und ihre Seelen ihrem neuen Leben im Himmel übergeben.

- Die Übergabe ist mehr als der Verzicht?

- In der Übergabe liegt Freiwilligkeit und Fürsorge.

- Also mehr als nur passives Verzichten?

- Ja.

 

114. - Was war das, was der Mann zuletzt aus dem Beutel nahm?

- Es war eine Locke vom Haar der Neutoten.

- Warum Haar?

- Weil das Haar das Wesensmuster der Neutoten enthält. Es wird durch das Verbren­nen befreit.

- Wenn sich das so verhält, solltet ihr doch lieber alles Haar oder den ganzen Körper verbren­nen, denn das Lebensmuster ist doch wohl im ganzen Körper?

 

282.   - Die Befreiung geschieht nicht, bloß weil man das Haar verbrennt. Sie geschieht auch nicht, bloß weil ein Körper verbrennt. Die Befreiung geschieht zwischen uns und den Neutoten. Wir verzichten auf die physische Gegenwart der Neutoten.


Dieser Wille zum Verzicht macht, dass die Befreiung geschieht, sowohl für uns wie für die Neutoten. Das befreite Muster ist das Mittel, wodurch die Befreiung geschieht, unser Wille zum Verzicht ist die Kraft, mit der die Befreiung geschieht.

- Also ist das Verbrennen des Haares eine symbolische Handlung?

 

283.   - Wenn wir die Neutoten in der anderen Welt willkommen heißen, ist diese Handlung nicht nur symbolisch für die Entbindung vom Erden­leben. Sie ist hauptsächlich eine konkrete Hilfe für die Neutoten, weil unsere Energie während des Verbrennens ein starkes Feld der Entbindung schafft: Entsagung und Be­freiung. Das selbe passiert, wenn wir das Bild der Neutotenen verbrennen, denn es enthält auch das Wesensmuster der Neutoten.

- Brennen alle das Bild ihrer Lieben, die gestorben sind?

- Nein, andere haben ein Bild der Neutoten während des Rotas bei sich und nehmen es mit nach Hause, als Quelle der Kraft und des Kontakts.

 

284.   - Aber die rote Schnur, die übergebrannt wurde ... das war eine symbolische Handlung?

- Ja, die kannst du symbolisch nennen. Sie ist ein Symbol unserer irdischen Verbundenheit, sie ist die Nabelschnur der Gefühle. Sie ist das Zeichen unseres Willens auf Verzicht. Deswegen wird sie als erstes verbrannt.

 

285.   - Wer bekam die beiden Teile?

- Ihr Mann und ihr jüngstes Kind. Vielleicht bewahren sie sie auf, als Erin­nerung an ihren Verzicht.

 

286.   - Verzicht ist alles?

- Nein, Verzicht ist nicht alles, aber wohl doch das schwerste. Vielleicht sind unsere guten Wünsche das wichtigste. Und gemeinsam mit den Wünschen unsere Wiederverbindung mit den Neutoten in der unsichtbaren Welt. Wir können nicht mit den Toten zusammen sein, ohne erst auf ihre irdische Gegen­wart zu verzichten.

 

 


287.   - Was war das für ein Stück Papier, das auch verbrannt wurde?

- Das war ein Blatt sehr feines Papier, auf dem der Name der Toten geschrie­ben war, mit sehr schöner Schrift. In dem Schönen liegt die Liebe. Im Namen - wie im Haar - ist das irdische Lebensmuster der Neutoten. Für die Hinterbliebenen ist die Handlung ein Symbol des Verzichts.

- Trägt der Name auch das Muster unseres Wesens?

- Ja, in hohem Grade. Deswegen ist es etwas vom Schwersten: auf den Namen der Neutoten zu verzichten.

 

288.   - Auf den Namen verzichten?

- Ja, ihn aufzulösen.

- Den Namen auflösen?

- Ja, ihn von allen sinnlichen Bindungen zu lösen.

- Will das heißen, dass ihr versucht, den Namen des Toten zu verges­sen?

- Nein, im Gegenteil, aber wir reinigen ihn von der irdischen Bindung. Deswegen geben einige ihren Neutoten einen neuen Namen, genau wie ein Neuge­borenes ja einen neuen Namen bekommt.

- Ist das nützlich?

- Ja, vielleicht, aber es ist nicht notwendig.

 

289.   - Für wen löst ihr den Namen auf, für die Neutoten oder für euch selbst?

- Für beide. Doch am meisten für die Neutoten, denn für sie ist es notwendig, dass wir alles tun, um ihre Geburt in ihre neue Welt zu erleichtern.

- Ist das Auflösen des Namens dasselbe wie die Erinnerung an die Toten zu löschen?

- Nein, es ist die Bindung an die Erinnerung aufzuheben. Auf diese Weise wird die Erinnerung ein Muster voller Weisheit.

 

290.   - Gibt es andere Gründe, den Namen aufzulösen?

- Den Namen aufzulösen bedeutet, ihn mit dem jetzigen Zustand der Neutoten in Übereinstimmung zu bringen. Nur der aufgelöste Name kann eine wahre und freie Verbindung zwischen uns und den Toten schaffen. -

 


291.   Ich konnte fühlen, dass ich verstand, was er meinte, aber meine Gedanken konnten gar nicht so schnell folgen. Darum fragte ich nach etwas anderem:

 

292.   - Nun sah ich ja nur einen Teil des Rotas. Wie lange dauert es?

- Von einer halben Stunde bis zu einem Tag und einer Nacht, das ist sehr verschieden. Einige begleiten die Neutoten drei Tage lang auf ihrer Reise und helfen ihnen mit Meditation, Gebeten und guten Wünschen.

- Es ist also gut mit den Neutoten in Verbindung zu sein?

- Der Kontakt ist immer da. Dieser Kontakt macht ja, dass wir den Neutoten helfen und ihnen Mut und Kraft und Vertrauen geben können.

 

293.   - Kann ich auch mit den Neutoten sprechen? Kann ein Neu-toter mir erzählen wie es ist, tot zu sein?

- Es ist nicht gut, mit den Neutoten Kontakt aufzunehmen, ehe ein Monat seit dem Tod vergangen ist. Erst wenn der Mond wieder dort steht, wo er stand, als der Neutote seinen Körper verließ, ist die grundlegende Bindung an das Erden­leben aufgelöst. Erst dann ist die 'Wunde' so weit geheilt, dass der Neutote ohne Schmerzen und Sehnsucht seine Aufmerksamkeit den Hinterbliebenen zuwenden kann.

 

294.   - Wie kann ich mit den Toten sprechen?

- Denk an den Toten mit Liebe. Stell deine Fragen mit dem Mund oder in deinem Sinn. Lausche, aber erwarte nicht eine Antwort in der Sprache, die du sprichst. Erwarte nicht, dass die Anwort nach deiner Frage kommt. Für den Toten ist die Zeit etwas anderes als für dich. Vielleicht hast du schon die Antwort bekommen, ehe du fragst.

- Über was kann ich fragen?

- Was hast du Lust zu wissen? Aber ich glaube, dass wir selten die Toten um etwas fragen. Wenn wir den rechten Kontakt mit ihnen haben, fließt ihr Wissen zu uns, und unser Wissen zu ihnen.

- In einer wortlosen Kommunikation?

- Ja.

 


295.   - Was tut ihr, wenn ihr eure Toten nicht unter ihrem Lebens-baum begraben könnt?

- Wenn wir ihren Körper nicht unter dem Lebensbaum begraben können, bringen wir etwas von ihrem Haar zu seinen Wurzeln. Und wir brennen etwas Haar bei der Übergabe.

 

296.   - Als ich heute nachmittag im Heilighain stand, dachte ich da solle ein Fest sein! Alles war geschmückt, da war Musik und Tanz! Erst als ich die Worte hörte, ging's mir auf, dass ihr dabei wart, einen Menschen zu beerdigen.

Ich fand das sehr merkwürdig.

- Bei der Grablegung schmücken wir die Erde zum Fest und nicht zur Trauer! Wir schmücken die Erde als Ausdruck unserer Dankbarkeit.

- Ja, aber die Musik, die Trommeln, der wirbelnde Tanz! Macht ihr das immer so, wenn ihr Leute beerdigt?

- Einige begraben ihre Toten in Stille.

 

297.   - Was ist der Sinn dieses Tanzens? Ich bemerkte keine Feierlichkeit, keine Trauer!

- Die Erde wird vom Tanz geweckt und belebt, genau so wie die Erde von den Körpern der Neutoten belebt wird. Der wirbelnde Trommeltanz ist wie die wirbelnde Lebensenergie in der organischen Welt.

- Aber fühlt ihr denn keine Trauer, wenn ihr eure Toten begräbt?

- Schon, aber selbst wenn die Trauer groß ist, ist das Begräbnis kein trauri­ges Geschehen.

- Eine Beerdigung ist doch etwas vom traurigsten, was ich kenne!

 

298.   - Traure nicht bei dem Körper des Neutoten, nimm nicht Abschied beim Grab! Der Neutote ist nicht im Körper, im Grab. Der Neutote lebt in der körperlosen Welt. Deine Trauer ist, dass du die körperliche Gegenwart des Neutoten entbehren musst. Laß deine Trauer zu einer Brücke zwischen zwei Sternen werden. Heiße den Neutoten willkommen in seinem neuen Leben!

 


299.   - Nun sah ich nicht das Ende der Beerdigung. Setzt der Tanz fort?

- Ja. Auf dem Rückweg gibt es wieder Trommeltanz. Lebensbejahenden Tanz.

- Tanzen die Angehörigen auch?

- Die, die zum Tanzen Lust haben, tanzen. Tanz ist für viele eine gute Be­freiung von der Bedrückung der Trauer.

 

300.   - Ich sah einige kleine Figuren um den Baum, die später zur Toten ins Grab gelegt wurden. Was ist der Sinn dieser Figuren? Woraus waren sie gemacht?

- Sie waren aus einem speziellen Brotteig gemacht. Sie gaben verschie­dene Situationen in Laoras Leben wieder, Situationen, die der eine oder der andere vielleicht schwer vergessen kann. Sehr teure Erinnerun­gen. Oder vielleicht ein munterer Augenblick in ihrem Leben.

- In meiner Welt setzen wir Steine auf die Gräber, zum Andenken an die Toten. Ich sah keine Steine im Heilighain.

- Wir setzen nie Steine auf das Grab. Wir begnügen uns mit einer kleinen Platte flach auf der Erde, worauf der Name und die Daten stehen. Grabmonumente halten den Toten fest am physischen Dasein. Die Gedenkplatte gibt dem Geschlecht einen Fokuspunkt auf der Erde.

 

301.   - Ich sah Kinder, die herumtanzten und alberten!?

- Ja, war das nicht schön?

 

Wir erhoben uns und gingen vom Baum fort, hin zum Haus des Alten. Wenige Augenblicke später fand ich mich selbst wieder in meiner Stube. Ich verbrannte etwas Wachholderholz. Der gute Geruch machte es mir leichter, all das zu erinnern, was ich diesen Abend erlebt hatte. Dann schrieb ich das nieder, was du jetzt gelesen hast.


               Zwei Gespräche über das

Lieben*

                 

(* Auf dänisch gibt es zwei Wörter für die Liebe: "Kærlighed" und "Elskov". Kærlighed ist das Wort für Liebe schlechthin, Elskov ist das Wort für die erotische Liebe, die nicht notwendigerweise körperlich ist. In meinem Ver­ständ­nis ist Elskov das Wort für den sympathischen Energieaustausch zwischen zwei Menschen, sei dieser körperlich, seelisch oder geistig. Um den Unterschied auf deutsch festzuhalten, übersetze ich Kærlighed mit Liebe und Elskov mit Lieben.)

 

302.   Eines frühen Nachmittags fand ich mich im Haus des Alten wieder. Er war mit seinen getrockneten Kräutern beschäftigt. Wir sprachen über dies und jenes. Ich konnte mir nicht darüber klar werden, warum ich diesmal zu ihm gereist war, aber dann fiel mein Auge auf ein kleines Gemälde, das einen Mann und eine Frau in tantrischem Lieben dar­stellte. Die zwei schienen wie einge­webt in ein orna­mentales Muster aus Blumen und Blättern. Vielleicht hatte ich des­wegen das Bild nicht früher bemerkt, obwohl es in Augenhöhe genau der Eingangstür gegenüber hang. Aber musste das Licht viel­leicht auf eine be­stimmte Weise fallen, damit man die beiden Gestalten von den Ornamen­ten unterscheiden konnte?

Ich stand auf, um das Bild aus allen Winkeln zu be­trachten, aber nein, die beiden Menschen waren deut­lich genug zu sehen, wenn man sie erst einmal erkannt hatte. Ihre Körper hatten einen zarten goldenen Schimmer.

Ich wunderte mich wieder einmal über die große Rolle, welche die geschlecht­liche Vereinigung in dieser Kultur zu spielen schien, und sagte:

 

303.   - In unserer Kultur heben wir die Polarisierung hervor. Wir reden z.B. vom 'Kampf' der Geschlechter. Ihr scheint dagegen die gemeinsame Quelle und die Verschmelzung hervor-zuheben. - Ich zeichnete eine schnelle Skizze auf den Tisch:

 

 

 


          Quelle

                 .

         .       .

   +           -

         .       .

                 .

  Vereinigung

 

- In der Vereinigung spiegelt sich die Quelle. Das sind zwei Seiten der selben Sache, - antwortete er.

- Wie oben, so unten? - fragte ich.

- Ja und nein, - sagte er. - Die untere Einheit ist eine neue Einheit, ein Schöpf­ungsakt. Die obere Einheit ist ewig, unveränderlich. Die untere Einheit ist eine Möglichkeit, die zur Wirklichkeit werden kann. Aber ich mag deine Ausdrücke "oben" und "unten" nicht.

- Warum nicht?

- Du sprichts sie aus, als wenn unten geringer wäre als oben.

- Tue ich das?

- Ja - oder deine Gedankenform ist so.

 

304.   - Wir sind es wohl gewohnt, das Leben hier unten - das irdische Leben - als geringer anzusehen, als minderwertig im Verhältnis zum himm­lischen Leben.

Vermutlich tut ihr das, weil ihr das Licht der Erde nicht kennt.

- Was meinst du damit?

 

305.   - Dein Körper ist aus dem Licht der Erde gemacht. Der Stuhl, auf dem du sitzt, die Erde auf der du gehst, ist aus dem Licht der Erde gebildet.

- Das ist Stoff, das ist Materie. Nennst du die Materie das Licht der Erde?

- Nicht alle Materie ist Licht der Erde, die meiste ist Licht von anderen Ster­nen.

- Ist die Materie Licht?

- Sehr verdichtetes Licht, oder Kraft, oder LIA, wie wir das nennen.

 


306.   - Aber für mich ist das dunkle Materie. Ich kann nicht durch dich hindurch­sehen, auch nicht durch die Wand dort. Und wenn du in der Nacht die Lampe ausmachst, ist es hier dunkel, weil die Erde das Licht der Sonne verbirgt.

- Genau. Die Erde verbirgt das Licht der Sonne. Deine Augen sind aus dem Licht der Erde geschaffen, damit du das Licht der Sonne sehen kannst. Aber mit den Augen, die nicht zum Sehen des Sonnenlichts gemacht sind, kannst du das Licht der Erde sehen.

 

307.   - Mit meinen Sternenaugen?

- Ja.

- Wie kann ich lernen, mit ihnen zu sehen?

- Erst musst du sie entdecken. Und wenn du sie entdeckt hast, kannst du mit ihnen sehen. Genau wie das Neugeborene das Tageslicht mit seinen neugebore­nen Augen sehen kann. Danach kannst du dich üben, mit ihnen zu sehen.

- Was muss ich tun, um sie zu entdecken?

- Aufmerksam sein, wach sein mit Teilen von dir, die du vielleicht noch nicht kennst.

- Und warum kenne ich sie noch nicht?

- Wohl weil du deine Wahrnehmungen, die Signale die du empfängst, falsch verstehst.

- Wann tue ich das?

- Wenn du ißt, wenn du liebst, wenn du arbeitest oder spielst.

-# Wie das?

- Du bist auf deine Wahrnehmungen aufmerksam, und nicht auf das, was du wahrnimmst. Aber ein Teil von dir ist auf das, was du wahr­nimmst, aufmerk­sam. Dieser Teil ist Ausdruck deiner Sternenaugen.

- Ist das der Grund, weshalb wir hauptsächlich auf die Polarität aufmerksam sind?

- Vielleicht. Mit deinen Sternenaugen kannst du das Wesen der Dinge sehen. Und das Wesen der Dinge ist immer eine Heilheit.

 

308.   - Und das Wesen der Liebe ist Heilheit!

- Genau. Das Licht zweier Menschen und das Licht der Erde werden zu einem Licht. Deshalb liebt Kia das Lieben.

- Das ist die Quelle, die jetzt auf der Erde fließt?

- Ja, das ist die Quelle des Lebens auf der Erde.

 


309.   - Für mich ist es fremdartig, dass ihr euch so sehr mit dem Lieben beschäftigt. Bei uns ist das Lieben etwas, was im Privatleben versteckt ist, etwas fast heimliches. Bei euch scheint es ein wesentlicher Teil eurer Religion zu sein.

- Religion?

- Euer Glaube.

 

310. - Lieben ist die Quelle aus der die Empfängis fließt.

Die Empfängnis ist die Quelle aus der die Geburt fließt.

Die Geburt ist die Quelle aus der das Erden­leben fließt.

Das Erdenleben ist die Quelle aus der der Tod fließt.

Der Tod ist die Quelle aus der das Himmelleben fließt.

Das Himmelleben ist die Quelle, aus der das Lieben fließt.

Das Lieben ist die Quelle, aus der die Empfängnis fließt...

 

311.   - Wir haben Religionen, die versuchen, diese Kette der Wiedergeburten zu brechen.

- Warum denn das?

- Weil man das Leben auf der Erde als ein Leiden ansieht.

- Nur das Leben auf der Erde, das mislingt, ist ein Leiden. Darum tun wir was wir können, damit das Leben af der Erde gelingen kann.

 

312.   - Ist das der Grund, warum ihr so viel Sex in euren Tempeln habt?

- Wir haben nicht viel Sex in unseren Tempeln. Wenn du "Sex" sagst, kann ich merken, dass du nur an die Werkzeuge des Liebens denkst, nicht an sein Wesen.

- Genau als wenn ich ich unser Gespräch auf unsere beiden Münder reduzieren würde?

- Haargenau.

- Wie dumm von mir!

 

313.   - Das Gespräch geht zwischen unseren Mündern vor sich, aber würden wir uns unter­halten, bloß um unsere Münder zu gebrauchen?

- Andere würden vielleicht, aber wir beide würden das kaum tun.

- Nein, du würdest kaum so weit reisen, bloß um deinen Mund zu gebrauchen!


- Aber die, die sich nur unterhalten um ihren Mund zu ge-brauchen - warum tun sie das?

- Vielleicht ist ihnen das Gespräch abhandenen gekommen?

- Aber kann man ein Gespräch einfach dadurch schaffen, dass man zwei Münder gebraucht?

- Nein, aber das Gespräch kann entstehen.

 

314.   Zwei Menschen, die des anderen Körper benutzen, können das Lieben nicht erschaffen.

- Aber das Lieben kann zwischen ihnen entstehen?

- Das kann es. Aber nicht, wenn es nicht erst in ihren Herzen war. Durch das Zusammenspiel der Körper können sie das Lieben entdecken, das schon immer in ihren Herzen war.

- Schon immer?

- Das Lieben, das du erlebst, existierte schon, ehe du dir einen Körper auf der Erde bildetest. Es war in dir, als du dich gebären ließt.

- Als ein notwendiger Teil von meinem Leben?

- Als eine Möglichkeit in deinem Erdenleben.

 

315.   - Ich habe gehört, dass es drei Formen des Liebens gibt?

- Es gibt viele Formen des Liebens. Wir unterscheiden zwischen drei Grundfor­men: Pflanzen-, Tieres- und Geisteslieben.

- Pflanzenlieben? Kennen die Pflanzen das Lieben?

- Ich rede nicht vom Lieben der Pflanzen, sondern von der Form des Menschenliebens, das wir Pflanzenlieben nennen.

- Erzähl!

 

316.   - Pflanzenlieben ist senkrecht, Tiereslieben ist waagerecht, Gei­steslieben ist rund. Die Pflanzen finden ihre Nahrung und ihren Gatten von oben nach unten und von unten nach oben. Die Tiere finden ihre Nahrung und ihren Gatten in der Waagerechten, parallel mit der Erdoberfläche. Der Geist ist ohne Richtung und überall, deshalb ist Geisteslieben rund.

 

317.   - Wie liebt man, wenn man Pflanzenlieben macht?


- Lieben ist Leben geben. Wenn wir einander unsere Lust geben, geben wir einander Leben. Das Leben und die Lust der Pflanzen ist still, fast unbe­weglich. Pflanzen befruchten einander nicht, sie lassen sich befruchten. Beim Pflanzen­lieben #machen wir nicht selbst die Lust, wir lassen uns von der Lust füllen. Wir sind wie die Frucht, die an dem Zweig reift. Wir sind wie der Same, der reif zur Erde fällt. Das gibt Frieden.

 

318.   - Und das Tiereslieben?

- Tiereslieben ist voller Bewegung, denn die Tiere bewegen sich zu ihrer Nahrung und zu ihren Gatten, ihr Lieben ist aktiv und dyna­misch. Beim Tiereslieben machen wir selbst die Lust, befruchten einander mit Lebenslust.

 

319.   - Und was ist Geisteslieben?

- Unser Geist ist überall und in den Geist alles Lebenden eingewebt. Beim Geisteslieben berühren wir einander nicht, sondern atmen zusammen, sehen und riechen einander und versuchen an erster Stelle den Geist des anderen wahr­zuneh­men, zu erkennen und mit ihm eins zu werden. Wenn das geschieht, erleben wir die höchste Wonne. Das ist das Lieben der Engel, denn so lieben wir, wenn wir im Himmel sind.

- Himmlisches Lieben?

- Wir kennen es von der Zeit vor unserer Erdengeburt. Es ist seelig, den Himmel auf der Erde zu erleben.

 

320.   - Warum begnügt ihr euch dann nicht mit diesem Lieben, wenn es so seelig ist wie du sagst?

- Viele tun das, viele tun es zeitweise. Aber die wenigsten können die volle Verei­nigung des Geistes erlangen.

- Was tust du selbst?

- Ich habe auf alle Weisen geliebt, aber jetzt wo ich alt bin und mein Geist sich langsam von der Erde löst, habe ich am meisten Lust auf Geisteslieben. Tier- und Pflanzenlieben gibt mir Lebenskraft, aber Geisteslieben macht mir die größte Freude.

 

321.   - Kann man das Geisteslieben erleben ohne die beiden anderen zu kennen?

- Dein erstes Lieben war vielleicht ein Geisteslieben? Bist du sehr verliebt gewe­sen, ehe du das körperliche Lieben erlebtes?

- Ja, ich konnte auf keine Weise meinen Sinn von ihr lösen, und wenn ich sie nur auf Abstand sah, wurde mir ganz warm überall.


- Du brauchst nicht weitererzählen! So ist Geisteslieben! Stell dir vor, dass du mit deiner Geliebten zusammen bist und dass ihr diese Gefühle in einander weckt, dass deine Verliebtheit und ihre Verliebtheit sich begegnen, sich mit einander verschmelzen und zu Lieben wird, dass ihr eins werdet in den Seelen!

 

322.   - Kennst du jemand, die du so gerne hast? Hast du eine Geliebte, eine Frau?

- Die Liebe kennt keine Grenzen!

- Aber hast du eine Frau - oder liebst du mit allen?

- Ich habe keine Frau und ich liebe nicht mit allen. Nur dein begren­zender Verstand kann darauf verfallen, so eine Frage stellen!

 

323.   - Liebst du, um Lebenskraft zu bekommen?

- Nicht um etwas zu bekommen, sondern weil ich es mag. Beim Lieben gibt es keinen Unterschied zwischen nehmen und geben.

- Und um deine Kraft mit der Kraft der Erde zu vereinigen?

- Um meine Kraft mit der Kraft meiner Geliebten und der Kraft der Erde zu vereinen. Das ist Lebenskraft.

 

324.   - Was glaubst du, welche Form wäre für mich die rechte?

- Was fühlst du selber?

Hast du Lust auf die Trommel, dann spiel die Trom­mel.

Hast du Lust auf die Flöte, dann spiel die Flöte.

Hast du Lust zu singen, dann sing!

- Was meinst du?

 

325.   - Tiereslieben ist wie die Trommel, so heftig bewegt es den Körper.

Pflanzen­lieben ist wie die Flöte, so fein rührt es die Seele.

Gei­steslie­ben ist wie  Gesang und gibt dem Geist die größte Ruhe.

- Ist das der Grund, warum ihr meistens diese drei Instrumente bei euren Rotas braucht?

- Grund und Grund! Die Dinge sprechen ihre eigene Sprache.

 


326.   - Braucht ihr alle drei Formen des Liebens, wenn ihr eure Rotas macht?

- Alles Lieben ist eine Mischung dieser drei Grundformen.

Aber am Freitag geben wir der Trommel den ersten Platz,

am Samstag bekommt die Flöte die größte Aufmerksamkeit

und der Sonntag ist der Tag des Gesanges und der Stille.

- Jeder Freitag, Samstag und Sonntag?

- Ein Rota kann ein Freitags-, Samstags- oder Sonntagsrota sein, und ein Rota kann ein Freitags-, Samstags- und Sonntags-rota sein. Das ist verschieden.

 

327.   - Ich fühle mich ziemlich verwirrt! Ich möchte mich gerne ein bißchen aus­ruhen.

- Fein! Laß uns rüber zu meiner Nachbarin gehen. Sie hat eine sehr gute Hängematte.

Ich hatte noch gar nicht bemerkt, wer seine Nachbarin war. Wir gingen hinüber zu ihrem Haus. Da hang eine Hängematte unter einem Pflaumen­baum. Ich legte mich zurecht. Ich konnte die Nachbarin weder sehen noch hören. Ich waretwas gespannt darauf, sie zu sehen. War sie jung oder alt, anziehend oder uninteressant? Indem ich so dachte, schlief ich ein und erwach­te zu Hause bei mir selber.

 

328.   Ich war enttäuscht. Ich war noch gar nicht damit fertig, sie über ihre Auffas­sung vom Wesen des Liebens zu fragen. Warum konnte ich nicht bei ihnen bleiben? Weil ich begehrlich an die Nachbarin gedacht hatte? Oder - nein - ich hatte ja gar nicht an sie gedacht, sondern nur an mich selbst.

 

B.


329.   Es vergingen jedoch nicht viele Tage, bevor ich wieder auf Reisen war und dem Alten begegnete. Er ging in seinem Garten hinter dem Haus und #beschäftigte sich mit seinen Pflanzen. Als ich ihm eine Weile zugeschaut hatte, sah ich aber etwas ganz anderes: nicht er #beschäf­tigte sich mit seinen Pflanzen, es waren die Pflanzen, die sich mit ihm beschäftigten! Während er langsam zwischen den Beeten ging und eine Hand hier und dort hinreichte, sah ich ganz deutlich, dass sich die Planzen zu seinem Knie und seiner Schulter neigten, dass sie sich seiner Hand entgegenbeugten. Er drehte sich um und sagte zu mir:

 

330.   - Wenn wir nach einem Partner für das Tiereslieben suchen, suchen wir nach dem äußeren Menschen. Wenn wir nach einem Partner für's Pflanzenlieben suchen, dann suchen wir nach dem inneren Menschen. -

 

331.   Jetzt wurde ich erst richtig verwirrt. Was meinte er damit? Was hatte das mit seinen Fruchtbäumen, Kräutern und Blumen zu tun? Setzte er bloß unser Gespräch vom letzten Mal fort, als sei ich überhaupt nicht fort gewesen? Ich sagte etwas schroff:

 

332.   - Ich suche nicht nach einem Partner. Was passiert da zwischen dir und deinen Pflanzen?

- Was siehst du?

- Dass sie sich dir entgegenbeugen. Dass sie dich streicheln!

- Ja, ist das nicht schön? Die Lupinen dort wissen sehr gut, dass ich etwas schwache Knie habe.

 

333.   - Aber was hat das mit Lieben zu tun? Warum sprichst du über Tier- und Planzenlieben?

- Wo ist der Unterschied? Möchtest du eine Tomate? - Als er die Tomate pflückte, sah es aus, als ließe die Pflanze sie in seine Hand fallen.

 

334.   - Iß! - sagte er, während er sie mir zuwarf. Ich aß und es war, als hätte ich den Wohlgeruch des ganzen Gartens in meinem Mund. Wohlgeruch?  Ob das wohl das erste Mal war, dass Wohlgeruch zu Geschmack wurde? Und einen kurzen Augenblick war ich ganz klein und saugte den Wohlgeruch meiner Mutter aus ihrer Brust.

 

335.   - Ja, - sagte er. - So ist das Tiereslieben. Wir suchen und geben Kraft und Nahrung. Wir greifen nach einander und lassen uns in unsere Hände fallen.

- War das der Grund, weshalb die Pflanzen dich streichelten?

- Nein, das war Pflanzenlieben.

- #Wie bitte?

- Ich liebe ihr Wesen.


- Und sie lieben deins?

- War es das, was du sahst?

 

336.   Die Pflanzen kennen das Wesen der Menschen, aber ihr Handeln verstehen sie nicht.

- Weil sie nicht selber handeln?

- So ist das Pflanzenlieben. Sie handeln nicht selbst und ihr Wachsen und Reifen ist etwas, was mit ihnen geschieht.

- Aber als sie dich streichelten, da handelten sie doch?

- Sie streichelten mich nicht. Wir zogen einander an. Das war etwas, was für sie wie für mich geschah.

- Aber die Lupinen berührten dich doch gerade an deinen Knien, die schwächlich sind, wie du sagst.

 

337.   - Lieben macht heil. Nichts heilt so wie Lieben. Lieben geschieht dort, wo Heilung nötig ist. -

 

338.   Wir setzten uns auf einige Holzbohlen bei seiner Feuerstelle. Aber kaum hatten wir uns hingesetzt, sprang er auf und eilte in sein Haus. Nach ein paar Minuten kam eine jüngere Frau aus der Tür und ging zu mir hin. Sie grüßte mich mit einem Lächeln und setzte sich dort, wo der Alte zuvor gesessen hatte. Ich hatte sie noch nie gesehen. Sie sagte:

- Ich bin seine Nachbarin.

- Dann war es also deine Hängematte ..?

- Ja, in der ist gut zu träumen.

 

339.   - Ach, träumen, - sagte ich, - träume ich, dass ich hier mit dir zusammen sitze, oder träume ich nur dann und wann, dass ich zu Hause bei mir selber bin?

- So ist das Lieben, - sagte sie.

- Lieben? - fragte ich erstaunt und dachte: was hat das mit Lieben zu tun?

- Ja, - und es klang als wenn sie mir ein wenig nachäffte: - Träume ich, dass ich mit dir zusammen bin, oder träume ich, dass ich bei mir selber bin?

 

340.   - Was hat das mit Lieben zu tun?

- Der Traum wandert, der Traum webt hin und her. Träume ich dass ich zusammen bin, träume ich, dass ich ich selber bin?


- Und zuletzt ...

- Zuletzt ist der Traum satt.

- Dann erwacht man wieder und verweilt eine Zeit in seinem Rausch, und wenn man verliebt ist, fühlt man sich glücklich, und wenn man nicht verliebt ist, fühlt man sich vielleicht ein bißchen ermattet und vielleicht zufrieden.

- Rausch?

- Ja, ist das nicht ein Rausch? Ist der Traum und der Rausch nicht das selbe?

 

341.   - Der Traum ist kein Rausch. Der Traum besteht aus Bildern der Kraft. Und wenn die Kraft vereint worden ist, wenn sie groß und heil geworden ist, halten die Bilder, hält der Traum auf.

- Dann kommt die Klarheit?

- Die größte Ausdehnung, die größte Zusammenziehung? Es gibt keine Worte. -

 

342.   Wir saßen eine Weile, während ich sie betrachtete und ver­such­te herauszufinden, was für ein Mensch sie war. Ich glitt aber bald in eine Art Traum­zustand hinein, wo ich in ihren Sinn hineinwogte und wieder herauswogte, hinein und heraus...

- Danke, - sagte sie.

- Danke? - ich wachte plötzlich auf.

- Ich danke dir, dass du auf Besuch kamst. -

War das ernst gemeint, war das Ironie? Aber dann verstand ich sie und sagte:

- Es war angenehm in deinem #Sinn zu sein.

- Du bist ein guter Träumer, - sagte sie.

 

343.   - Willst du mir mehr über das Lieben erzählen? Oder willst du mit mir über die Liebe sprechen?

- Was möchtest du wissen? -

Ja, was wollte ich wissen? Ich war ein bißchen durcheinander, aber dann fragte ich:

 

344.   - Was ist es, dass die Menschen dazu bringt, so viel mit einander zu lieben?

- Das weißt du ja selbst ganz gut, - sagte sie lächelnd und sofort fühlte ich, wie ich wieder auf dem Weg hinein in ihren Sinn war, aber ich widerstand und sagte:


- Nein, ich bin mir überhaupt nicht sicher, dass ich es weiß. Die Lust, die sinnliche Reizung alleine kann doch keine so große Macht haben.

- Nein, das sind nur Mittel, und Mittel haben keine Macht.

 

345.   - Aber was ist es denn in uns, das diese Mittel gebraucht? Der Wunsch nach Kin­dern? Der Fortpflanzungstrieb?

- Habt ihr bei euch etwas, was ihr "Fortpflanzungstrieb" nennt? - und es war deutlich zu hören, dass sie den Ausdruck bestimmt nicht mochte.

- Was ist denn falsch an dem Ausdruck?

 

346.   - Wir nennen das "Leben geben". Wir sind ja hier um Leben zu geben.

- Um zu lieben? - Ich wollte kein groberes Wort gebrauchen.

- Nicht so wie du daran denkst, - sagte sie, und plötzlich merkte ich, dass sie tief in meinem Sinn war. Ich glaube schon, dass ich ein bißchen errötete.

 

347.   - Aber ihr liebt doch nicht miteinander bloß um Leben zu geben, um Kinder zu kriegen?

- Um Leben zu geben, ja, aber nicht um Kinder zu gebären. Die kommen wenn sie wollen und wenn wir bereit sind.

- Wo ist der Unterschied?

- Alles Lieben erschafft Kinder - im Körper oder in der Seele. Die Vaterkraft und die Mutterkraft, die Sternkraft und die Erdkraft - alle vier vereinigen sich und werden zu Leben, werden zu Kindern. Deswegen ist alles Lieben heilig.

 

348.   - Wie ist ein Seelenkind?

- Der Alte würde es wohl eine Seelenform nennen. Es nützt allem und erfreut alles Leben auf der Erde.

 

349.   - Aber was mit der Sexualität ohne Lieben? Ohne gemeinsame Lust, gemeinsa­mes Leben, gemeinsame Freude? Die führt doch auch oft zur Befruchtung?

- Da entstehen Kinder, die unter diesem Mangel an Gemein-samkeit in Lust und Leben und Freude leiden.

- Werden sie immer unter diesem Mangel leiden müssen?


- Wenn sie ihren Stern gefunden haben, werden sie das finden, was sie suchen.

 

350.   - Und was ist mit den Seelenformen, die durch Sexualität ohne Gemeinsamkeit entstehen?

- Die sind sehnsüchtig und unzufrieden und nützen und freuen niemanden. Wenn sie aber in Berührung mit glücklichen Seelenformen kommen, werden sie an­gezogen und lösen sich auf. Ein glückliches Seelenkind kann viele unglückli­che erlösen.

- Dann ist das Lieben also nicht nur auf die zwei Liebenden beschränkt, und auf ihre physischen und seelischen Kinder?

 

351.   - Bestimmt nicht! Glückliches Lieben ist nicht nur ein Glück für die beiden Liebenden, sondern für die ganze sichtbare und unsichtbare Welt.

- Das ist ein schöner Gedanke. Vielleicht sagen wir deswegen manchmal: es war, als hörte man die Engel singen!

- Sagt ihr das? Das ist ein schöner Ausdruck.

- Dann müßte man also viel mehr lieben? - Und wieder dachte ich an die physische Vereinigung.

 

352.   - Vielleicht nicht mehr, sondern besser. Ein Liebens-Rota.. - sie brauchte einen viel schöneren Ausdruck, den ich gar nicht übersetzen, für den ich kein Wort finden kann, - ein Liebens-Rota, wo wir entsch­lossen und voller Hingabe unsere beiden Sterne sich in unseren Körpern vereinigen lassen, ist die stärkste Hilfe, die die unerlösten Seelenformen kriegen können, egal welcher Art sie sein mögen. Ihre Unzufriedenheit wird aufgehoben, ihr Dunkel wird erleuch­tet, ihre Unvollkommen-heit wird geheilt.

- Redest du von dem Rota, das ihr bei euren Festen macht?

- Sowohl über das, was wir alleine machen, wie über das, was wir machen, wenn wir zusammen mit anderen sind, während Musik gespielt wird und Gesänge gesun­gen werden und was da sonst noch an heiligen Handlungen geschehen.

 

353.   - Die meisten bei uns würden sich viel zu sehr genieren, um das öffentlich zu tun oder sich das anzuschauen.


- Wir tun das nicht öffentlich! Und auch nicht alle würden das bei unseren Festen tun. Einige tun das vielleicht nur einmal in ihrem Leben, andere vielleicht nie.

- Weißt du denn nicht, wer es tut?

- Nicht immer. Wenn ich von ganzem Herzen an einem Liebens-Rota teilnehme - ob ich liebe oder nur dabei bin - werde ich ein Teil dieses starken Feldes aus harmonischer Sternkraft. In diesem Feld ist der Unterschied zwischen dem einen und dem anderen nicht so groß. - Und wieder fühlte ich, wie sie in mich hineinwogte - und ich verstand.

 

354.   - So etwas passiert wohl nicht, wenn wir nur unsere eigene sinn­liche Be­friedigung suchen, selbst wenn viele gemein-schaftlich kopulieren?

- Woran denkst du? - Ja, woran dachte ich? Es fiel mir plötzlich sehr schwer zu erklären, was eine sexuelle Orgie ist, hier, zusammen mit ihr, in diesem schönen Garten. Aber es gelang mir wohl, denn sie antwortete:

- Wenn man das so täte, wie du sagst, würde das sicher eine große Störung in der Kraft der Erde hervorrufen! Die Erde liebt es, sich mit unseren Sternen zu verbinden. Dazu haben wir unsere Körper. Wie groß muss ihre Enttäuschung sein, wenn eine sexuelle Orgie statt­findet: lauter Möglichkeiten, aber keine Vereini­gung. Arme Kia! - Und sie lachte. - Das Rota-Lieben bei den Trommel­festen und den Frucht­barkeitsfesten ist was ganz anderes: da geben wir der Erde von unserer Menschenkraft, damit die Erde so froh und reich wird, dass sie uns ihre Gaben im Überfluß gibt. -

 

355.   Reich? dachte ich. Und kam daran zu denken, dass reich und fruchtbar in alten Tagen (auf dänisch) das selbe bedeutete. Und ich fragte sie:

- Aber sind die Erlösung der Seelenkinder und der Reichtum der Erde die zugrundeliegenden Ursachen dafür, dass die meisten Menschen lieben zu lieben, ja, ein überwältigendes Bedürfnis haben zu lieben? Da muss doch was anderes sein? Natürlich drückt man seine Liebe zur Geliebten durch Lieben aus - aber trotzdem?

- Das ist die Heilung.

- Die Heilung?


356.   - Das Lieben macht eine ganz konkrete Heilheit aus der Kraft des Mannes und der Frau. Lieben ist diese Heilheit. Heilheit heilt. Dass Mann und Frau einander lieben, ist gar nicht so mystisch. Das Glück der Liebe ist diese Heilheit, die sich ausbreitet, sowohl in ihrem Lieben wie in allen anderen Dingen, die sie sich gemeinsam vornehmen. Die Liebe ist der Genuß der Heilheit, die zwischen Menschen entsteht. Sie ist die stärkste heilende Kraft.

- Aber hat egoistische Sexualität nicht auch etwas von dieser Wirkung?

 

357.   - Egozentrische Sexualität kan gar nicht diese Vereinigung der beiden Energi­en bewirken. Darum kann sie nur in geringem Grade heilend sein. Die, die nicht Leben geben, wenn sie lieben, bekommen auch kein Leben, wenn sie lieben.

 

358.   - Aber Heilung geschieht doch auch ohne Lieben!

- Du unterscheidest so merkwürdig! - sagte sie, während sie aussah, als wenn sie ihr Gehirn #zermarterte um mich zu verstehen. - Wenn Liebe wirklich wird, ist sie Lieben! Immer. Wenn ich meine Hand auf deine kranke Stelle lege, ist das Lieben, denn sonst geschieht die Heilung nicht. Wenn ich meinem kranken Kind etwas vorsinge, ist das Lieben, denn sonst wird es nicht gesund. Wenn ich Musik höre, wenn ich mit der Natur zusammen bin, wenn ich Freundschaft teile mit meinen Freunden - ist das Lieben!

- Die Heilung geschieht also, wenn wir in die Heilheit eingehen? Wenn die Heilheit sich in unserem Sinn und unserem Leben ausbreitet ...

- Das ist Lieben! Das ist die Heilung. Darum lieben wir einander.

 

359.   - Meinst du uns beiden? Lieben wir einander?

- Seit Anfang der Zeiten! - sagte sie und sah sehr mystisch aus. - Ich will dir etwas zeigen! - Und sie erhob sich und ging in das Haus.

 

360.   Ich wollte ihr nicht folgen, aber der Alte kam aus der Tür und winkte mich zu sich.


- Du siehst sehr müde aus, - sagte er. - Willst du etwas essen, ehe du heim­gehst? - Ja - eh - nein - ich weiß nicht - vielleicht etwas zu trinken? - Ich folgte ihm in die Küche. Die Frau war nicht da. Ich verstand absolut gar nichts.

- Nimm Platz, - sagte er freundlich. - Mochtest du meine Nachbarin?

- Ja, sehr! - sagte ich, - aber ich fühle mich so klein und dumm, wenn ich mit euch zusammen bin! Das mag ich nicht.

 

361.   - Klein und dumm? Nein, hör mal! Denk, wenn du nicht kämst! Denk, wenn du nicht Bote wärst zwischen deiner und unserer Welt! Ohne deine Liebe ...

- Meine Liebe?

- .. würden wir uns gar nicht begegnen können, hier in dieser herrlichen Welt. -

- Ich verstehe nicht ...

- Die Zeit! - rief er und zeichnete einen Kreis auf den Tisch.

- Die Zeit? - fragte ich und starrte auf den imaginären Kreis. Ich schlief ein und erwachte in meinem Zimmer. Die Zeit, die Zeit, die Zeit ..? dachte ich und schüttelte den Kopf. Und dann beeilte ich mich, alles so aufzuschreiben, wie du es jetzt gelesen hast.

 


Kia=s Körper

 

362.   - Es kann nicht richtig sein, dass die Erde ein Stern ist, der sich diesen Erdball als Körper bildet. Ich habe gelernt, dass die Erde aus dem Stoff der Sonne und des Kosmos besteht. Da soll wohl erst eine gewaltige Wolke aus Gas gewesen sein, die sich zur Sonne und ihren Planeten verdichtete. Ist das nicht richtig?

- Tja ... so kann man das sehen, aber das ist sehr un-genügend. Denn wer sammelte dieses Gas, wie du es nennst, zur Sonne? Wer sammelte diesen Stoff zu den Planeten?

- Das geschah wohl von selbst? Infolge kosmischer Gesetze.

 

363.   - Gesetze sind Bewußtheit. Wessen Bewußtheit sammelte die verschiede­nen Himmelskörper?

- Keine Ahnung. Gottes Bewußtheit?

- Die Bewußtheit von Sternen. Alle Bewußtheit ist die Bewußtheit von Sternen.

- Die Bewußtheit individueller Sterne?

- Ja.

- Also nicht Gottes Bewußtheit?

- Doch. Gottes Bewußtheit.

 

364.   - Beides?

- Beides. Da ist kein Unterschied zwischen der Bewußtheit der individuellen Sterne und Gottes Bewußtheit. In der Sternwelt gibt es diese Unterschiede nicht.

- Hast du das nicht schon mal gesagt?

- Ja, aber es ist wohl schwer für dich zu verstehen?

 

365.   - Ja, sehr. Aber dann besteht die Materie der Erde also aus Stoff, das sie gesammelt hat? Oder mit anderen Worten: sie hat die Materie nicht selbst geschaffen?

- Genau wie mit deinem Körper:  besteht er aus fremdem Stoff, oder hast du ihn selbst geschaffen?

- Beides.

- Ist das nu richtig? Ist das dein Körper oder der Körper anderer Wesen?

- Es ist mein Körper.

- Auf die selbe Weise ist die Erde Kia's Körper.


366.   - Also hat Kia gewissermaßen all den Stoff verdaut, den sie sammelte, als sie ihren Körper schuf? Und verdaut sie noch immer all den Stoff, der vom Universum zu ihr kommt?

- So kannst du das sehen. Sie hat jedes Atom zu ihrem eigenen gemacht, und damit bleibt sie bei. Genau wie du.

 

367.    - Aber du sagst, dass die Erde Kia's verdichetes Licht ist.

- Das ist richtig. Wenn Kia nur einen Augenblick aufhörte, ihr Licht zu verdichten, würde der Stoff der Erde sich in reine Energie auflösen.

- Sie würde sterben?

- Ihr Körper würde sterben, genau wie du stirbst, wenn du nicht mehr deine Sternkraft auf der Erde verdichtest. Auf diese Weise ist dein Körper dein Licht, auf diese Weise ist die Erde Kia's Licht.

*8.


Der Eremit

 

368.   Als ich erwachte, stand ich auf einem schmalen Pfad zwischen den Feldern. Wo kam er her und wo führte er hin? Welche Richtung sollte ich wählen? Ich dachte:

Wenn ich jetzt segeln würde, würde ich mit dem Wind segeln, und wenn ich auf der Jagd wäre, würde ich gegen den Wind gehen, aber jetzt weder segle noch jage ich. (#Wäre ich segeln, würde ich..., wäre ich jagen, würde ich...) Was also tue ich?

       Eine Hummel flog vorbei und folgte einen kurzen Augenblick dem Pfad nach rechts. Ich folgte ihrem Rat und bald sah ich eine kleine Hütte, die in einer Senkung zwischen den Feldern lag. Auf dem Dach wuchsen Gras und Kräuter und ein kleiner Holunderbusch.

 

369.   Die Grundfläche des Hauses war ungefähr zwei Mannslängen auf allen Seiten. Ich ging #behutsam um das Haus: war jemand da, störte ich vielleicht?

Die Tür war im Osten, in den anderen Wänden waren Fenster.

Ich klopfte vorsichtig an die Tür. Niemand antwortete. Ich setzte             mich auf eine Bank vor dem Haus und genoß den Frieden in dem milden Wetter. Auf eine Weise war das hier mein Traumhaus, gerade groß genug für ein Bett und einen Herd. Was brauchte ich mehr? War ich diesmal hierher gereist, um mir darüber klar zu werden?

 

370.   Nach einiger Zeit ging ich etwas vom Haus weg, um über die Felder zu schau­en. Wo war ich diesmal? Ich konnte den Ort nicht erkennen. Der Wald da drüben könnte gut der Westwald sein, und dann müßte das Dorf weiter nach Osten liegen, auf der anderen Seite des Waldes. Oder lag es hinter den Hügeln im Süden?

 

371.   - Was suchst du? - fragte eine tiefe und langsame Männer-stimme hinter meinem Rücken. Ich erschrak nicht. Als wenn ich diese Frage erwartet hatte, ich hatte sie mir ja gerade selber gestellt. Ich drehte mich um, der Mann stand barfuß in seiner Arbeitskleidung und schaute mich ruhig an.


- Ist das nicht, wonach wir uns alle fragen? - antwortete ich.

 

372.   - Das Dorf liegt dadrüben, - sagte er und zeigte nach Osten.

- Danke, - sagte ich, - es ist gut zu wissen wo man ist. Aber ich weiß nicht, ob ich hierher gekommen bin, um zum Dorf zu gehen. Vielleicht kam ich, um dich zu treffen?

 

373.   - Hier kommt niemand um mich zu treffen, - sagte er.

- Aber warum denn nicht?

- Weil ich ein Eremit bin.

- Eremit? Will das heißen, dass du am liebsten alleine bist?

- Ja.

- Dann will ich gehen. Danke für die Auskunft!

- Das Kloster liegt in dieser Richtung, - und er zeigte nach Südosten.

- Danke, - sagte ich wieder.

- Gehst du jetzt? - fragte er.

- Ja, - sagte ich. - Ich kann gut verstehen, dass du gerne alleine bist.

- Bist du gerne alleine?

 

374.   - Ja, - sagte ich, - ich bin alleine.

- Alleine ist man zusammen mit allem.

- Wenn man zusammen mit jemandem ist, ist man mehr zusammen mit jemanden, als mit allem, - antwortete ich.

- Wenn man mit jemandem zusammen ist, ist man zusammen mit allem, - sagte er und lud mich lächelnd zu einer Tasse Tee ein.

 

375.   Wir gingen zurück zu seiner Hütte und er bat mich, einzutreten. Wie ich es mir vorgestellt hatte: eine Schlafstatt, ein Hocker und Tisch, ein Herd, ein Eimer mit Wasser, ein Haufen Brennholz und ein kleiner Schrank für Eßwaren.

 

376.   - Wie lange bist du schon Eremit?

- Bald ein Jahr.

- Und wie lange willst du Eremit sein?

- Nur dieses Jahr.

- Nicht länger?

- Ein Jahr ist genug für mich, - sagte er.


- Die Eremiten, von denen ich zu Hause gehört habe, pflegen das den Rest ihres Lebens zu sein.

- Das ist selten gut, - sagte er. Ich muss fragend ausgesehen haben, denn er setzte fort: - Bindung und Entbindung. #Kommende Wellen, gehende Wellen#. Ein- und Ausatmen. Wenn die Bewegung angehalten wird, droht der Tod.

- Bist du deswegen Eremit?

- Von der Bindung zur Entbindung, von der Entbindung zur Bindung.

- Kehrst du deswegen zurück?

- Ja.

 

377.   - Man sagt bei uns, dass viele Eremiten sehr weise sind, - sagte ich.

- Einseitige Weisheit, - sagte er.

- Einseitig? Man sagt, dass sie in sehr nahem Kontakt mit Gott stehen.

- Einseitig, - sagte er.

- Einseitig? Man sagt, dass einige eine ekstatische Vereinigung mit Gott erle­ben, - sagte ich.

- Einseitig, - sagte er.

- Warum sagst du einseitig? Ist die Vereinigung mit Gott nicht das Umfassend­ste, das man sich denken kann?

- Einseitig, - sagte er. - Grab deine Erde und küß deine Frau: das ist ekstatische Vereinigung mit Gott.

 

378.   - Dann geh nach Hause und tu das, - sagte ich.

- Bald, - sagte er. - Möchtest du mehr Tee?

- Ja danke, - sagte ich, - hast du auch einen Bissen Brot?

- Fladenbrot, - antwortete er.

- Fein, - sagte ich

- Das ist am einfachsten zu backen. Man bringt mir Mehl.

- Die Leute bringen dir, was du brauchst?

- Nein. Aber ich bekomme, was ich brauche.

 

379.   - Dann sprichst du nie mit jemandem?

- Nicht seit Letztjahr.

- Was ist verkehrt am Reden? - fragte ich.

- Wörter! - sagte er.

- Ja?


- Einseitig, - sagte er

- Einseitig? Alle die Wörter? Alle die Sätze? Das vollkommenste Mittel zur Kommunikation?

- Wie Gefängnisse, - sagte er. - Alles ist größer.

- Wie meinst du?

 

380.   - Wir glauben an das, was wir sagen, und vergessen das, worüber(#­wovon) wir reden. Wir glauben an das was wir denken, und vergessen das woran wir denken.

- Und wenn wir nicht an das glauben, was wir reden und denken?

- Schwer, - sagte er.

- Ja, schwer ist es schon, aber nicht unmöglich, - meinte ich.

- Leicht, - sagte er,

- Jetzt sagst du leicht? Ist es sowohl schwer wie leicht?

- Du glaubst an das, was wir sagen, - lächelte er. - Wohl-bekomme,- er reichte mir ein Stück Fladenbrot. Ich dankte und aß.

- Wörter sind wie Fladenbrot, - sagte er, - man muss sie essen, ehe sie zu alt werden. -

 

381.   Was sollte ich dazu sagen? Er sah so vergnügt aus, wie eine Marguerite in der Morgensonne.

- Darf ich dich mal wieder besuchen?

- Wir treffen uns sicher im Dorf, - antwortete er.

- Dann ..Tschüß! - sagte ich und ging.

 

Ich ging wohl eine halbe Stunde, ehe ich ein paar schöne große Häuser in einem Park sah. Es war deutlich, dass das Haus in der Mitte ein Rota-Haus war. Verstreut im ganzen Park standen eine Menge kleiner Häuser, nicht größer als die Hütte des Eremiten. Die Wolken zogen sich zusammen, es würde bald regnen. Ein paar heftige Windstöße ließen die Bäume im Park singen und brausen. Ich lief schnell zum nächsten der großen Häuser und machte die Tür auf. Der Wind riß mir die Tür aus der Hand und schlug sie mir in den Rücken. Ich fühlte einen heftigen Schmerz und fiel vornüber. Als ich erwachte, hielt ich den Teddy meines Enkelkindes in meinen Händen. Ich wunderte mich laut und schrieb dann schnell alles auf, was ich erlebte hatte.


Der Mönch

A.

382.   Eines frühen Morgens, als ich nicht richtig wußte, was ich mir #vornehmen sollte, starrte ich in die aufgehende Sonne, bis es vor meinen Augen flimmerte. Ich musste die Augen schließen, und als ich sie wieder öffnete, sah ich einen großen Raum, in dem ungefähr zwanzig-dreißig Männer verschiedenen Alters standen oder saßen.

Ich war offenbar in eine Art Schule hineingeschneit, denn ein älterer Herr saß an einem kleinen Tisch und sprach und die anderen lauschten. Ich verstand nichts von dem, was gesagt wurde, ich kannte keinen von denen, die im Raum waren.

 

383.   Nach langer Zeit erhob der Lehrer sich und die Schüler nahmen ein paar Instrumente hervor und spielten eine rhythmische Melodie, zu der alle tanzten. Es vergingen wohl ein paar Minuten, dann setzte der Lehrer sich wieder. Er intonierte einen monotonen Gesang mit sehr langen Lauten. Die meisten schie­nen an seinem Messen teilzunehmen. Nach etwa einer viertel Stunde verstummte der Gesang  - oder war es ein Gebet? - und alle Schüler verließen den Raum.

Jetzt sah der Lehrer mir gerade ins Gesicht (in die Augen?) und sagte:

 

384.   - Ich bemerkte, dass du kamst. Hast du verstanden, worüber wir redeten?

- Nein. Ich habe nur Laute gehört.

- Aber du verstehst mich jetzt?

- Offenbar.

- Ich dachte, du wärst gekommen, um zu hören, was ich sagte.

- Ich ahne nicht, warum ich kam. Ich wußte nicht, dass ich auf Reisen gehen würde. Was ist dies hier für ein Ort, und wer bist du? Ich kenne gar keinen von euch.

 

385.   - Du bist an einem Ort, den wir Sternweg nennen. (Die Bedeutung dieses Wortes kann ich am besten mit >Kloster= übersetzten). Ich bin Mönch.

- Was bedeutet es (will das heißen), Mönch zu sein?

- Dem Rad auf dem Weg zum Stern zu folgen.


- Das sagt mir nichts. Willst du das näher erklären?

- Stell dir ein Rad vor, das sich zwischen der Erde und dem Stern dreht.

- Welchem Stern?

- Deinem Stern, meinem Stern, der Sternwelt. Das Rad dreht vom Stern zur Erde, von der Erde zum Stern.

- Und jetzt befindest du dich auf dem Teil des Rades, das sich von der Erde weg dreht?

- Meine Aufmerksamkeit folgt diesem Weg, ja.

- Und warum?

 

386.   - Wir kommen alle von unserem Stern zur Erde und bringen unsere Sternkraft und Weisheit zu unserer geliebten Erde. Aber je mehr Kraft und Weisheit wir mit der Kraft und Weisheit der Erde vereinigen, desto mehr wird unsere Auf­merksamkeit von dem, was auf der Erde geschi­eht, gefangen. Wir werden eingebunden in Gewohnheiten und Routinen, Muster und Verhältnisse. Da kann es dann passieren, dass unsere Kraft zersplittert und schwach wird, und dass sich unsere Weisheit in unseren Bindungen verliert.

- Und dann fangt ihr an, nach eurer Kraft und Weisheit zu suchen?

- Wenn wir fühlen, dass unsere Weisheit nicht mehr ausreicht, können wir wählen, Mönch zu werden, den Weg von der Erde zum Stern zu suchen. So geht es vielen von uns. Dann können wir uns an einen Ort wie diesen zurück­ziehen.

- Für den Rest eures Lebens?

- Für ein Jahr oder fünf oder zehn. Hier versuchen wir, die Quelle unserer Weisheit wiederzufinden.

 

387.   - Wirst du in dieser Quelle bleiben, wenn du sie gefunden hast?

- Nein, die Quelle ist in mir. So bald sie wieder klar und rein fließt, werde ich wieder den Erdenweg gehen.

- Warum?

- Ich suche die Weisheit nicht ihrer selbst wegen. Ich suche sie, damit mein Leben auf der Erde mehr Kraft und Weisheit bekommen kann. Ich suche nicht den Stern, um in ihm zu bleiben, ich suche ihn, weil ich gerne noch klarer auf der Erde strahlen möchte.


388.   - Und dann gibst du deine Weisheit weiter an deine Schüler?

- Schüler? Morgen bin ich das, was du einen Schüler nennst. Da wird es ein anderer sein, der seine Weisheit weitergibt.

- Bist du denn kein Lehrer?

- Wir sind alle Lehrer und Schüler. Keiner hat größere Weisheit als ein ander­er.

- Aber einige haben wohl größeres Wissen von ihrer Weisheit als andere?

- Es kommt nicht darauf an, wieviel Wissen man hat, sondern darauf, wie man es hat. Weisheit ist Weisheit, egal wie sie verkleidet ist.

- Warum hört ihr dann einander zu?

- Dadurch, dass wir der Weisheit der anderen lauschen, lernen wir unserer eigenen Weisheit besser zu lauschen. Es ist wie tanzen. Ich kann leicht alleine tanzen, aber es macht doch viel mehr Spass, wenn wir viele zusammen tanzen.

- Du siehst alt aus. Magst du noch immer tanzen?

- Je älter, desto besser.

 

389.   - Ja, so sehen wir das kaum, dort wo ich herkomme.

- Du klingst trist. Deine Kraft hat viele dunkle Linien. Warum bist du wohl gekommen?

- Das weiß ich nicht, aber vielleicht kannst du mir einiges erklären.

- Was möchtest du gerne, das ich dir erklären soll?

- Wie verstehst du dein Leben auf der Erde?

- Wie verstehst du selber dein eigenes?

- Ich habe gelernt, dass die Welt dunkel ist, dass das Leben in der Welt Gefan­genschaft im Dunkel der Materie ist.

 

390.   - Die Erde ist doch nicht dunkel! Der Körper eines Sterns kann nicht dunkel sein! Die Materie ist Licht. Sehr konzentriertes Licht, verdich­tete Kraft.

- Aber die Erde ist doch dunkel. Wenn ich unter die Erde gehe, ist da kein Licht. Eine Mauer um mich - und ich bin im Dunkel. Wenn die Erde konzentrier­tes Licht ist, muss ich es doch sehen können!


- Wenn du von Erde oder Steinen umgeben bist, wenn du im Stofflichen bist, ist es nur das Licht der Sonne, das du nicht sehen kannst. Deine physischen Augen sind dazu geschaffen, das Licht der Sonne und des Mondes zu sehen. Sie sind nicht dazu geschaffen, das Licht der Erde zu sehen. Sie sind aus dem Licht der Erde erschaffen.

 

391.   - Ich habe schon ein ander Mal über das Licht der Erde gehört. Wie verstehst du das Licht der Erde?

- Die Materie ist das verdichtete Licht der Erde, ihre verdichtete Kraft.

- Und die kann sich selbst nicht sehen?

- Wenn deine Augen aus Feuer wären, würdest du dann mit ihnen Feuer sehen können?

- Wenn wir mit den Augen, die wir nun einmal bekommen haben, nicht das Licht der Erde sehen können, wie kannst du dann wissen, dass die Materie Licht ist?

- Das kann ich mit meinen Sternaugen sehen. Du kannst das selbst mit deinen Sternaugen sehen.

- Ich hab schon früher von den Sternaugen gehört. Aber ich verstehe nicht, was die sind. Kann der Stern denn sehen?

- Sollen wir sie die geistigen Augen nennen, deine seelischen Augen, deine inneren Augen? Nur mit deinem Wesen, kannst du das Wesen der Erde erfas­sen.

 

392.   - Man hat mir immer dein Eindruck gegeben, dass das Leben auf der Erde ein Leiden, eine Verblendung, eine Illusion ist. Oder dass sie ein Ort ist, wo wir etwas lernen sollen, eine Art Lehranstalt. Oder dass sie eine Erziehungsanstalt oder Strafanstalt ist. Und dann gibt es welche, die glauben, dass wir hier sind um die Erde zu vergeistigen.

- Hat man dir erzählt, dass das Leben auf der Erde einen Zweck hat? Das hat es nicht. Die Liebe kennt keinen Zweck. Wir sind hier ganz freiwillig - aus Liebe. Wir können die Erde, die Materie nicht vergeisti­gen. Sie ist genau so geistig wie wir. Wir sind alle Sterne.

- Dann macht es also keinen Sinn, auf der Erde zu sein!?

- #Die Liebe macht keinen Sinn.# Erst wenn du aus der Liebe heraus­gefallen bist, fängst du an, nach einem Sinn zu suchen.

 

393.   - Was meinst du mit Liebe?

- In der Heilheit zu leben. Freude an allem Leben zu haben.


Die Lust, Kräfte zu #verschmelzen, sich selbst mit anderen zu teilen, innere Verbun­denheit.

- Ich kenne hauptsächlich Traurigkeit und Schwermut, Leiden und Gleichgül­tigkeit. Die frohen Stunden sind rar, tiefe Freude erlebe ich selten. Furcht ist viel häufiger.

- Dann bist du nicht auf die Freude aufmerksam, die dich durch deine Schwer­mut, deine Gleichgültigkeit und deine Leiden trägt. Des mehr du in dieser Freude lebst, desto weniger Leiden ist in deinem Leben.

- Wie kann es wohl sein, dass ich so fern von dieser Freude bin?

- Du bist überhaupt nicht fern von ihr. Es ist nur dein begrenz-tes Bewußt­sein, das von ihr fern ist. Das ist wohl so, weil du gelernt hast, dass das Leiden das Wesentlichste im Erdenleben ist. Vielleicht hat man es dir nicht direkt gesagt, aber es scheint eine allgemeine und grundlegende Gedankenform zu sein, dort wo du wohnst. Du glaubst an das Leiden.

 

394.   - Ich habe gelernt, dass selbst die schönsten Sinneseindrücke Leiden sind. Oder dass sie Illusionen sind, die zum Leiden führen. Und selbst wenn viele in meiner Welt sich große Anstrengungen machen, um so viel zu besitzen und zu genießen wie möglich, haben sie wohl doch in ihrem Innersten eine Angst davor, nach ihrem Tode für ihre Gier bestraft zu werden.

- Dann hast du gelernt, das Erdenleben zu hassen.

 

395.   - Wie kann es nur sein, dass ich all das Verkehrte gelernt habe?

- Die Frage ist doch nicht, warum du das Verkehrte gelernt hast, sondern warum du daran glaubst. Wenn du erst mal aufgehört hast, an das Leiden zu glauben, wird es unwichtig für dich, herauszufinden, warum du daran geglaubt hast.

 

396.   - Was soll ich tun?

- Lausche deiner Freude. Erinnere dich selbst und die, mit denen du zusammen bist, an die Freude. Glaub an die Freude. Geb Freude. Mach froh.

- Wird das Leiden dann verschwinden?

 


- Das Leiden gibt es nur als dein Erlebnis des Leidens. Die Feindschaft gibt es, weil du Feind bist. Die Freude, die Liebe, das Verbundensein kennt weder Feindschaft noch Leiden.

- Will das besagen, dass alle Menschen gut und liebevoll werden könnten? Dass kein Menschen mehr leiden bräuchte? Werden keine Unglücke mehr passieren, wird es keine Krankheit und keinen Krieg mehr geben?

- Mit den Augen der Freude sehen Unglück und Krankheit anders aus, mit deinen Sternaugen kannst du sehen, warum es sie gibt. Sei unbesorgt. Finde deine Freude. Geh tiefer in sie hinein. Sei deine Freude. Das ist alles. -

 

B.

397.   Der Mönch erhob sich. Ich dachte, er wollte Abschied nehmen und reichte ihm die Hand. Er nahm sie freundlich und fragte:

- Willst du meine Hütte sehen?

- Sehr gerne! - Wir gingen zwischen einigen größeren Häusern und durch einige Gärten bis wir zu einem Park kamen. Jetzt konnte ich die Stelle wie­dererkennen: dort bei dem Haus schlug der Wind mir die Tür in den Rücken, und hier waren alle die kleinen Hütten, die ich gesehen hatte. Wir trafen einen Teil Männer allen Alters und ich fragte:

 

398.   - Sind das alles Mönche?

- Ja.

- Sie sehen gar nicht aus wie Mönche.

- Was meinst du?

- Bei uns haben die Mönche eine spezielle Kleidung, eine Kutte oder so was, damit man sie von den anderen unterscheiden kann.

- Warum sollte man sie von den anderen unterscheiden können?

- Keine Ahnung. Vielleicht haben sie diese Kutte an, um sich selbst daran zu erinnern, dass sie der Welt entsagt haben.

 

399.   - Der Welt entsagt haben? Was meinst du damit?

- Allen weltlichen Vergnügen zu entsagen, speziell dem Umgang mit dem anderen Geschlecht.

- Das verstehe ich nicht. Warum entsagen sie der Welt?


- Wie ich dir erzählt habe: sie glauben, dass die fleischlichen Lüste sie daran hindern, in die Nähe Gottes zu kommen, oder woran sie sonst wohl glauben.

- Hm.

- Aber gewaltig viele von ihnen haben sehr große Lust auf diese Dinge. Deswegen müssen sie einen großen Teil ihrer geistigen Kraft dazu brauchen, ihre Lüste zu unterdrücken. Und sie beten sehr viel an Gott oder irgendwelche Heiligen um Hilfe dazu.

- Das klingt merkwürdig. Die Lust ist ja doch die Grundlage des Lebens. #Weshalb sie dann unterdrücken?#

- Weil die Lust uns an die Erde bindet. Sie wollen gerne so schnell wie möglich in den Himmel, glaube ich.

 

400.   - Es ist doch nicht die Lust, die uns an die Erde bindet. Die Lust entsteht, weil wir die Erde lieben. Es ist unsere Liebe, die uns dazu bringt, uns an die Erde zu binden. Wir selbst sind es, die uns binden. Diese Bindung ist nicht Unfreiheit, sondern Freiwilligkeit. -

 

401.   Wir hatten uns inzwischen einer Hütte genähert, die auf einer Lichtung in einem Gebüsch lag. Ich fand, dass sie in jeder Hinsicht aussah wie die Hütte des Eremiten draußen auf den Feldern, und als wir hineinkamen, war alles wie drau­ßen bei ihm. Ich sah mir meinen neuen Freund genau an, um zu sehen, ob ich nur bisher nicht entdeckt hatte, dass er der Eremit war, aber er war es nicht.

Wie so oft in diesem Land war ich einen Augenblick vollkommen verwirrt, aber dann reichte er mir ein Stück Fladenbrot und ein Glas Wasser, und ich dachte: vielleicht ist die Ähnlichkeit perfekt, vielleicht ist mein Erinnerungs­vermögen nicht so gut, vielleicht macht meine #Psyche diese Ähnlichkeit, um mich zu ver­wirren. Vielleicht wehrt mein #Verstand sich gegen diese Begegnung?

 

402.   - Kennst du den Eremiten draußen zwischen den Feldern? - fragte ich mit dem guten Brotgeschmack im Mund.

- Er ist's, der mir dieses leckere Brot gebacken hat.

- Ich dachte, dass er nie Menschen sieht.


- Nicht während er dort draußen ist. - Er klopfte leicht an das Fenster, das der Tür gegenüber war. Das wache Gesicht eines Ponys tauchte auf der anderen Seite auf. Er öffnete das Fenster und streichelte ihm das Maul.

- Dieses hier holt und bringt alles, was unser Freund benötigt. - sagte er.

- Kann es selbst #herausfinden, wann es zu ihm gehen soll und wann es zurück soll?

- Das kannst du glauben! - sagte er lächelnd. - Die Meditation meines Freun­des ist das Fladenbrot und meine Meditation ist dieses Pony.

- Ich versteh überhaupt nichts mehr. - sagte ich, aber trotzdem verstand ich auf eine Weise alles ganz gut. Es fiel meinem Gehirn bloß schwer mitzufolgen. Ich dachte noch immer an die Lust und fragte deshalb:

 

403.   - Kann man zur Erkenntnis Gottes kommen, ohne die Lust zu verneinen?

- Es ist unmöglich, Gott zu erkennen, wenn man die Lust verneint.

 

404.   - Was verstehst du unter Lust?

- Die Lust zum Leben, in all ihren Ausdrucksformen. Das ist die Wurzel, aus der das Leben wächst. Wenn du die verneinst, unterdrückst, dich von ihr abschneidest, kannst du nie das Leben erkennen. Und das Leben ist wohl das selbe wie das, was du Gott nennst?

- Für mich ist es. Aber diese Mönche und die Leute in meiner Welt nennen Gott den "Schöpfer" und scheinen einen Unterschied zu machen zwischen dem Schöpfer und der Schöpfung. So wie ich es sehe, erschafft der Schöpfer sich selbst, das ist das selbe wie Leben. Aber ich will dich nicht mit meinen Ge­sichtspunkten ermüden.

- Du ermüdest mich nicht. Es ist spannend zu hören, wie ihr in dem Land denkt, aus dem du kommst.

 

405.   - Willst du sagen, dass die Lust uns niemals hindern kann, die Erleuch­tung des Geistes zu erleben?


- Es gibt viele Gelüste, die uns hindern können, die Lust aber nicht. Wir können in alle möglichen kleine Gelüste und Befriedigungen verstrickt sein, und sie können uns sehr kurzsichtig machen. Aber die Lust zum Leben und der Genuß des Sinnesgebrauchs ist eine Vorausset­zung, um das Leben erkennen zu können. Möchtest du ein Glas Wein?

- Ja danke. - Er ging hinaus. Es kam mir vor, dass er irgendetwas murmelte. Dann kam er rein und sagte: - Der Wein kommt bald.

 

406.   - Ich verstehe noch immer nicht das mit der Lust. Verhindert diese Lust auf ein Glas Wein nicht deinen Kontakt mit der höchsten Weisheit?

- Überhaupt nicht. Ich freue mich darauf, es zu schmecken und ich weiß, das es mir schmecken wird. Ich hoffe auch, dass du dich drüber freuen wirst. Es ist die Freude, die die Lust schafft.

 

407.   - Was ist Freude? Ich fürchte, dass ich nicht richtig weiß, was du meinst. Ist es der Genuß, das Vergnügen?

- Freude ist nicht das selbe wie Vergnügen und Genuß. Freude ist die Qua­lität, die den Stern mit dem Körper verbindet. Vergnügen und Genuß sind relativ, die Freude ist absolut.

- Aber unsere Freude auf der Erde ist selten absolut, oft können wir sie gar nicht entdecken.

- Sie ist da und kann wachsen. Wenn unsere Freude groß genug ist, können wir unserem Stern begegnen.

 

408.   - Wie kann ich die Freude zum Wachsen bringen?

- Durch deine Handlungen kannst du dich selbst und andere froh machen. Durch dein Sein kannst du allem um dich die Freude #vermit­teln.

- Aber wie kann ich diese Freude #erschaffen?

- Freude kann man nicht #erschaffen. Sie kann nur entstehen und wachsen. Freude kann man finden.

- Wo kann ich die Freude finden? Mit wem kann ich sie teilen?

 

409.   - Du musst die Freude in dir selbst finden, wenn du sie mit anderen teilen können willst. Wenn du deine Freude bei irgend jemand anderem hast, kannst du sie nicht mit anderen teilen. Hast du sie aber bei dir selber, kannst du sie mit vielen teilen.

 


410.   - Aber was ist mit der Begierde? Ich habe gehört, dass die Begierde uns an die Erde fesselt, dass unsere Begierde uns daran hindert, die geistige Erleuchtung und den Frieden der Seele zu erlangen.

- Wenn wir in der Zeit, der Bewegung und der Veränderung sind, und wir Appetit auf das Leben haben, sind wir in dem Begehren, denn wir begehren das Kommende. Durch das Begehren geben wir dem Kommen­den eine Richtung, mit unserem Begehren wählen wir unter den Möglichkeiten.

- Dann ist das also ein unvermeidlicher Teil des Lebens auf der Erde? Sind wir zum Begehren gezwungen?

- Wenn unser Begehren durch Vergangenheit und Vergessen gebunden ist, begehren wir blind und wählen oft das geringste #(schlechteste). Wenn unser Begehren frei und wach ist, können wir das beste wählen.

 

411.   - Wie können wir frei begehren? Die Begierde ist ja die Gebundenheit! - Ich hörte draußen einige Schritte, es wurde leicht an der Tür geschrabt. Mein Wirt machte einen hohen Pfeifton, die Tür ging auf und das Pony kam herein. Zwei kleine Körbe hingen auf seinem Rücken. In dem einen war eine Flasche und in dem anderen ein kleines Beil. Er nahm die Flasche und das Beil, das Pony stand und sah freundlich aus. Er wendete sich zu mir:

-  Du wunderst dich wohl über das Beil?

- Ehrlich gesagt, ja.

- Mein guter Küchenfreund findet wohl, dass ich ihm etwas Holz für seinen Herd schlagen soll, - sagte er grinsend. Dann öffnete er die Flasche, goss ein bißchen Wein in seine hohle Hand und reichte sie dem Pferd. Es trank wie Pferde nun mal trinken, schüttelte den Kopf und ging rückwärts aus der Hütte.

 

412.   - Was sagtest du? Gebundenheit? Ich sagte ja,dass wir uns selbst gebunden haben. Die Frage ist nicht, ob wir gebunden sind, sondern wie wir gebunden sind. Begierde ist Appetit. Frag dich selbst welche Gewohnheiten, Erfahrungen und Muster deinen Appetit bedingen. Ein schlechtes Leben kann kaum Appetit auf etwas gutes geben. Ein verachtetes Leben kann kaum einen guten Appetit geben. Mit dem Begehren ziehen wir unsere Möglichkeiten an und mit ihm wählen wir sie aus.


Was wir begehren, werden wir kriegen. Von dem was wir kriegen, können wir unser Begehren erkennen.

 

413.   - Was ist die Ursache des Begehrens?

- Begehren ist immer die Begierde nach Vollkommenheit. Jedes mal, wenn ein kleines oder großes Bedürfnis befriedigt wurde, fühle ich mich mehr vollkom­men, mehr heil. Oft sehr vorüber-gehend. Aber ich bekam etwas, was mir fehlte.

- Aber ist das nicht eine Illusion?

- Ja, auf eine Weise. Niemand wird dadurch heiler, dass er seine Begierde nach Teilen der Welt befriedigt bekommen hat. Jede Begierde ist eine Wider­spiegelung des einen Begehrens: das Begehren nach Vollkommenheit.  Dieses Begehren wird nur von der Vollkommenheit befriedigt.

 

414.   - Dann sollten wir nur Vollkommenheit begehren?

- Vollkommenheit kann man weder erlangen noch #erschaffen.Die Vollkommen­heit ist da, man kann sie entdecken, erleben. Wir können uns ihr öffnen. Wir können das loslasen, was diese Öffnung verhindert.

- Bist du deswegen Mönch?

- Was meinst du?

- Um deine Begierde nach Vollkommenheit zu löschen?

- Nein, um sie zu stimulieren! Magst du den Wein?

 

415.   - Er ist vollkommen! Entschuldige, dass ich mit deinen Worten spiele.

- Spielst du mit meinen Worten? Schmeck nochmal! - Ich nahm wieder einen kleinen Schluck und ließ ihn langsam in meinem Mund zur Ruhe fallen, ehe ich ihn schluckte. Er sah mich freundlich an. Und plötzlich war ich in meinem Mund, ganz innen im Geschmack, ich schloß die Augen. Nach einiger Zeit sagte ich:

- Oh, jetzt ahne ich, was du meinst. Darf ich um ein bißchen mehr bitten?

- Stop! - sagte er und erhob die Hand. - Jetzt beginnt die Bindung!

- Die Bindung?

- Ja, du bleibst nicht, wo du bist, du willst mehr haben, du bindest dich, du verbíndest dich mit der Wiederholung!


- So wichtig war's mir nun auch wieder nicht, - murmelte ich. Und dann fragte ich:

 

416.    - Bist du auf der Erde aus Liebe oder aus Bindung?

- Ich kam hier aus Liebe aber blieb hier aus Bindung. In der Bindung verlor ich meine Liebe, durch meine Bindung verlor ich meine Freiheit, in der Bin­dung erlebe ich Leiden.

- Bist du deswegen Mönch?

-Ich will meine Bindung aufheben, ihr entsagen, jeden Knoten, der meine Freude bindet, lösen.

- Bist du deswegen Mönch?

- Ich will Entbindung üben, meine Widerspiegelung loslassen, ich will die Liebe sein, die den Weg zur Erde findet.

- Bist du deswegen Mönch?

- Ich wurde so verliebt ind die Erde, dass ich blind für sie wurde. Ja, des­wegen wurde ich Mönch! - und er lächelte.

- Aus Liebe.

 

417.   - Aber du hast mir gar nicht erzählt, wie du es anstellst, den Weg zurück zu deinem Stern zu finden. Meditierst du? Machst du Yoga? -

Das Pony wieherte draußen vor dem Haus. Von weit her hörte ich ein anderes Pferd antworten. In meinen Gedanken sah ich es unter einigen Bäumen im Park stehen. Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich meinen Garten. Ein gelber Schmetterling flatterte #zu meinem Fenster. Ich ging in all dem Grünen spazi­eren, ehe ich mich hinsetzte und das nieder-schrieb, was du jetzt gelesen hast.

*9.


Das Lied des Mönches

 

418.   Hier folgen die Worte, die der Mönch am Anfang unserer Erzählung mit seinen Freunden sang. Die Übersetzung ist mangelhaft, weil es nicht möglich ist, die Komplexität ihre Worte in unserer Sprache zu fangen. Die Stimme des Mönchen war sehr tief und jedes Wort wurde in einer sehr langen Atemwelle gesungen, sehr monoton. (HUAN = "SIER", HUN = SIE, HAN = ER)

 

115. HUAN IST HUAN

HUAN IST HUN

HUAN IST HAN

HUAN IST HUAN

 

116. IN HUAN IST HUAN

IN HUAN IST HUN

IN HUAN IST HAN

IN HUAN IST HUAN

 

117. OHNE HUAN KEIN HUAN

OHNE HUAN KEIN HUN

OHNE HUAN KEIN HAN

OHNE HUAN KEIN HUAN

 

118. HUAN IST HUAN

HUAN IST HUN

HUAN IST HAN

HUAN IST HUAN

 

119. ("In" bedeutet ungefähr: "wenn existiert" und Ainnerhalb@. "Ohne" bedeutet auch: "wenn nicht existiert" und Aausserhalb@.)


Die Kochfrau

 

A.

419.   Schönes Sommerwetter, nicht zu warm. Ich folgte dem Pfad zum See, am Bootsschuppen vorbei. Der Bootssteg führte durch das Schilf hindurch, acht Schritte und dann war das Wasser frei. Indem ich an die Kante kam, flog ein Reiher am anderen Ufer auf. Ich setzte mich, der glitzernde Widerschein der Sonne in den leichten Welle machte mich dösig. Ich legte mich auf die warmen Bretter, lauschte den rhythmischen Kehllauten der Haubentau­cher, genoß das #schnarrende Ewigkeitslied der Rohrsänger. Vor meinem schläfrigen Blick verwandelte das wogende Schilf sich in Striche, die ewig wechselnde Muster bildeten, in den Mustern sah ich Formen, die sich auflö­sten, entstanden und sich wieder auflösten.

Die Stimmen der Vögel und das Flüstern des Windes wurden zu ferner Musik, die näher und näher kam, bis ich milde Trommeln und heisere Flöten hörte, bis ich einige Kinder sah, die einander bei den Händen hielten, sie schienen einen Tanz zu üben. Ich erwachte jäh und erhob mich: war ich nun wieder ins Sternland gekommen?

 

420.   Ein junger Mann berührte meine Schulter und fragte:

- Willst du mir helfen, die Zeltleinen zu spannen? - Und ich sah, dass ich in einem großen Zelt war, wo die Leute in aller Ruhe ein Fest vorbereite­ten. Ich nickte und ging mit dem jungen Mann nach draußen und half ihm schweigend.

- Komm, - sagte er, - wir sollen Brot für heute abend holen. - Ich folgte ihm und bald standen wir vor einem Haus, wo es kräftig aus dem Schornstein rauchte, wo es gut nach Brot und Essen roch. Er ging hinein, kam wieder heraus und sagte:

- Wir müssen etwas warten. Sollen wir uns setzen? - Wir setzten uns auf eine Bank in dem leichten Schatten eines Holunder-strau­ches. Endlich hatte ich mich so weit gesammelt, dass ich ihn fragen konnte:

 

421.   - Feiert ihr wieder ein Fest?

- Ja, es kommen Gäste aus der ganzen Gegend.

- Ihr habt aber viele Feste! Wieviele habt ihr?


- Wir haben viele. Sonnen- und Mondfeste, Saat- und Erntefeste, Sommer­feste, Winterfeste, Reinigungsfeste, Versöhnungsfeste, Feste wo wir geben , Dankesfe­ste, Feste zur Vereinigung mit dem Tod, den Tieren und den Pflanzen, Heilungs­feste... viele Feste.

- Das ist eine ganze Menge. Nehmt ihr alle an diesen Festen teil?

- Es ist selten, dass alle teilnehmen. Bei einigen Festen sind fast alle dabei, bei anderen sind wir vielleicht nur zwei oder drei.

 

422.   - Wozu dienen diese vielen Feste?

- Zur Freude. Zur Steigerung der Freude. Zur Vereinigung mit unserem Stern. Um der Erde und einander gute Gaben zu geben. Zur Steigerung der Lebenslust. Zum Loslassen der Unfreiwilligkeit, der Bindungen. Zum Lösen der Bremsen, die das freie Niedersteigen des Geistes in den Körper und das freie Aufsteigen der Seele zum Stern verhindern. -

 

423.   Es war ein eifriger junger Mann und er sprach schnell, während er umherspähte, als suchte er jemanden, dem er gerne begegnen wollte. Ich fragte:

 

424.   - Mit all den Festen habt ihr wohl kaum Zeit für viel anderes?

- Je freier wir sind, desto leichter gehen die Dinge von der Hand.

 

425.   - Das klingt logisch. Nach wem spähst du?

- Das wirst du sehen! - Er erhob sich schnell, fast lief er zum Zelt, wo er hinter dem gelben Zelttuch verschwand.

 

426.   - Hallo, du da, bringst du mir nicht einen Armvoll Holz? - Eine #rundliche Frau stand in der Tür und zeigte auf einen Holzhaufen. Ich stand auf, nahm einen Armvoll Holzscheite, ging in das Haus und stand nun in einer großen Küche, wo Frauen und Männer sich an ihren Töpfen und Herden zu schaffen machten.


- Leg es dorthin, - sie zeigte auf die Diele neben einer großen Feuerstelle. Dann sah sie mich fragend an: - Du bist von weithergekom­men? Dann musst du hungrig sein. Komm mit! - und sie zog mich mit sich durch das geschäftige Treiben in der Küche und in einen kleinen Raum, wo wir uns setzten. Essen und Trinken stand auf dem Tisch und sie nötigte mich, mich zu #bedienen. Ich war tatsäch­lich recht hungrig, also nahm ich mir eine ordentliche Portion und es dauerte nicht lange, bis ich mit ihr fertig war.

 

427.   - Aber du verschlingst ja das Essen! - rief sie aus. Ich sah erstaunt auf, etwas ärgerlich, denn sollte ich erst eingeladen werden, um dann kritisiert zu werden?

- Das musst du entschuldigen, - sagte ich aus Höflichkeit, - aber es schmeckte so herrlich!

- Ich wollte dich nicht kritisieren, - sagte sie freundlich, - ich war nur erstaunt.

- Was war denn daran erstaunlich?

- Sonst sind es doch nur die Hunde, die ihr Futter verschlingen! -  Sollte ich nun mit einem Hund verglichen werden? Sie sah aber so freundlich und nett aus, dass ich aufhörte, mich zu ärgern und fragte:

 

428.   - Vielleicht fresse ich wie ein Hund. Aber wie essen die Menschen bei euch? Dort, wo ich herkomme, isst man oft so wie ich es tue.

- Wir kauen doch unser Essen. Das ist doch das Wichtigste.

- Das Wichtigste? Warum das? - Und wieder hatte ich dieses Gefühl, eifrig und neugierig wie ein Kind zu sein, das ganz ohne Vorbehalte lernen will, was es zu lernen gibt.

- Da gibt es viele Gründe. Willst du sie hören?

- Einige von ihnen?

 

429.   - Abgesehen davon, dass die Hälfte der Verdauung mit dem Speichel im Mund geschieht, abgesehen davon, dass es für die Speicheldrüsen gesund ist, zu arbeiten: unter dem Kiefer sitzt die Pforte, wo die Lymphe ins Blut übergeht. Wenn die stimuliert wird, wird die Zellflüs­sigkeit des ganzen Körpers besser gereinigt.

- Ich wasche also den Körper inwendig, wenn ich kaue?


- Je mehr du kaust, desto besser wäschst du ihn, das ist richtig. Wenn du die Zunge richtig gebrauchst, wird dies ganze Gebiet massiert, - und sie zeigte in ihren Mund auf die Mandeln und draußen auf den Hals, wo die Schilddrü­se und die Nebenschilddrüsen sitzen. - Wenn du gut kaust, kriegst du eine schönere Stimme.

- Das wußte ich nicht. Wie hängt das zusammen?

- Du massierst und stimulierst deine Stimmbänder. Gleichzeitig ziehst du eine Menge unruhiger Energien weg von deinem Gehirn, von deinen Augen und Ohren. Das erleichtert deine Aufmerksamkeit und dein Nachdenken.

- Ich bekomme also nicht nur eine schönere Stimme, sondern auch schönere Wahrnehmungen und schönere Gedanken?

- Haargenau. Wenn deine Stimme schöner wird, wird dein Körper froher, weil du ihm schönere Lautwellen zum mit-schwingen gibst.

- Ich habe nie daran gedacht, dass meine Stimme auf mein Wohlbefinden ein­wirken könnte.

 

430.   - Meditierst du? - Warum fragte sie plötzlich danach? Was meinte sie? Ich antwortete:

- Ab und zu mal, nicht sehr oft. Ich taug wohl nicht dazu, still zu sitzen und nichts zu tun.

 

431.   - Ein ruhiges Kauen ist die einfachste und natürlichste Meditation. Ein gründliches Kauen hilft der eigentlichen Meditation. Das Kauen ist wohl die elementärste Meditation, sie gibt Gegenwartsbewusstsein und Erdverbin­dung. Wenn du gut gekaut hast, hast du der geistigen Meditation ein gutes Fundament gegeben.

 

432.   - Ich ahnte nicht, dass essen und meditieren etwas mit einander zu tun hatten. Ja, ich hab ja gehört, dass man vorm Meditieren keine schweren Speisen verzehren soll, aber ich habe nie gehört, dass es etwas für das geistige Wohlbe­finden bedeuten sollte, wie man ißt.

- Kauen ist doch eine der wesentlichsten Handlungen hier im Leben! Es drückt deinen Akzept deines Hierseins auf der Erde aus. Es ist nicht genug, bloß zu essen und zu schlucken. Das kannst du aus Begierde oder Bedürfnis nach Nahrung tun. Wenn du gründlich kaust, empfängst du die Speise mit Genuß und Freude. Kauen ist würdigen. Essen ist wie lieben: Du kannst es hastig aus Bedürfnis oder Gier tun, oder langsam und gründlich als Würdi­gung.


433.   - In der Regel haben wir's viel zu eilig, um so viel Zeit auf das Essen verwenden! Und wenn wir uns Zeit zum Essen nehmen, dann meistens aus sozialen Gründen. Wenn wir es uns gemütlich machen oder irgend etwas feiern.

- Du hast doch weniger Eile, wenn du dir beim Kauen deines Essens Zeit läßt. Das Kauen verlangt Ruhe, aber es gibt auch Ruhe. Und wenn du Ruhe hast, geht alles viel schneller von der Hand.

 

434.   - Da hast du mir aber wirklich was zum nachdenken gegeben! Aber sollst du nicht raus und arbeiten? Ich möchte dich nicht gerne aufhalten, falls du's eilig hast.

- Ich hab's nicht eilig. Meine Suppe hat's auch nicht eilig. Laß die jungen Leute für Bänke und Tische sorgen!

 

435.   - Dann möchte ich gerne, dass du mir mehr über das Essen erzählst. Was soll ich essen? Was ist die beste Speise?

- Die Speise, die gut und besser schmeckt, je länger du sie kaust.

 

120. - Das war ein einfaches Rezept! Aber ich habe oft Lust auf alles mögliche andere.

- Laß die Form die Kraft wählen!

- Was meinst du mit Kraft?

- Lebenskraft. Du lebst von der Lebenskraft, die in deiner Nahrung ist. Laß die Lust die Kraft suchen!

- Das klingt wie Lieben.

 

436.   - Haargenau. Genau wie das Lieben die intimste Verbindung zwischen zwei Menschen ist, ist dein Essen deine intimste Verbindung mit Kia, das Essen und das Atmen.

- Das ist ja richtig.

 

437.   - Die Kleidung, die du trägst, die Nahrung, die du ißt und die Luft, die du einatmest erzählen, wie nahe du mit Kia verbunden sein willst.

 

438.   - Alles, was ich berühre, berührt mich ...


- ... so, wie du es berührst, das ist richtig. Auch hier gilt dies Gesetz. Ich kann hören, dass du nicht das erste Mal bei uns zu Besuch bist.

- Ich bin hier schon ein paar mal gewesen. Ich habe noch viel zu lernen. Du sahst also mein Verhältnis zu Kia, als du sahst, wie ich das Essen verschlang?

- Das war genau, was ich sah. Wenn deine Seele sich einen Körper auf der Erde erchafft, in der Erde und aus Erde, berührt sie die Erde und wird von ihr berührt.

- Dann will ich, dass meine Seele mir einen besseren Körper macht!

 

439.   - Willst du mit raus und dir die Vorbereitungen für's Fest anschauen?

- Sehr gerne. Es wird gut tun, etwas zu gehen, dann kann ich all das verdauen, was du mir gesagt hast. -

 

B.

440.   Draußen vor dem Haus wurde sie von einigen Leuten ange-halten, die mit ihr reden wollten. Sie wandte sich zu mir und sagte: - Ich soll kurz in den Wald, um nach einigen Kindern zu schauen, die #Ausschmückung für heute abend pflücken. Willst du mit?

- Gerne, sehr gerne!

- Dann komm! - und wir gingen zusammen auf einem Pfad durch die Felder und in den Wald. Wir kamen an einem kleinen Haus vorbei, das etwas abseits vom Weg stand, fast hinter Büschen und Farnen ver­steckt. Ich blieb stehen und fragte:

 

441.   - Wohnt da jemand in dem Haus?

- Nein, das ist ein Gebetshaus. Mein Grossvater hat es gebaut.

- Ein Gebetshaus? Ich dachte nicht, dass ihr das Beten braucht. Ich habe nur über Meditation und Rotas gehört.

- Hier bat er zu Gott, und das tu ich auch ab und zu. Ich mag die Stelle gern. Betest du zu Gott?

- Nein. Oder ... nur, wenn ich in äußerster Not bin, oder wenn meine Lieben das sind. Aber das ist mehr ... was sollte man sonst in solchen Situationen tun?

 


442.   - Du solltest zu Gott beten!

- Das versteh ich nicht. Wie soll ich beten?

- Bete so: Herr im Himmel, geb mir ... und dann bitte um das, was du brauchst.

- Aber ich hab doch gelernt, dass ich ein Stern bin, dass ich selber Gott bin!

- Ja, aber der, der bittet, ist nicht der Stern, sondern ein Mensch. Dieser Mensch ist ein Kind, das seine Mutter oder seinen Vater um etwas bittet.

- Dann bete ich also an mich selbst?

- Nein, du betest zu Gott. Gott ist das, wovon du - auch als Stern - ein Teil bist. Und Gott ist das, was deine Seele versteht.

 

443.   - Kann ich zu Gott beten, ohne um etwas zu bitten?

- Danke deinem Gott, jeden Tag, immer. Nimm Gott mit in alle deine Freuden. Laß deine Seele gleicherweise in Gott wie in dem Genuß sein, wenn du dich freust. Auf die Weise wird deine Freude größer.

 

444.   - Da muss ein Unterschied sein zwischen dem Verhältnis der Seele und des Geistes zu Gott. Ist das richtig?

- Der Geist will Klarheit in der Erkenntnis. Der Geist will #unverfangen sein in seiner Schau. Die Seele aber will Wahrheit im Gefühl. Die Seele ist im Leiblichen vestrickt. Der Geist erkennt die Liebe. Die Seele erlebt sie. Der Körper folgt dem Geist und der Seele.

 

445.   - Ich weiß, dass die Seele es wie ein Opfer fühlen kann, wenn sie "vom Geist in das Fleisch herniedersteigt". Sie kann sich gekreuzigt fühlen, oder an das Rad der Wiedergeburt gebunden. Sie kann Befreiung suchen.

- Ja, aber die Seele kann es auch als Freudenrausch erleben, wenn sie den Geist im Fleisch manifestiert. Sie kann sehr große Wonne fühlen, wenn sie sich an das Leben des Körpers bindet. Es ist die höchste Wonne der Seele, das Menschenleben auf der Erde blühen zu lassen.

 

446.   - Aber woher kommt denn all die seeelische Not?


- Sie entsteht, wenn die Seele sich einseitig an die Erde bindet, oder einseitig die Befreiung von der Erde sucht. Dann ist sie in Not.

 

447.   - Aber wir sprachen vom Beten. Warum soll ich eigentlich beten?

- Du sollst ja nicht beten. Du kannst beten. Die Freude will gerne Danke sagen. Und wem soll sie danken? Sich selbst? Nein, die Seele fühlt sich als Teil von etwas, was größer ist als sie. Die Seele möchte sich an die Heilheit hinge­ben. Sie nennt die Heilheit Gott.

- Weiß der Geist sich nicht auch als ein Teil einer größeren Heilheit?

- Ja, aber der Geist ist frei. Der Geist ist in der Welt und jenseits der Welt. Die Seele aber ist in der Welt - und sie weiß sich in der Welt. -

 

448.   Eine grosse Kinderschaar kam den Pfad entlang auf uns zu gelaufen. Sie hatten die Arme voll von Zweigen und Blumen und weichem Moos.

- Hallo, Erdmutter, Erdmutter! (so nennt man die Hebamme auf dänisch) - riefen die Kinder durcheinander und es sah aus, als wenn sie alle die Frau umarmen wollten, obwohl sie die Arme voll hatten.

- Wollen wir uns nicht ein wenig setzen? - fragte sie.

- Ja, ja, - riefen sie alle, - aber dann musst du uns was vorsingen!

- #Das werde ich schon tun#. - Und während sie alle versuchten, einen Platz so nahe wie möglich bei der Frau zu finden, fragte ich:

 

449.   - Bist du Hebamme?

- Ja, - sagte sie - ich habe ihnen alle zur Welt geholfen, - und sie machte eine große umarmende Bewegung.

- Und ich dachte, du wärst eine Kochfrau! - sagte ich etwas entschuldi­gend.

- Der Unterschied ist #eigentlich nicht so groß! - lachte sie.

- Darf ich mir das Bethaus etwas ansehen? Darf ich hineingehen?


- Gerne, sehr gerne, sieh du dich ruhig um! - Ich ging zum kleinen Haus rüber, wendete mich aber um und fragte:

- Was willst du ihnen vorsingen?

- Das Geburtslied. Willkommen auf der Erde. Das Lied, das ich sang, als sie kamen.-

 

450.   Ich ging in das Haus. Drinnen war es dämmrig und etwas staubig. Da war nur eine kleine Bank auf der einen Seite, sonst nichts. Jetzt hörte ich sie singen, #schön, sanft, wiegend.

Ihr Gesang wurde schwächer, vermischte sich mit dem unermüd­lichen Zwitschern der Rohrsänger und dem Bass der Haubentaucher.

Ich setzte mich auf die Bank. Ich lauschte lange ihrem Gesang, obwohl ich wieder zu Hause in meiner eigenen Welt war. Das Geburtslied, das Geburtslied ...


Der Stern

 

A.

451.   Ich erwachte, weil ich fror. Ich lag auf der gefrorenen Erde, über mir der Himmel, übersät von unendlich vielen Sternen.

- Kom hierüber, - sagte eine freundliche Stimme. Ich richtete mich halb auf und wendete mich um: da lag eine Gestalt in einer Hängematte ein paar Meter von mir entfernt. Ich kam auf die Beine und ging zu ihm.

- Mich friert, - sagte ich.

 

452.   - Werde weniger Fleisch, - sagte der Alte, denn er war's: ich erkannte seine Stimme.

- Weniger Fleisch werden? Wie? - fragte ich.

- Das weißt du ja selbst am besten, du, der so reisen kann, wie du es tust.

- Ich weiß nicht, wie ich hierher gekommen bin!

 

453.   - Werde mehr Kraft! - sagte der Alte, während er in seiner Hängematte schaukelte.

- Aber wie? - fragte ich mit heiserer Stimme.

- Atme so, - sagte der Alte und zeigte mir, wie ich atmen sollte, welche Bewegungen ich machen sollte und anderes, was ich nicht mehr so genau erinnere. Ich tat, wie er sagte, und ein paar Minuten später ging es mir gut.

 

454.   - Leg dich hierhin, - sagte der Alte, und als ich auf seine andere Seite kam, fand ich noch eine Hängematte.

- Das ist aber eine sonderbare Idee, sich hier draußen mitten in der Frost­nacht in eine Hängematte zu legen! - sagte ich, während ich mir's ange­nehm machte. - Warum liegst du doch hier?

 

455.   - Um die Sterne anzuschauen.

- Dort, wo ich herkomme, ziehen wir uns im Winter dicke Kleidung an, ehe wir rausgehen, uns die Sterne anzugucken, - sagte ich. - Und wir würden nie den Einfall kriegen, uns in eine Hängematte zu legen!


- Ja, was mich betrifft, bin ich zu alt, stundenlang mit dem Kopf im Nacken zu stehen, - sagte er und grinste. - Jetzt pass mal auf! - und er steckte einen langen Stab raus zur Seite und schob mit ihr, so wie man ein Boot durchs Wasser stakt, und langsam fingen wir an zu drehen.

- Wie pfiffig! - rief ich. Langsam entspannte ich mich und begann, den weißen Himmel zu genießen. Ja, weiß! Niemals hatte ich so viele Sterne gese­hen, sie standen so dicht, dass sie an manchen Stellen einander beinahe berührten.

 

456.   - Wie kann es sein, dass so viele Sterne an eurem Himmel stehen?

- An unserem Himmel? Das ist doch wohl der selbe Himmel wie bei dir zuhause?

- Bei uns zuhause sind selbst in den klarsten Nächten nicht so viele und große Sterne am Himmel, - sagte ich.

- Das kommt auf die Augen an, die sehen, - sagte er. - Sahst du genau so viele Sterne, als du hier an meiner Seite aufwachtest und frorst?

- Das habe ich nicht bemerkt, - sagte ich. - Nein ... ich bemerkte nichts besonderes. Das waren da wohl nicht?

 

457.   - Sei Kraft und schaue mit den Augen der Kraft, - sagte der Alte.

 

458.   - Was sollen wir hier? - fragte ich ihn. - Sterne anschauen?

- Die Sterne begrüßen, - antwortete er.

- Wie? - fragte ich.

- Schließ die Augen, - sagte er. Ich schloß die Augen.

- Siehst du was? - fragte er.

- Nein, - sagte ich.

- Siehst du gar nichts?

- Nein - doch - eine Menge Sterne #bleiben bei#, vor meinem inneren Auge zu stehen.

- Versuche, sie nicht zu sehen.

- Das kann ich nicht.

- Gebe dir Zeit, laß sie verschwinden. Vergiß sie. - Ich versuchte, und langsam verschwand das Nachbild der Sterne von meinem Blick.

- Gelingt's? - fragte er.


459.   - Ja, aber ein großer Stern #bleibt bei#, vor meinen Augen zu stehen.

- Bleib bei. Versuch, ob der nicht auch verschwinden will.

- Ich versuche, - sagte ich nach geraumer Zeit, - er bleibt aber bei, genau so klar vor meinen Augen zu stehen.

- Gut, - sagte der Alte, - jetzt will ich unsere Hängematten drehen, und wenn du fühlst, dass der Stern dort draußen und der Stern, den du mit geschlosse­nen Augen siehst, genau hinter einander stehen , sag stop. - Er drehte uns langsam und ich lag und es war fast, als wenn ich mit meinem inneren Auge lauschte, bis ich plötzlich ein merkwürdiges Gefühl hatte: es war als wenn ich den Stern mit dem hinteren Teil meines Hinterkopfes sah, ich sah ihn leuchtend, klar und rund.

- Stop! - sagte ich.

 

460.   - Mach die Augen auf, - sagte der Alte. Seine Stimme klang sehr warm und sehr nahe. Und trotzdem war es, als wenn er von weither rief. Ich öffnete die Augen. Da war kein Unterschied!

- Da ist kein Unterschied! - rief ich. Ich schloß die Augen, machte sie wieder auf: da war kein Unterschied!

- Ist es noch immer das selbe?

- Vollkommen egal ob ich die Augen öffne oder schließe. Aber das merkwür­digste ist, dass es sich so anfühlt, als wenn ich ihn mit dem Hinterkopf sehe.

 

461.   - Fein! - sagte er. - Jetzt wollen wir hin und ihn begrüßen. Halte die Augen auf! - Der Stern stand klar vor meinen Augen, ich sah keinen anderen als ihn, er war überaus groß, fast wie ein kleiner Vollmond, sein Licht drang durch meine Augen und irgendwo in meinem Hinterkopf traf er ein Auge, von welchem ich nie gewußt hatte, das ich es dort hatte. Das war seltsam.

- Entspanne deinen Nacken! - hörte ich den Alten sagen, und ich entspannte mich. Der Stern wurde größer und größer.

 

462.   - Wie heißt er? - fast rief der Alte mir zu,  - wie ist sein Name?

- Das weiß ich nicht, - murmelte ich.

- #Finde es heraus#!

- Wie?


- Frag! - sagte er, wieder ganz nahe, fast als spräche er innen             in meinem Kopf. Und während ich beharrlich versuchte, herauszufinden wie ich ihn fragen sollte, wuchs und wuchs der Stern, bis er zuletzt mein ganzes Ge­sichtsfeld  ausfüllte. Ich bewegte meine Augen und sah, dass er genau über mir hing, wie eine riesenhafte bleiche Sonne.

Und plötzlich war ich drinnen in seinem Licht, alles um mich war das Licht des Sterns. Jetzt lande ich bald, dachte ich und war ein wenig bange. Aber ich landete nicht und es war mir seltsam klar, dass ich mich mit großer Geschwindigkeit durch ihn hindurch bewegte. Plötzlich wurde es dunkel. Erschrocken erwachte ich und wandte mich zum Alten. Ich konnte ihn nicht sehen. Ich merkte das Flechtwerk der Hängematte gegen meinen Körper. Ich schwitzte.

 

463.   - Was war das? - flüsterte ich. - #Was war das, was geschah#? Wo bin ich - und wo ist der Stern?

- Wie heißt er? - hörte ich die Stimme des Alten.

- Heißt?

- Sein Name!

- Kein Name, - murmelte ich. - Kein Name, kein Name.

- Gut, - sagte der Alte. - Du wärst nicht zurückgekommen, wenn du ihn gefunden hättest.

- Nicht zurück? Was meinst du? Wie heißt er?

- Er hat keinen Namen, er heißt nichts.

- Warum sollte ich denn seinen Namen finden?

- Um zu ihm zu reisen und ihn zu begrüßen! -

 

464.   Ich verstand gar nichts. Aber plötzlich wurde mir sehr warm, sehr tief drinnen, drinnen in meinem Herzen.  Mir wurde sehr warm und sehr groß in meiner Brust. Es war überwältigend, ich schnappte nach Luft - und weinte.

 

465.   Nach geraumer Zeit hörte ich die ruhige Stimme des Alten:

- So-so! Jetzt kennst du ihn. Jetzt können wir anfangen. Aber laß uns erst etwas warmes trinken. Komm! - Und er stand auf und ging einige Schritte weg von der Hängematte.


Ich erhob mich, sehr langsam, ich versuchte, etwas in der Nacht zu sehen, aber jetzt war der Sternenhimmel wieder wie daheim, und es war schwer, den Alten zu erblicken. Ich kam langsam auf die Beine und stolperte in die Richtung, in die ich ihn gehen gehört hatte.

- Das war heftig! - sagte ich, und er lachte still. Er reichte mir einen Becher mit duftendem warmem Tee. Ich nippte an ihm, er schmeckte sehr bitter. Ich nippte wieder, und nach und nach erwachte ich ganz zu meinem Körper und der Tee schmeckte fast nicht mehr bitter.

- Danke, - sagte ich. - Wo sind wir eigentlich?

- Oben auf dem Berg.

- Der hohe Hügel hinter dem Dorf?

- Nein, der Berg, den du am Horizont gesehen hast. -

Hatte ich einen Berg am Horizont gesehen? Ja, jetzt entsann ich mich schwach einer fernen Kontur.

 

466.   - Was meinst du übrigens damit, dass wir jetzt anfangen können? Wir sind doch schon lange im Gange! Womit sind wir übrigens im Gange? -

Ich fühlte aber, dass es nur mein Mund war, der fragte, dass mein Gehirn nur versuchte, sich irgendwo festzuhalten. Ich ging hin und setzte mich wieder auf die Hänge­matte. Ich versuchte mich zu besinnen. Wieder sah ich den Stern vor mir, wieder erlebte ich, wie er größer wurde und mich umhüllte - und es dunkel wurde. Was war das, was ich erlebt hatte? Hatte ich Gott gesehen? Einen Engel? Und wieder bekam ich dieses Gefühl einer großen, überwäl­tigenden Wärme in meiner Brust und ich wollte auf die Knie fallen, doch der Alte rief:

 - Ich hab auch etwas Kuchen mitbekommen! Willst du was haben? - und er kam zu mir und reichte mir einen kleinen, trockenen Kuchen.

Ich wurde ganz ruhig und klar im Kopf.

 

467.   - Könntest du dir denken, alle die zu begrüßen, denen du auf deinem Weg begegnet bist?

- Auf dem Weg begegnet bin? Bin ich jemanden auf dem Weg begegnet?

- Ja, sahst du sie nicht?

- Ich sah niemanden, ich sah nichts anderes als den Stern.

- Das ist so, weil du es so eilig hattest! - grinste er.

- Ich hatte es nicht eilig, es geschah bloß so schnell! - rief ich.


- #Das ist so#, weil du ein Reisender bist, - sagte er, fast wie zu sich selbst.

- Aber laß es uns jetzt behaglich machen. - Er legte sich wieder in die Hänge­mat­te und ich tat dasselbe.

 

468.   - Werde weniger Fleisch und mehr Kraft! - sagte er ruhig. Jetzt wußte ich, wie ich es tun sollte, und es fühlte sich an, als wenn ich mich langsam über die Hängematte erhob.

- Siehst du deinen Stern? - fragte er. Und im selben Augenblick sah ich ihn wieder, leuchtend klar, mit einem milden und freundlichen Licht.

- Ja, - sagte ich.

- Dann laß uns reisen, - sagte er, - halte die Augen und Ohren offen! -

 

469.   Konnte ich anders? Ich fühlte, dass ich die Sinne weit offen hatte, während ich still höher und höher hinaufschwebte.

- Halt! - rief der Alte.

- Was? -

- Bleib bei der Erde! Bleib bei, deinen Rücken gegen das Flechtwerk zu fühlen! Nicht fliegen! Nicht fliegen!

- Wie?

- Entschließ dich einfach. - Ich griff mit beiden Händen in das Flechtwerk und hielt fest. Jedesmal, wenn ich zu schweben anfing, griff ich härter zu.

- Was soll jetzt geschehen? - fragte ich.

 

470.   - Reisen, sag ich doch, reisen! Aber nicht mit unseren Körpern, sondern mit der Seele, mit unserem Geist. Siehst du noch immer deinen Stern?

- Ja.

- Was fühlst du für ihn?

- Ich sehne mich nach ihm. Ich will hin zu ihm!

- Gut. Mehr ist nicht nötig. -

 

471.   Wieder konnte ich merken, dass ich mit einer Stelle tief drinnen in meinem Hinterkopf sah. Und jetzt hörte ich auch Geräusche, viele seltsame schöne Laute.


Der Stern verschwand aus meiner #Sicht. Jetzt sah ich eine gewaltige frucht­bare Landschaft, voll von allen Arten von Bäumen, Kräutern und Blumen.

- Was siehst du? - rief der Alte, gleichsam von weit weg.

- Pflanzen, - antwortete ich.

- Kennst du sie?

- Ja, einige von ihnen. Nein, ich weiß nicht ... - Ich kriegte ein zitterndes, summendes Gefühl in meinem ganzen Leib, während ich langsam über die Landschaft schwebte, ein sehr angenehmes Gefühl, das stärker und stärker wurde. Plötzlich flog eine wunderbare, orange Blume gerade hinein und durch meinen Kopf. Sie war fort ehe ich sehen konnte, #was für eine sie war#, aber gleich danach sah ich sie in Gruppen um mich herum stehen.

- Ich kenne dich! - rief ich, - du heißt ... -

 

472.   - Nenne nicht ihren Namen! Küsse sie! - rief der Alte. Ich beugte mich nieder und küßte sie und auf einmal fühlte ich mich so stark und froh wie nie zuvor.

- Wunderschöne Blume! - sagte der Alte, fast als wäre er innen in mir. - Wunderschöne Blume, - wiederholte er. - Ihr seid Freunde, das kann ich sehen.

- Ja, - sagte ich.

 

473.   Es fing an zu wehen, und der Wind wuchs zu einem Sturm, es wurde dunkel, aber ich schwebte ruhig und unangefochten weiter. Ein silbernes Licht breite­te sich über das ganze, es wurde rot und gelb, und jetzt sah ich, dass wir über eine Wüste flogen, über ein Meer, über einen Urwald, über Ackerland und wieder über einen großen Ozean. Ich war ein Vogel mit scharfen Flügeln und spitzem Schnabel, ich flog mit rasender Fahrt und plötzlich löste ich mich auf und fiel nach unten wie Schnee auf eine Scholle aus Eis. Ich war ein Schneeha­se und dann wurde ich zu einem ...

- Sag's nicht! Keine Namen! - rief der Alte, gleichsam von hoch oben. - ich sehe ja, was geschieht, jetzt habt ihr einander gefunden. -

Ich griff hart in das Flechtwerk der Hängematte. Sie schaukelte heftig. Ich versuchte, die Augen zu öffnen - aber sie waren ja offen!


474.   - Na? Bist du wieder hier? - fragte der Alte neben mir. Seine Hängemat­te schaukelte nicht. Ich sah ihn an. Obwohl es dunkel war unter den Sternen, sah ich ihn deutlich. Es war aber sonderbar: ich fühlte, dass ich ihn mit feindlichen, wachsamen, fast kalten Augen ansah.

- Jaja, - sagte er, ich kann's wohl sehen, aber du bist also Taran! - Und dann rief er meinen Namen, viele Male. Ich war aus meine Hänge­matte gesprungen und auf allen vieren zu ihm #gekrabbelt, hatte mich erhoben und stand jetzt über ihn gebeugt. Plötzlich sah ich sein Lächeln, erkannte seine Wärme wieder ... und fiel ihm mit einem tiefen Seufzer um den Hals.

- Das ist gut, das ist gut! - rief er vergnügt, - so schön, #dein Freund ist#! Ein richtiges Reisetier! - und er lachte.

 

475.   Ich kam auf die Beine und sagte: - Laß uns gehen.

- Was sagst du?

- Laß uns gehen! Los! - und ich erhob den Kopf und witterte im Wind: - In diese Richtung! - rief ich.

- Was sagst du da? - grinste er. Was gabs da zu grinsen? Aber dann hörte ich es selber, und mit Menschenworten sagte ich zu ihm:

- Laß uns losgehen!

 

476.   - Nein, - sagte er, - wir sind eben erst angefangen! Aber jetzt hast du Kraft genug für die Reise. - Und er erhob sich, ging ein paar Schritte ind die Dunkelheit hinein und bald sah ich eine kleine Flamme, die schnell zu einem gemütlichen Lagerfeuer wuchs. Er setzte einen Topf aufs Feuer.

- Komm hier rüber! - rief er, und ich näherte mich mistrauisch den Flammen, aber je näher ich kam, desto mehr Mensch wurde ich und bald konnte ich den kräftigen Duft vom Kochtopf riechen. Nein, wie war ich hungrig! Und durstig.

- Hast du was zu trinken? - fragte ich. Er reichte mir einen Becher mit eiskal­tem Wasser. Es fuhr wie ein Schock in meinen Magen, und jetzt war ich ganz wach.

 

477.   - #Was ist das, was geschieht#? - fragte ich ihn.

- Du bist deiner Pflanze und deinem Tier begegnet, - sagte er, - aber darüber bist du dir wohl klar? -


Ich hatte ja schon öfters davon gehört, dass jeder Mensch seinen Tier- und Pflanzenfreund hat, aber ich hatte nicht geglaubt, dass sie so wirklich waren. Ich hatte gedacht, dass wir eine gewisse abstrakte Verbindung mit diesen Tieren und Pflanzen hatten, dass sie eine Art ferne Geister waren.

 

478.   - Sind sie ein Teil von uns? - fragte ich.

- Auf eine Weise ja, auf eine Weise nein. Sie geben dir einen Teil von sich selbst. Sie erlauben dir, von ihrer Kraft und ihrem Wesen zu gebrau­chen. Sie mögen dich, deswegen helfen sie dir mit ihrem Wesen und ihrer Weisheit. Ohne sie könntetst du gar nicht hier auf der Erde leben.

- Was würde fehlen?

- Du würdest weder deinen Körper, deine Wahrnehmungen, deinen Willen oder deine Gefühle in einen Zusammenhang bringen können. Dein Leben auf der Erde wäre Chaos.

- Ich fühle mich mehr heil und stark als je zuvor, - sagte ich. - Übrigens ist deine Suppe ganz vorzüglich!

 

479.   - Danke, - sagte er. - Jetzt bist du stark und heil, sagst du, aber bist du auch ruhig?

- Ja.

- Ganz ruhig? Im Allerinnersten?

- Wir werden sehen, - sagte ich, - was soll denn jetzt geschehen?

 

480.   - Wir werden allmählich weniger (#kleiner) und weniger werden, während wir größer und größer werden, um zuletzt ganz zu versch­winden. Hast du Ver­trauen?

- Wozu? Zu dir?

- Nein, nicht zu mir. Zum Leben. Zu deinem Stern? -

Ich hatte meinen Stern ganz vergessen. Die Erlebnisse mit der Pflanze und dem Tier waren so stark gewesen, dass ich alles, was vorher geschehen war, vollständig vergessen hatte.

- Ich hatte meinen Stern total vergessen, - sagte ich.

 

B.


481.   - Legen wir uns wieder in unsere Matten, - sagte er. Ich ging abseits um das Wasser zu lassen. In dem Moment, wo ich dem Druck nachgab, fiel eine tiefe Ruhe über mich. Ich fühlte wieder die Wärme in meiner Brust. Sie wurde zu einem Licht, das mich erfüllte und aus mir strahlte.

Kaum hatte ich auf dem Weg zur Hängematte meine Kleidung in Ordnung gebracht, als ich einigen Menschen begegnete, die dastanden und mich anlächelten.

 

482.   Alles war jetzt hell und ich konnte ihre Gestalten und Gesichter sehen. Sie kamen mir unendlich bekannt vor, aber ich kam nicht gleich darauf, wer sie waren. Als aber die Frau meinen Namen sagte, wurden meine Knie ganz schwach und ich sank zur Erde. Es war meine Mutter, aber wie jung sie war! Und mein Vater stand da und lächelte so schön. Ich wußte nicht, was ich sagen oder tun sollte und wollte mich eben an den Alten wenden, aber da sagte mein Vater:

- Es ist schön, dich zu sehen. Bist du auf Durchreise, oder bleibst du bei uns?

- Ich, ich ...

- Ich kann sehen, dass du auf Reisen bist. Ruf uns nur, wir werden dir schon helfen. - Und sie lächelten beide. Und dann sagte meine Mutter:

- Denk daran, dass du nicht mehr unser Kind bist! - Es war als wenn ich in einen Abgrund stürzte. Ich fiel aber nicht #weit, denn #plötzlich lag ich wieder in meiner Hängematte, die im Dunkel wippte und mich schaukel­te. Nicht mehr ihr Kind! Nicht mehr ihr Kind! wühlte es in meinem Kopf. Mein Antlitz war voller Tränen.

 

483.   - Hast du Vertrauen? - fragte der Alte von seiner Hängematte.

- Vertrauen? - Ach, jetzt sah ich meinen Stern wieder, genau über meinem Kopf und meine Sehnsucht, zu ihm hinauf zu kommen, wuchs.

- Ich sehne mich, - antwortete ich.

- Laß uns reisen, - sagte er. Er summte einige Takte einer Melodie, die mir uralt vorkam. - Komm! - sagte er und nahm mich bei der Hand. Aber ehe ich mich erheben konnte, stand ich auf einer blühenden Wiese und begrüßte einige freundliche Menschen, die ich nicht kannte.

 

484.   - Wollt ihr mir helfen, meinen Weg zu finden? - hörte ich mich selbst fragen.


- Wir sind alle Wege gegangen, - sagte eine Frau, - kannst du deinen finden? Dann werden wir dir schon helfen.

- Was sagt sie da? - murmelte ich.   Aber dann sah ich einen kleinen Knaben, der fortwährend in einen uralten Mann mit einem riesigen weißen Bart hineinging und wieder herauskam, und da verstand ich. Aber jetzt, wo ich diese Worte schreibe, kann ich nicht erin­nern, was ich verstand.

- Wo sind wir? - fragte ich den Alten an meiner Seite.

- Bei den Ahnen, - sagte er.

- Den Ahnen? - aber ehe er antworten konnte, sah ich wieder meinen Stern, größer und strahlender als zuvor. Das, was ich jetzt sah, war total verwir­rend.

 

121. Der Stern wuchs und wuchs bis er wohl hundert Mal so groß wie der Vollmond war. Auf seiner Oberfläche tauchte eine enorme Männergestalt auf, furchteinflößend in seiner strahlenden Rüstung, mächtig, zwingend, mit Augen die #gerade durch mich hindurch sahen.

Er setzte sich hin und legte seine Beine über­kreuz, er schloß die Augen und seine Rüstung wurde zu einer Mönchskutte, die sich auflöste und zu Regen wurde, der die Gestalt fortschwemmte, bis nur noch ein großes Antlitz auf der strah­lenden Fläche des Sterns zurückblieb, und dieses Antlitz weinte.

Die Tränen wurden zu einer Menge kleiner, fast durch-sichtiger Gestalten mit großen, weichen Flügeln, die umherflogen und in der Luft tanzten zu einer Musik, die ich nie zuvor gehört hatte.

 

485.   - Was ist das, was ich sehe? - fragte ich verwundert, - sind das Engel?

- Jaja, - sagte der Alte trocken, - so sind die Bilder #des Sinnes#! -

Ich fuhr auf und wollte etwas heftiges zu dem alten Narren sagen, aber neben mir lag eine krötenartige Gestalt, die mich boshaft anglotzte.

- Na, du hältst mich zum Narren, du ekliger Hexerich! - rief ich voller Zorn, aber der Alte drückte sanft meine Hand und jetzt sah ich wieder, dass er es war und dass er lächelte.

 


486.   Ich fiel zurück in meine Hängematte und schloß die Augen. Aber das half nichts, denn jetzt sah ich alle möglichen Zahlen und Worte, die in rasender Fahrt auf der hellen Scheibe entstanden und verschwanden.

Dreiecke und Vierecke und Kreise und Würfel, Kuben und alle mögliche Formen tanzten vor meinen Augen, sie bogen sich in sich selbst hinein, aus sich selbst heraus, sammelten sich in Mustern und lösten sich in einem unbeschreiblichen, vieldimensionalen Klang auf, bis ich plötzlich wieder die Wärme und das Licht in meinem Inneren spürte und ich mich beruhigte.

Der Alte ließ meine Hand los, griff seinen Stab und drehte uns langsam eine halbe Umdrehung. Der Stern stand noch immer genau vor meinen Augen.

 

487.   - Wie geht's dir? - fragte der Alte.

- Wem? - fragte ich.

- Fein! - sagte er, - jetzt können wir anfangen.

- Ja, laß uns anfangen, - sagte ich.

Dies ist das letzte, was ich mit Worten beschreiben kann. Es war aber richtig, was er gesagt hatte: ich verschwand zu einem Nichts und dehnte mich gleich­zeitig unendlich aus. Ich war ganz ich selbst und gleichzeitig war ich gar nicht. Ich tanzte über allem und war gleichzeitig in tiefster Ruhe. Ich fühlte mich seelig, überwältigend seelig, aber gleichzeitig fühlte ich überhaupt gar nichts.

 

488.   - Es ist an der Zeit, - hörte ich die Stimme des Alten.

- Was?

- Es ist an der Zeit, - sagte er wieder.

- Ja, - sagte ich.

- Komm! -sagte er.

- Was? - fragte ich. Ich zitterte, nein, der Alte schüttelte mich. Die Hängemat­te schaukelte.

- Was ist los? - fragte ich.

- Mach die Augen auf! - kommandierte er.

 


489.   Jetzt spürte ich das Flechtwerk der Matte gegen meinen Rücken, ich setzte mich auf, schwang die Beine über die Kante und öffnete die Augen: welch ein Anblick! Die Sonne stieg auf über den fernen Bergketten, rein und klar. Ich #erhob mich auf die Beine und murmel­te:

- Meine liebe, liebe, irdische Sonne! - dann fiel ich langsam vornüber und erwachte auf meinem Sofa in meiner Stube, von welcher alle meine Reisen ausgehen.

Mich fror. Das Feuer war ausgegangen. Ich ging schnell ins Bett. Es dauerte viele Tage, ehe ich die ersten Notizen niederschreiben konnte zu dem Bericht, den du jetzt gelesen hast.


Die Sternwelt

 

A.

490.   Gar nicht so lange danach war ich wieder im Sternland. Ich hatte eben mein Abendbrot gegessen, und indem ich mit dem Teller in meine Küche ging, ging ich geradewegs in die Küche des Alten hinein. Ich stellte den Teller hin und ging zurück, während ich offenbar ein Gespräch fortsetzte:

 

122. - Was war das für ein Loch, was war das für ein Dunkel, das ich erlebte, nachdem alles sternenhell um mich gewesen war, wo ich glaubte, durch den Stern zu #reisen?

- Das war der Stern.

- Das Dunkel? Das Loch?

- Ja. -

Ich verstand gar nichts und fragte:

- Und das gewaltige Licht, durch das ich vorher #reiste?

- War auch der Stern.

- Willst du das erklären?

- Als du deinen Stern als Licht erlebtest, warst du noch in deinem #Sinn. Als du das Dunkel erlebtest, warst du nicht mehr in deinem #Sinn.

 

491.   - Aber ich war ja ... bange? Ich kann das Erlebnis kaum erinnern. Was fühlte ich eigentlich?

- Eben davor und eben danach warst du vielleicht bange, aber im Loch selbst sind keine Gefühle, nichts. Keine Gedanken, reines Sein.

- Ich erlebte keine besondere Seeligkeit oder sowas im 'Loch'.

- Nein, vorher und nachher #überlappen einander so, dass du kaum auf dieses Nichts aufmerksam warst.

- Kann man das? War es das ING*, was ich erlebte?

 


492.   - Ich glaube, dass du im ING warst, aber nicht, dass du es erlebtest. Wenn wir aus dem #Sinn herausgehen und wieder in ihn hineintreten, passieren wir die Schatten des #Sinnes. Oder mit anderen Worten: Selbst wenn wir aus dem Sinn heraus sind, ist unsere untrainierte Aufmerksamkeit noch im #Sinn gefangen, und ehe wir wieder in den #Sinn gehen, ist es unsere gewohnheitsmäßige Erwartung, die Schatten wirft. Viele Menschen erleben ING, ihre Aufmerksam­keit ist aber nicht vorbereitet, nicht darauf trainiert, ohne Gegenstand zu sein.

- Ich kann also meine Aufmerksamkeit trainieren, so dass ich ein anderes Mal vollkommen aufmerksam sein kann, während ich im ING bin?

- Ja. Die Aufmerksamkeit ist aber etwas vollkommen anderes im ING. Was du üben kannst, ist die Bindung der Aufmerksamkeit an den #Sinn loszulassen (zu lösen).

 

493.   - Ich glaube, dass ich mich erschrak. Als wenn ich einen kurzen Augenblick tot war.

- Du warst zwar tot aber auch viel lebendiger als jetzt.

- Es war wie eine Pforte. Ich ging in sie hinein aber nicht durch sie hindurch.

- Ja, die Pforte zwischen ING und TING*. Der leuchtende Stern war TING, in der Pforte #begegnetest du ING.

 

494.   - War das mein Stern?

- Ja, das warst du selbst.

- Ich selbst?

- Ja, dein Innerstes, dein Eigentlichstes. Wie soll ich das sagen? Du bist dein Stern und dein Stern ist du. Es ist aber auch falsch 'dein' Stern zu sagen, genau so wie es verkehrt ist, 'dein' Ich zu sagen, du bist der Stern, du bist das Ich.

- Ich spüre, was du meinst. Ich war also gleichsam zuhause?

- Dein Bewußtsein war 'zuhause'. Du bist immer zuhause, egal wo du dich befindest, ob du tot oder lebend bist.

- Ich will versuchen, das zu verstehen.

 

495.   - Es ist am leichtesten, wenn du dir vorstellst, dass der Stern in dir ist, tief innen in deinem Herzen. Der Stern ist ohne Dimension, er ist überall und nirgends. Es ist der Stern, der die Dimensionen #schafft.

 

496.   - Ich war also gar nicht auf einer Reise weit draußen im Universum?

- Ganz sicher nicht, nein.


- Aber warum dann die ganze Szenerie mit den Hänge­matten und dem Nach­thimmel?

- Der #Sinn verlangt das. Damit der#Sinn auf Reisen gehen kann, muss er glauben, dass er sich in Zeit und Raum bewegt.

497.   - Welch eine Zauberei! Was mit den anderen Dingen, die ich sah?

- Woran denkst du?

- An die Tiere, meine Eltern, alle die Worte und Formen, denen ich begegnete. Sind die auch nur in mir, oder sind sie objektiv, real, außerhalb von mir?

- Sowohl als auch.

- Du verwirrst mich.

- Dann nimm diesen Kuchen! - sagte er und reichte mir etwas, was wie ein #Vanillekranz(-gebäck) aussah. - Was ist da in der Mitte?

- Ein Loch.

- Was ist im Loch?

- Luft.

- Was ist um den Kuchen herum?

- Luft.

- Wenn ich dich also frage: ist die Luft in oder um den Kuchen, was antwortest du? -

Ich grinste: - Sowohl als auch.

 

498.   - Da kannst du sehen! - sagte der Alte, - aber iß ihn jetzt. Kau ihn gut. Schluck ihn spät. Dann empfängst du alle Kraft von ihm.

- Ist es denn ein besonderer Kuchen?

- Er ist vom Erntefest. -

Ich tat, wie der Alte gesagt hatte, und langsam fühlte ich mich viel stärker und ruhiger, #als da ich gerade gekommen war#. Es dauert gerne eine Weile, ehe ich mich daran gewöhnt habe, im anderen Land zu sein. Ich fragte:

 

499.   - Willst du mir von den Pflanzen und Tieren erzählen?

- Du erlebtest die Pflanzen und Tiere, ihnen selbst aber bist du nicht be­gegnet.

- Ihnen selbst nicht? Wem bin ich dann begegnet?


- Du warst im Unphysischen, dem Unsichtbaren, und dort trafst du ihre Sterne.

- Traf ich Pflanzen- und Tier-Sterne?

- Ihre unphysische Form, ihr Wesen, wie es aussieht, ehe sie sich mit dem Licht der Erde vermischen und ihre unzähligen Nachkommen #zeugen.

 

500.   - Will das besagen, dass alle Blumen nur einen Stern haben?

- Jede Pflanzen- und Tierart hat ihren eigenen Stern.

- Haben alle Menschen auch nur einen Stern?

- Nein, wir haben jeder unseren eigenen Stern.

- Wie kann das sein?

- Menschensterne haben gewählt, nur einen Körper auf der Erde zu haben. Die Sterne der anderen Wesen haben gewählt, viele Körper auf der Erde zu haben. Laß uns im Augenblick davon absehen, warum das so ist.

 

501.   - Die Blume, der ich begegnete, kannte ich gut. Es war ...

- Nicht den Namen nennen! Nicht einmal mir gegenüber.

- Was ist #da mit dem Namen?

 

502.   - Ohne Namen ist sie ein Teil von dir. Mit Namen ist sie außerhalb von dir. Es kann ihr schwer fallen, wieder in dich hinein­zukommen, denn der Name wird allzu leicht im Wege stehen!

 

503.   - Aber was soll ich machen, wenn ich sie rufen will?

- Finde deinen eigenen Namen für sie, wenn du sie rufen willst, aber brauch nicht den Namen, den alle kennen!

-- Warum nicht?

- Aus mehreren Gründen. Sie ist nicht ihr Name, sie ist kein Begriff. Und dann beschützt du dich dagegen, dass andere ihn bösartig misbrauchen.

- Kann denn der Name misbraucht werden?

- Ja.

- Wie?

- Das will ich dir ein anderes Mal erzählen, damit du auf der Hut sein kannst.

- Können Menschen denn auf derartige Bosheit #verfallen?

- Vielleicht nicht in meiner Welt, aber in deiner.


504.   - Auf welche Weise ist sie eigentlich meine Pflanze?

- Als du dich entschlosst, auf der Erde geboren zu werden, wurdest du mit dem Stern deiner Pflanze darüber einig, gemeinsam daran zu arbeiten.

- Brauchen alle Menschen eine Pflanze, damit sie auf der Erde geboren werden können?

- Ja. Genau so wie wir ein Tier und die Hilfe vieler anderer Sterne brauchen. Wir benötigen ihre Weisheit, denn sie wissen, wie man das organische Leben zusammen mit Kia #erschafft.

- Wissen wir das denn nicht?

- Wir sind nur kurze Zeit hier, verglichen mit den Sternen der anderen lebenden Wesen. Wir haben #gewählt, es auf diese Weise zu tun - oder vielleicht hat Kia uns darum gebeten. Die anderen Sterne haben eine andere Weise gewählt, ihre Kraft mit Kias Kraft zu mischen.

 

505.   - Arbeiten die Pflanzen-Sterne mit den Tier-Sternen zusammen?

- Ja, und umgekehrt. Es gibt keine Pflanze, die nicht ihren Tier-Stern hat, und keine Tierart, die nicht ihren Pflanzen-Stern hat. Alle arbeiten zusammen, alle helfen einander.

- Könnte mein Rhododendron eine Hummel als ihr Tier haben?

- Das könnte er. Er könnte aber auch den Elephanten im Urwald oder den Heering im Meer haben.

- Das ist verwirrend.

- Zerbrech dir nicht den Kopf damit. Bei uns leben einige Leute, die sehr gut über diese Dinge Bescheid wissen.

 

506.   - Womit hilft meine Pflanze mir? Was geschieht, wenn ich schlecht mit ihr zusammenarbeite? Oder passiert das nicht?

- Doch, das kommt oft vor. Dann kommt dein Körper aus dem Gleich­gewicht, du wirst zu warm oder zu kalt, du verlierst dein Gefühl für das rechte Maß und du weißt nicht, was du essen sollst, wie ud wann und wo du schlafen sollst, und eine Menge andere Dinge. Deshalb wirst du leicht krank und du stirbst #lange bevor du es eigentlich brauchst#.

 

507.   - Und was passiert, wenn ich ein schlechtes Verhältnis zu meinem Tier habe?


- Du weißt nicht, warum du so fühlst, wie du tust, warum du die Sachen machst, die du machst, oder du tust Dinge, die im Widerstreit zu deinen eigenen Interessen stehen. Das Schlimmste ist aber wohl, dass du dich oft von deinem Tier leiten läßt. Du handelst und reagierst, wie dein Tier es tun würde, du siehst durch seine Augen und verstehst deine Erlebnisse aus seiner Sicht.

- Das klingt nicht gut. Kannst du mir ein Beispiel geben?

- Wenn dein Tier eine Maus ist, wirst du in allen Situationen, die du nicht überschauen kannst, ein Loch suchen, in dem du dich verbergen kannst. Und Mäuse können nun mal nicht sehr gut Situationen überschauen. Wenn du eine Kuh hast, wirst du dich vielleicht von allen und jedem melken lassen. Wenn du einen Tiger hast, wirst du vielleicht alle Menschen als deine Beutetiere an­sehen. Denn mit deinen Tier-Augen siehst du nicht die Menschen, sondern ihre Tiere.

 

508.   - Das klingt phantastisch. Dann kann ich besser verstehen, warum ich eine Tendenz habe, meine eigenen Wege zu gehen, alleine, wo es sehr wenig zu sehen gibt.

- Für Menschenaugen ist dort nicht so viel zu sehen, wo dein Tier lebt. Aber für dein Tier ist dort viel zu sehen. Es sieht die Linien, die Kraftlinien, deswegen kann es seinen Weg finden.

- Daran habe ich nicht gedacht.

 

509.   - Finde deinen eigenen Namen für dein Tier, rufe es und sprich mit ihm, leb mit ihm, dann wirst du entdecken, warum du so lebst, wie du's tust, und du kannst lernen, viel besser zu leben.

- Dann bin ich also auf eine Weise meine Pflanze und mein Tier?

- Nein, du bist ein Stern. Aber sie geben dir ... sagen wir mal: einige der Muster, nach denen du auf dieser Erde lebst. So bald du deine Pflanze und dein Tier kennst, und erkennst, dass du nicht sie, sondern ein Menschenstern bist, wirst du dich nicht mehr von ihnen leiten lassen, sondern ihre Kraft und Weisheit für deine menschlichen Zwecke gebrauchen, für dein menschliches Leben.

- Und wenn ich sie nicht kenne und nicht weiß, dass sie mich be­herrschen?

- Dann wirst du deinen Mitmenschen nicht menschlich, sondern tierisch gegenüber sein, auf jeden Fall in einem gewissen Grade.


- Wenn ich einen Tiger als mein Tier habe, werde ich also die Leute fressen?

- Ja, mehr oder weniger.

- Und wenn ich ein Schaf habe?

- Dann wirst du dich scheren und schlachten lassen.

- Klingt schlimm!

 

510.   - Jeder Stern folgt seinem eigenen Gesetz, und wenn man anderen Sternen folgt, ist man auf Abwegen.

 

511.   - Ist das die Quelle der Bosheit unter den Menschen, dass sie nicht ihre Tiere kennen?

- Das ist eine der wichtigsten Ursachen für all die Angst und all die Grausam­keiten, die unter den Menschen passiert. Tiere sehen einander als Tiere. Nur Menschen können einander als Menschen sehen. Nur mit deinem Stern kannst du die Sterne der anderen sehen.

- Wenn alle Menschen ihre Pflanze und ihr Tier kennen würden, würden wir in Frieden mit einander leben können, nicht wahr?

- Es würde viel helfen.

- Was müssen wir tun, um sie kennen zu lernen?

- Das werde ich dir ein andermal erzählen. Du trafst aber doch noch mehr, als nur deine Pflanze und dein Tier?

 

512.   - Ja ... ich traf ja meine Eltern.

- Ihre Bilder.

- Bitte?

- Ihre Bilder. Was du sahst, waren nicht sie selbst. Sie sind Sterne, so wie du und ich. Du sahst ihre Bilder.

- Sie waren so jung und schön, so habe ich sie gar nicht gekannt, als sie noch am Leben waren.

- Die Bilder der Menschen im Unsichtbaren zeigen sie in dem Alter, wo sie am stärksten sind - in ihrer vollen Blüte.

 

513.   - Warum sagten sie, dass ich nicht mehr ihr Kind sei? Ich wurde so furchtbar traurig.

- Weil du im Unsichtbaren nie ihr Kind gewesen bist. Du bist nur im Physischen ihr Kind gewesen, ihr physischer Nachfahr. Sterne sind nicht Kinder von einander!


- Naja, das kann ich jetzt gut verstehen.

- Das konntest du offenbar auch als du sie sahst, denn du bliebst nicht bei ihren Bildern. So weit ich sehen konnte, gingst du gleich weiter.

- Aber begegnete ich ihnen denn nicht? Waren das nicht meine Eltern?

- Doch, durch ihre Bilder bist du ihren Sternen begegnet. Du bekamst aber nichts darüber zu wissen, wo ihre Körper sich jetzt befinden, im Physischen oder im Unphysischen. Sie sagten nichts darüber, womit sie sich jetzt beschäf­tigen. Oder?

- Nein, davon kann ich nichts erinnern. -

 

B.

514.   Ich guckte zum Alten rüber. War er es, der die merkwürdigen Geräu­sche machte, die ich plötzlich hörte? Geräusche wie en Elevator, der auf dem Weg nach unten akzeleriert. Nein, er saß und formte eine kleine Figur aus etwas, was wie Brotkrumen aussah. Er spuckte auf sie und presste sie zusammen, modellierte einen Mann, der aussah, als wenn er etwas in den Armen halten sollte.

- Was machst du da? - fragte ich.

- Eine kleine Figur. Einer meiner Freunde, es ist lange her.

- Was ist lange her?

- Dass er mit diesem Kind auf dem Arm stand.

- Warum hast du Lust, ihn gerade jetzt zu modellieren?

- Weil er neutot ist.

- Ist er beerdigt?

- Nein. Morgen.

- Ist das so eine Figur, wie die, die ich bei der Übergabe* sah?

- Ja. -

 

515.   Das Geräusch wurde stärker und stärker. - Hörst du auch dieses merkwürdige Geräusch? - fragte ich, aber ich konnte kaum meine eigene Stimme hören.

- Was für ein Geräusch?

- Als wenn wir mit rasender Geschwindigkeit fallen. -


Er sah mich aufmerksam an. - Das Geräusch hört gleich auf, - sagte er. Ich hielt mich an der Tischkante fest, so hart wie ich konnte. Mein Kopf sank auf den Tisch, ich streckte die Arme nach ihm aus, als wenn ich um Hilfe bat. Dann wurde es still, und ich sah eine blühende Wiese und begrüßte einige nette Leute, die ich nicht kannte. Etwas weiter weg sah ich einen kleinen Knaben, der in einen uralten Mann mit einem riesen­haften weißen Bart hineinging und wieder herauskam, hineinging und herauskam...

- Was ist das, was ich sehe? Wo bin ich hin gefallen?

 

516.   - Kannst du ihn erkennen? - fragte der Alte und hielt die kleine Figur hin zu mir.

- Nein ... aber das Kind ... nein ... aber ich kann seine Arme an meinem Rücken merken, unter meinem Kopf ... , - ich fuhr auf und setzte mich still wieder hin. Eine gute Zeit lang sagten wir nichts.

- Ich bin durch die Zeit gefallen , - sagte ich, mehr zu mir selbst.

- Durch viele Leben. Der Greis und das Kind. Nun versteh ich sie. - Ich sah auf und schaute in seine unergründlichen Augen. - Habe ich je deinen Freund getroffen, der gerade gestorben ist?

- Ich glaube schon. Warst du nicht draußen beim Eremiten zwischen den Feldern?

- Ja, neulich. Ist er es, der gestorben ist?

 

517.   - Ja. Wie es ihn freute zu sterben!

- Warst du bei ihm?

- Ja. Nein, nicht mit meinem Körper. Wir waren immer beisammen und das werden wir auch immer sein.

- Warum freute es ihn zu sterben?

- Weil er so oft im Himmel gewesen war.

- Im Himmel?

- Ja. Und auf das Erdenleben von dort oben geschaut hatte. Er bekam Lust, ohne Körper zu sein, damit er seine Studien vollenden konnte.

- Will er im Himmel weiterstudieren?

- Aber nein, das war es nicht, was ihn beschäftigte, als er hier im Körper war. Er lauschte der Musik zwischen dem Korn und den Vögeln.

- Der Musik?


- Ja, der Musik, welche die Lerchen und der Wind und die Kiebitze zusammen mit dem Korn und dem Gras und den Büschen machen. Und er sah die schönen Linien zwischen ihnen, Muster in vielen Farben und vielen Dimensionen,

- Du verwirrst mich.

- Aber vom Himmel aus kann er all dies viel besser hören und sehen, und er wird dir und mir viel besser helfen können, das zu sehen, was er sieht.

 

518.   - #Denk, dass er tot ist. Und ich hatte ihn eben erst kennengelernt ...

- Aach, - sagte der Alte, - du hast ihn wohl schon sehr lange gekannt.

- Erklär! - fast schrie ich ihn an.

- Nein, - sagte er und stand auf. - Ich will meine Figur in den Heilighain bringen, willst du mit?

- Ich will lieber nach Hause! - sagte ich, aber ich wußte ja, dass ich nicht so ohne weiteres losreisen konnte, wann es mir passte. Er warf einen großen Umhang um seine Schultern und setzte seinen Hut auf, griff über die Tür nach seinem Stock und ging hinaus. Ich folgte ihm zögernd.

 

519.   Wir redeten nicht mit einander, während wir in der sinkenden Sonne durch die Felder wanderten. Er stellte seine kleine Figur unter den Lebensbaum des Eremiten und wendete sich, um zu gehen. Er sah plötzlich sehr jung aus. Er faßte mich am Arm und mit raschen Schritten gingen wir zu einer Bank in der Nähe.

Er nahm seinen Hut ab und legte ihn auf seine Knie. Im Abendlicht schimmerte sein Haar mit einem rötlichen Glanz. Er ähnelte meinem Sohn. Ein Eichhörnchen kam in zaudernden Sprüngen näher, setzte sich und schaute uns mit sehr klugen Augen an.

 

520.   - Was geschah, nachdem du die Bilder deiner Eltern verlassen hattest? - fragte der Alte, als wenn wir bloß unser Gespräch von vorher fortsetzten. Ich versuchte mich zu sammeln.

- Ich fiel. Und stand dann auf einer Wiese zusammen mit einer Menge Leute, die ich nicht kannte. Und ich sah einen Knaben, der die ganze Zeit in einen Greisen hineinging und wieder herauskam. Was war das für ein Ort?

- Das hab ich dir ja damals gesagt. Bei den Ahnen.


- Meine Vorväter?

- Und Vormütter! Unsere Ahnen!

- Alle die, die vor uns gelebt haben?

- Alle die Erfahrungen, die alle je gemacht haben und je machen werden.

- Aber es waren ja Menschen!

- Du sahst sie als Menschen. Sie sind die Spuren des Lebens, die tausend Wege, die ein Mensch gehen kann.

- Hätte ich meinen eigenen Erfahrungen begegnen können?

- Selbstverständlich. Aber die hast du ja in dir, deswegen wirst du sie schwerlich außer dir sehen können.

- Sind die Ahnen auch Menschensterne?

- Nein, das ist der Ahnen-Stern.

- Der Ahnenstern?

- Sein Körper. Etwas von seinem Körper.

- Ich versteh gar nichts.

 

521.   - Es gibt einen Stern, dessen Körper teilweise aus den Spuren des Menschen­lebens besteht. Wir arbeiten mit dem Ahnenstern zusammen, ehe wir auf der Erde geboren werden können. Wir wählen Lebensspuren von seinem Körper, die wir in unserem Erdenleben mithaben.

- Haben alle Menschen denselben Ahnenstern?

- Ja, aber die Menschengruppen verschiedener Zeiten und verschiede­ner Orte wählen Spuren von verschiedenen Teilen seines Körpers.

- Verschiedene Teile?

- Stell dir den Ahnenstern wie einen Menschen vor. Einige Gruppen nehmen ihre Lebensspuren von den Armen, andere von den Knien, einige vom Bauch. Das gibt ihnen eine gewisse gemeinsame Prägung und das macht es für sie leichter, einander zu verstehen.

- Aber der Körper des Ahnensterns gleicht nicht dem Körper eines Menschen, oder?

- Nein, seinen Körper kann man auf viele verschiedene Weisen sehen. Einige sehen ihn wie ein fernes Land mit einer fernen Kultur. Einige sehen ihn wie eine Reihe Geschehnisse in der Vergangenheit, einige sehen ihn wie ... - er hielt ein.

 

522.   - Wir müssen jetzt wohl lieber heim­gehen, - sagte er.


- Es wird bald zu dunkel für dich, um den Weg zu finden.

- Für mich?

- Ja, ich kann den Weg gut im Dunkeln finden.

- Du kennst ihn ja auch ziemlich gut.

- Ich kann alle Wege im Dunkeln finden, - lächelte er. Wir standen auf und wandten unsere Gesichter (in die Richtung seines Dorfes) #zu seinem Dorf. Über den fernen Häusern sah ich einen Moment die Silhouette von Manhattan gegen den Abend­himmel. Oder war es Rio? Singapore? Ich stolperte über eine Baumwur­zel. Als ich wieder zum Dorf schaute, sah ich nur etwas Rauch von den Schornsteinen und einen Schwarm Wespen­bussarde, die hoch oben kreisten.

 

523.   - Was geschah, nachdem du mit den Ahnen gesprochen hattest?

- Das ist schwer zu beschreiben. Der Stern wuchs die ganze Zeit. Seine Scheibe füllte den ganzen Himmel. Auf der Scheibe sah ich einen Riesenkrie­ger, der zu einem Mönch wurde, der zu einem weinenden Antlitz wurde. Der ganze Himmel war ein weinendes Gesicht! Aber dann wurden die Tränen zu Engeln oder so was .. ja, und dann wurdest du zum leibhaftigen Teufel! Das kannst du doch wohl erinnern? -

Der Alte grinste. - Das waren die Götter. Es war man gut, dass du etwas anderes als nur den Teufel sahst. Der Götterstern hat richtig viele Gestalten.

- Noch ein Stern! Der Götterstern?

 

524.   - Wenn wir von unserem Stern kommen, machen wir uns ein Bild von uns selbst auf der Erde. Ein guter Teil vom Körper des Göttersterns besteht aus diesen Bildern. Wenn wir dann aber von der Erde hinauf­schauen zu unseren eigenen Bildern von uns selbst, sehen sie ganz anders aus. Wir können sie vielleicht gar nicht erkennen, denn jetzt sehen wir sie mit unseren physischen Augen, und die taugen nicht so gut dazu, so etwas zu sehen.

- Auch das ist also ein Stern ...

- Ein sehr freundlicher, sehr hilfsbereiter Stern.

- Das sagst du! Viele Götter sind sehr kalt und fern, oder häßlich und grau­sam! Ich mag auf jeden Fall weder den einen noch den anderen Gott.


- Der Götterstern ist freundlich und zeigt uns unser Bild, so gut wie wir's nur sehen können. Aber von der Erde aus ##und auch noch ein weites Stück hinein ins Jensei­ti­ge## sehen unsere Bilder von uns selbst so enorm groß aus, dass die meisten glau­ben, Gott zu sehen, und dann denken und glauben und handeln sie nach diesem Gott und vergessen, dass sie selber Sterne sind. Das kann viele hässli­che Konsequenzen haben, wie du weißt. Aber das können wir dem Götter­stern nicht ankreiden. Er zeigt uns unsere Bilder, damit wir leichter den Weg heim zu unserer Quelle, zu unserem Stern finden können.

 

525.   - Und was ist mit all den Buchstaben und Wörtern und Formen, die ich sah? Und mit allen den Geräuschen, die ich hörte?

- Auch Sterne. Von denen bekommen wir Formen und #Weisen und eine ganze Menge anderes... Auf eine Weise geben sie uns die Materialien, die wir brau­chen, um ein Bild von uns selbst im Körper des Götter­sterns zu machen.

- Diese Sterne scheinen mir ziemlich abstrakt zu sein, - sagte ich. - Sind sie auch lebende und bewußte Wesen, so wie ich?

- Selbstverständlich, sie sind ja Sterne. Alles ist lebendig.

- Was mit dem Gesetz der Schwere, ist das auch ein Stern?

 

526.   - Das Gesetz der Schwere? Nein. Das habt ihr gewiß selbst gemacht. Aber die Schwerkraft, ja. Das ist der Stern der Anziehung, einer unser allerbesten Freunde.

- Aber der macht ja, dass es anstrengend ist, auf der Erde zu sein!

- Ja, und dass die Dinge fest und stabil sind. Aber du kennst vielleicht nur die eine Seite seiner Kraft?

- Gibt es denn mehrere?

- Die Leichtigkeit. Das ist eine andere Seite seiner Kraft.

- Ist das eine Kraft? Vielleicht ist es die, die ich brauche, um hierher zu euch zu kommen?

- Du musst selbst am besten wissen, wie du das machst. Es gibt viele #Metho­den für's Reisen#.

- Du willst mir nicht helfen, das zu verstehen?

- Ich helfe dir ja die ganze Zeit! - sagte er mit einem Lachen. Ich fühlte mich dumm.

 


527.   - Was passierte dann?

- Wann?

- Als du du alle die Formen und Wörter begrüßt hattest - waren da nicht auch Geräusche?

- Ja, verwirrend viele Geräusche. Laute, die ich überhaupt nicht kenne.

- Und was passierte dann?

- Keine Ahnung. Aber es war so, wie du es gesagt hattest. Ich wurde unend­lich groß und unendlich klein. Gleichzeitig. Ich wußte alles und nichts. Ich fühlte alles und nichts ... Ich weiß, dass das närrisch klingt. Aber ich erinnere, dass ich nie so glücklich gewesen bin wie in diesem Augenblick - obwohl ich überhaupt nichts fühlte. Ich glaube, ich war das Glück selbst.

- Das glaube ich auch. Aber es dauerte nicht nur einen Augenblick!

- Nicht? Wie lange dauerte es denn?

- Vom letzten, was du sagtest und bis ich dich weckte, wurde Mitter­nacht zu Morgen.

- Ich erinnere es wie eine Sekunde oder zwei.

- So ist es in der Pforte zwischen ING und TING.

- ##War es dort, wo ich war##? - (Bin ich dort gewesen?)

 

528.   Der Alte stand still und wandte sich zu mir. Er nahm seinen Hut ab und reichte ihn mir. Ich nahm verwundert den Hut und schaute ihn an. Er glich am meisten einem verschlissenen Cowboyhut. Ich schaute wieder hinauf zum Alten, aber er verschwand aus meiner Sicht. Ich hörte ihn flüstern:

- Mit #unver­strickter Aufmerksamkeit, mit #un­verstrickter Aufmerksamkeit! - Ich sah wieder runter auf den Hut. Ich stand mit meinem Teller in der Hand auf dem Weg zu meiner Küche.


Über die

Fruchtbarkeit

 

A.

529.   Ich stand und betrachtete meinen Garten. Der Sommer war feucht und warm gewesen. Der Anblick war mir eine Freude. 'Dann bin ich doch wenigstens an einer Stelle gut zur Erde', dachte ich.

Eine muntere Bachstelze fing meine Aufmerksamkeit. Mit blitzschnellen Be­wegungen haschte sie Insekten, die so klein waren, dass ich sie gar nicht erblicken konnte. Ihr Männchen hüpfte ein paar Meter von ihr entfernt. Ich konnte merken, dass die eine genau wußte, wo die andere war. Mein #Sinn glitt einen Augenblick zwischen die beiden, hinein in ihre Gemeinsamkeit.

Als ich wieder aufsah, stand der Alte drüben beim Grünkohl und stützte sich auf eine Hac­ke, als wenn er sich beim Jäten ausruhte. Ich ging zu ihm und sagte:

 

530.   - Erzähl mir was über die Erde!

- Meinst du die Minerale?

- Nein, den Mutterboden.

- Im Mutterboden mischen alle Sterne Kraft mit Kias Kraft.

- Nur im Mutterboden?

- Nein, aber im Mutterboden finden die physischen Sterne Halt und Nahrung.

- Hier sind aber auch noch andere Sterne #tätig?

- Viele andere.

- Welche Sterne sind auf diesem Feld tätig?

- Willst du haben, dass ich sie alle nenne?

- Nein, nur die, die für dieses Feld speziell sind.

- Alle Tier- und Pflanzensterne?

- Nein, nur die unsichtbaren.

 

531.   - Es gibt keinen Stern, der speziell für dieses Feld ist. Aber das ganze Land hier ist die Wohnung unseres #Landriesens*. Und ein spezieller Teil des Landri­esens ist speziell für dieses Feld, ein ganz kleiner Teil.

- Was ist ein Landriese?


- Ein Stern dessen Körper aus all den Kräften, die sich hier mischen, besteht. Der Landriese gibt ihnen eine gemeinsame Gestalt und eine gemeinsame Form.

- Wenn es hier keinen Landriesen gäbe, wie würden die Kräfte sich dann äußern?

- Chaotisch, willkürlich, ohne Zusammenarbeit.

- Welcher Teil des Landriesen hat die Leitung hier? -

Der Alte hob die Schultern. Fragte ich zu viel? Oder zu schnell, zu unbedacht? Aber er antwortete geduldig:

- Schwer mit Worten zu sagen. Du musst das spüren. Der Landriese ist nicht so, dass man sagen könnte: hier ist sein Arm, hier sein Kopf und hier sein Bein. Er hat seine eigene Form.

 

532.   - Welchen Vorteil habt ihr davon zu wissen, dass es hier einen Landrie­sen gibt?

- Wir können mit ihm zusammenarbeiten.

- Und wenn ihr nicht mit ihm zusammenarbeitet?

- Dann kommen wir leicht in Widerstreit mit ihm.

- Was wird das mit sich führen?

- Unfruchtbarkeit, Krankheit. Unzufriedenheit.

- Wie kann ich dazu kommen, den Landriesen zu sehen?

- Schau dir die Landschaft an, ihre Formen, ihr Leben, ihr Wetter, ihren Wind und ihr Wasser. Sei auf die Linien in der Landschaft aufmerksam.

 

533.   - Die Linien? - Erst jetzt entdeckte ich, dass ich nicht mehr zu Hause in meinem eigenen Garten war, sondern auf Besuch im Sternland. Das ganze wirkte aber so vertraut, dass ich ganz unbeschwert ind die Situation hineinglitt.

Der Alte schaute wie träumend über das Land:

- Viele Linien. Verläufe. Rhythmen.

- Willst du mich lehren, sie zu sehen?

- Ich kann dich auf sie aufmerksam machen. Du musst sie aber selbst sehen, wahrnehmen.

 

534.   - Welche Linien sind die wichtigsten?

- Du fragst immer, was das Wichtigste ist. In einer Heilheit ist alles wichtig.


- Ich kann sehen, dass eure Felder nicht viereckig wie bei uns zu Hause sind. Gibt es einen Grund dafür?

- Die Felder folgen so weit möglich den Fruchtbarkeitslinien.

- Was für Linien sind das?

- Die sind so ein bißchen wie die Nervenbahnen im Körper des Landrie­sen. Sie schlängeln und buchten sich und können sich leicht im Laufe der Zeit verlagern.

- Ist es besonders fruchtbar dort, wo diese Linien laufen?

- In der Regel. Da ist viel Frieden entlang dieser Linien.

- Frieden?

 

535.   - Ja, eine Lerche, die ihr Nest auf solch einer Linie baut, wird schwerlich ihre Jungen aufgefressen kriegen. Ein Tier, dass sich auf einer Friedenslinie ausruht, wird kaum angegriffen werden.

- Aber die Tiere fressen doch einander!

- Weil sie sich nicht auf einer Friedenslinie befinden oder weil sie sich ver­scheuchen lassen.

- Was hat Frieden mit Fruchtbarkeit zu tun?

- Frieden ist Fruchtbarkeit, die Harmonie der Kräfte.

- Und entlang dieser Linien sind die Kräfte am meisten in Harmonie?

 

536.   - Entlang dieser Linien begegnen sich die Sterne auf die vollkommenste Weise. Für die Sterne sind die Linien keine Linien, sondern Orte. Ihr Raum ist anders als unser.

- Und diese vollkommene Begegnung nennst du Frieden und Frucht­barkeit?

- Ja. Tust du das denn nicht?

- Darüber hab ich nicht nachgedacht. Das klingt richtig. Aber wie kann es dann sein, dass Leben anderswo als auf diesen Linien wächst?

- Die Wachstumslinien sind wie die Gipfel der Berge. Unter den Gipfeln breiten sich die Berge aus. Sie sind wie Frostlinien im Wasser. Um diese Linien bildet sich das Eis.

- Also breitet sich die Fruchtbarkeit von diesen Linien in die Lands­chaft aus?

- Ja, dorthin, wo Fruchtbarkeit sein kann, wo Wachstum stattfinden kann.

- Und dann steigert ihr mit eurer Landwirtschaft die Fruchtbarkeit des ganzen Landes?


- Ja. Aber die unfruchtbaren Stellen sind auch nötig.

- Warum?

 

537.   - Auf diesen Stellen halten sich andere Wesen auf. Wesen, die auf ihre Weise die Fruchtbarkeit steigern. Die Fruchtbarkeit einer Landschaft ist nicht nur das Wachstum von Pflanzen und Tieren.

- Also keine Fruchtbarkeit ohne Unfruchtbarkeit?

- Wo das Leben lebt, muss es Orte geben, wo es ruhen kann.

- Was passiert, wenn wir uns bestreben, jeden Flecken in der Lands­chaft fruchtbar zu machen?

- Wir würden die Fruchtbarkeit mindern.

- Wo sind die unfruchtbaren Stellen hier?

- Die Wege, die Plätze, die Gebäude. Dort wo die Pferde ihr Sandbad nehmen. - Er zeigte mit ausholenden Bewegungen über das Land. - Wo Steine liegen. Rund umher.

- Na so, ja. Aber warum schlängelt der Weg sich? So weit ich sehen kann, könnte er geradeaus gehen.

- Er folgt der Unfruchtbarkeitslinie, der Ruhelinie.

- Unglaublich! Könnt ihr diese Linien sehen?

- Die einen mehr als die anderen. Die Scheune dort drüben steht auf einer Ruhestelle.

- Was mit dem Schuppen dort hinten? Er ist am Einfallen.

- Der Platz hört auf, eine Ruhestelle zu sein. Bald soll dort ein Treibhaus stehen.

- Auch die unfruchtbaren Stellen verlagern sich?

- Die Grundwasserlinien, die Lebenslinien, alles verlagert sich. Die Landschaft, der Landriese ist lebendig.

- Bei uns reden viele über Erdstrahlen und dergleichen. Viele von ihnen sollen schädlich sein. Kennt ihr sie?

- Nichts ist schädlich, außer den Kräften, denen wir entgegenarbeiten.

 

538.   - Was geschieht, wenn ich mein Haus auf einer Fruchtbarkeitslinie baue?

- Deine Topfpflanzen werden über alle Erwartung gut gedeihen, du wirst viele Kinder kriegen, dein Haus wird voll von Insekten und anderen Viechern sein, du wirst wohl viel zu wenig Ruhe haben.

- Das wäre also keine gute Idee.


- Gut für junge, schlecht für alte. Bau lieber auf einer Ruhestelle und zeug deine Kinder an einem fruchbaren Ort.

 

539.   - Gibt es Stellen, die besonders gut für die Zeugung von Kindern sind?

- Ja. Die Freudenstellen.

- Wo liegen die?

- Das möchtest du wohl wissen! Willst du denn Kinder hier zeugen?

- Neh, nein. Baut ihr spezielle Häuser dafür?

- An einigen Stellen stehen da kleine Hütten, andere Stellen sind unter einem Baum oder an einem Bach. Unser Zelthaus steht an solch einer Stelle.

 

540.   - Was ist ein Zelthaus?

- Das Haus, wo wir unsere Fruchtbarkeitsrotas machen, wo wir unsere Frühlings- und Herbstfeste feiern.

- Wo liegt das? Habe ich es gesehen?

- Vielleicht. Im Südwesten. Zwischen den Feldern.

- Beinahe südlich vom Westwald?

- Ja.

- Ich habe es gesehen. Kein Weg führt dorthin. Ich habe nie einen Menschen dort gesehen. Ich dachte es wäre ein Haus, das ihr einfach verfallen ließt.

- Verfallen lassen? Aber nein!

- Ich hab es nur auf Abstand gesehen, - sagte ich entschuldigend.

- Es führen ziemlich viele Pfade zu ihm hin. Aber wir sind nicht so oft da.

- Warum liegt es dort draußen zwischen den Feldern, ganz alleine?

- Weil das der beste Platz ist.

- Warum ist er das?

 

541.   - Da treffen alle die großen Fruchtbarkeitslinien sich, genau wie sich hier viele Kraft­linien im Körper treffen, - und er zeigte auf seinen Solar-Plexus.

- Eine bestimmte Stelle im Körper des Landriesen?

- Das kannst du gut sagen. - Er lächelte.

- Also ein sehr fruchtbarer Platz?


- Sowohl als auch. Wenige Wesen würden dort über längere Zeit gedeihen. Dort findet der größte #Austausch zwischen der Erde und den Sternen, die hier ihren Körper haben, statt.

- Eine Art Kommandozentrale? - fragte ich. Er sah mich verwundert an. Es sah aus, als wenn er versuchte zu verstehen, was ich meinte. Dann sagte er:

- Welch ein sonderbares Wort! Nein, wie ein Baum. Die Wesen auf der Erde sind wie die Wurzeln. Die Sterne im Himmel wie die Krone. Die Kraft fließt hinauf und hinunter.

 

B.

542.   - Hat euer Fruchtbarkeitsrota einen Einfluß auf die Fruchtbarkeit?

- Einfluß?

- Ja, beeinflußt es die Fruchtbarkeit? Wird eure Ernte größer?

- Größere Ernte? Du meinst mehr Korn, mehr Tiere?

- Ja.

- Wir sind nicht an größeren Ernten interessiert.

- Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Macht ihr Fruchtbarkeitsrituale, die nicht wirken?

- Das hab ich doch nicht gesagt. #Unsere Ernte wird besser für uns#.

- Besser? Ist das eine Methode zur Pflanzenveredlung?

 

543.   - Nein, besser, weil unsere #Ernte bessere Nahrung für die Menschen ist. Wir treten in Wechselwirkung mit der Fruchtbarkeit. Wir werden ein Teil von ihr, sie wird ein Teil von uns.

- Wie macht ihr das?

 

123. - Wir öffnen uns ganz unserer Fruchtbarkeit, wir gehen ganz in sie hinein, wir lassen sie ganz frei fließen.

- Vom Himmel zur Erde?

- Zwischen unserem Stern und der Erde, in beiden Richtungen.

- Aber wie tut ihr das? Was braucht ihr dazu?

- Musik, Tanz, Lieben.

- Nichts anderes? Keine Gebete? Keine Anrufungen, Beschwörungen?

- Das sind wir ja selbst.

- Was?


544.   - Wir sind Gebet, Anrufung, Beschwörung.

- Kein Opfer für die Götter? Keine Abmachungen zwischen euch und den Geistern der anderen Wesen?

- Wir sind das Opfer. Die Abmachung ist in uns.

- Ich verstehe nicht. Bei uns bringt man Opfer und trifft Abmachun­gen, so weit ich gehört habe.

- Denk an die Musik!

- Was meinst du?

 

545.   - Was ist Musik? Eine Begegnung zwischen der Luft und dem Körper. Die Luft gibt dem Körper Leben, wenn du Flöte spielst. Der Körper gibt der Luft Leben, wenn du Trommel spielst. Und wenn das Sternenlicht deinem #Sinn begegnet, entsteht Musik.

- Was hat das mit Fruchtbarkeit zu tun?

 

546.   - Die Fruchtbarkeit entsteht aus der Begegnung, die Musik entsteht aus der Begegnung, der Tanz entsteht aus der Begegnung, das Lieben entsteht aus der Begegnung.

- Aus welcher Begegnung? Du verwirrst mich!

- In der Begegnung zwischen dem Feinen und dem Groben, der Ruhe und der Bewegung, dem Ohr und der Zunge.

- Ich bin es nicht gewohnt, so an die Fruchtbarkeit zu denken. Bei uns gilt eine Gegend als fruchtbar, wenn dort viele Pflanzen wachsen, viele Tiere und Menschen leben können.

 

547.   - In einer ewig fließenden Welle vereinigen sich der Gott und die Göttin auf der Erde. Weil sie ihre Körper vereinigen gibt es die große Vielfalt des Lebens in allen seinen Formen. Weil sie mit einander lieben, stützen und helfen alle Wesen einander. Der eine gibt sich dem anderen, sie geben sich einan­der. Du kannst das Lieben und seine Frucht nicht in Menge messen. Aber du kannst erleben, wie gut sie ist.

- Ist Lieben und Fruchtbarkeit das selbe?

- Gutes Lieben ist gute Fruchtbarkeit. Gesundheit gibt Gesundheit.

 

548.   - Was meinst du damit, dass ihr ganz in der Fruchtbarkeit seid, wenn ihr tanzt, Musik macht und liebt? Ich versteh das nicht.

- Die Fruchtbarkeit entsteht, wenn die Kraft der Sterne ungehindert zur Erde strömt.


- Und das tut sie, wenn ihr liebt und tanzt?

- Wenn unsere Hingabe groß genug ist.

- Und auf die Weise mischt ihr eure Fruchtbarkeitskraft mit den Frucht-barkeitskräften auf der Erde?

 

549.   - Wir werden ein Teil der ganzen Fruchtbarkeit. Das ist gut für uns und unsere Erde.

- Wie wird eure Ernte davon besser?

- Sie eignet sich besser als Menschennahrung, wir eignen uns besser, von ihr ernährt zu werden.

- Ein Zusammenspiel?

- Ein Zusammenspiel. Ernährung ist ein Prozeß. Nur wenn wir ganz in den Prozeß hineingehen, kann der Prozeß und seine Teile besser für uns werden.

 

550.   - Wie geht ihr ganz in den Prozeß hinein?

- Dadurch, dass wir ganz in die Fruchtbarkeit hineingehen und in ihr aufgehen. Dadurch, dass wir uns mit allen den Wesen, die hier leben, vereinigen. Da­durch, dass wir ganz mit dem Strom des Lebens gehen.

- Auf diese Weise wird eure Landwirtschaft fruchtbarer?

- Das ganze Land wird fruchtbarer. Wenn wir Menschen nicht hier wären, würden die anderen Wesen in einer ausgewogenen Harmonie mit einander leben. Wir aber können und müssen wählen, ob wir in diese Harmonie eingehen wollen oder nicht. Wenn wir das nicht tun, zerstören wir unser Leben und das Leben aller Wesen, die hier leben. Chaos und Krankheit und Not entstehen.

- Und indem ihr tanzt, könnt ihr ganz in diese Harmonie eingehen?

- Wenn wir Hingabe genug haben. Wenn wir uns der Begegnung zwischen unserer Kaft und Kias Kraft hingeben, entsteht der Tanz, das Lieben, die Musik.

 

551.   - Warum nicht stillsitzen und meditieren?

- Weil Fruchtbarkeit Bewegung ist. Die Stille und die Meditation sind im Tanz #(enthalten). Gerade das ist ja die Hingabe.

- Was geschieht, wenn ich ohne Hingabe tanze?

- Dann bist du nicht in der Bewegung, sondern in der Zeit.

- Und wenn ich ganz still sitze und meditiere?


- Dann bist du nicht in der Bewegung, sondern im Raum.

- Was will das sagen, in der Bewegung zu sein?

 

552.   - Nicht in der Zeit sein, nicht in dem Raum sein, sondern in dem, was sich als Zeit und Raum ausdrückt.

- Was hat das mit der Fruchtbarkeit zu tun?

- Es ist wie das Lieben. Nicht Frau sein, nicht Mann sein, sonder Lieben sein.

Nicht geben, nicht nehmen, sonder lieben.

- Wieso hat das mit der Fruchtbarkeit zu tun?

- Das, was in der Bewegung ist, bewegt sich in der Stille und ist still in der Bewegung.

- Ist das Fruchtbarkeit?

- Das ist Lieben, wenn Zeit und Raum sich vereinigen. Das ist Huan.

- Und das geschieht, wenn ihr tanzt?

- Das kann geschehen, wenn wir tanzen.

 

553.   - Ich habe euch tanzen gesehen. Viele scheinen in einer Ekstase zu sein.

- Ekstase? Was ist das?

- Außer sich zu sein.

- Außer sich? Nein, ich glaube, dass sie innen in sich sind, in ihren Bewegun­gen, ihrer Kraft auf der Erde. So erlebe ich das. Unseren Tanz gibt es nicht. Er entsteht.

Unsere Musik gibt es nicht. Sie entsteht.

Unser Lieben gibt es nicht. Es entsteht.

 

554.   - Wenn ihr bei euren Rotas mit einander liebt, liebt ihr also eigentlich mit der Erde.

- Wenn wir mit einander lieben, lieben wir mit allen den anderen Wesen, die mit der Erde lieben.

 

555.   - Ich habe gehört, dass ihr Erde zu euren Fruchtbarkeitrotas bringt und Erde wieder mit zurückträgt. Welche symbolische Qualität hat das?


- Keine, glaube ich. Du kannst allen Handlungen die Qualitäten zuschreiben, die du willst. Die gewaltigen Kräfte, die bei unseren Rotas zugegen sind, erfreu­en jedes Atom in meilenweitem Umkreis. Die Wirkung unserer Hand­lungen ist ohne Grenzen. Die Erde, auf der wir getanzt haben, das Wasser, dem wir die #Laute gegeben haben, das Lager, auf dem wir geliebt haben, ist so voller Vereinigung, dass wir sie als heilig betrachten. Weißt du nicht, dass die Asche von unserem Liebeslager eine der besten Gaben ist, die wir unseren Pflanzen und Tieren und einander geben können?

- Nein. Warum Asche?

- Das Feuer des Rotas vereint sich mit den Spuren unserer Hand­lungen. Gemischt mit dem heiligen Wasser und einer Handvoll von dieser heiligen Erde ... kannst du ahnen #(erfühlen), was wir unseren Feldern geben?

- Das glaub ich schon. Ich kann mir auf jeden Fall ausrechnen, dass das starke Sachen werden können. Wenn die Kraft also wirklich in dieser Mischung ist und ihr sie über euer ganzes Land verstreuen könnt.

- Wenn deine Augen die Kraft sehen können, wirst du sehen, dass ich die Wahrheit sage.

 

556.   - Wie kann ich die Kraft sehen?

- Siehe nicht mit deinen Augen, siehe durch sie hindurch. Siehe mit dem was sieht. Laß nicht die Augen sehen, sondern laß den sehen, der sieht. -

Ich sah zum Horizont. Ich versuchte zu sehen, ohne mit den Augen zu sehen.

Ich sah meinen eigenen Garten und sah, dass da viel Unkraut zwischen den Reihen wuchs. 'Dann muss ich wohl lieber bald anfangen zu jäten', dachte ich. Damit ging ich zur Scheune nach meiner Hacke. Plötzlich merkte ich, dass ich nicht mehr beim Alten war. Ich fühlte mich merkwürdig verlassen.

Am Abend schrieb ich all das nieder, was du jetzt gelesen hast.


Im Rotahaus

 

A.

557.   Heute Nachmittag war ich in der alten Scheune, um mein Brennholz zu stapeln. Als ich halbwegs fertig war, setzte ich mich auf den Haublock, um mich auszuruhen. Ich schaute durch die Pforte und lauschte dem unregelmäßigen Trommeln des Regens auf dem Dach.  Mit den Augen folgte ich den Tropfen, die draußen in die Pfütze fielen. Es war als wenn sie die Oberfläche trafen, wieder hochsprangen und abermals runter fielen. Ein kleiner Tanzschritt, ehe sie sich zu Ruhe legten, ehe sie von tausend anderen Tropfen #bedeckt wurden, die auch aufhüpfen und zur Ruhe fallen würden. So ist das Leben, dachte ich: platsch, ein kleiner Sprung, und dann nichts mehr. Aber welch ein Sprung!

Die Sonne brach oben im Südwesten hervor und liess die hüpfenden Tropfen und die gekräuselte Oberfläche der Pfütze strahlen und glitzern. Ich starrte gedankenleer vor mich hin und sah Muster nach Muster entstehen und verschwinden, als wären sie Noten, ganze Partituren für die Musik des Regens auf dem Dach.

Der Alte ging draußen vorbei. Ich erhob mich und ging ihm nach. Der Regen hielt auf. Auf der anderen Seite der Pfütze war die Erde trocken. Ich befand mich im Sternland. Vor mir sah ich das große runde Gebäude im Dorf meiner Freunde. Ich holte den Alten ein. Er war überhaupt nicht erstaunt, mich zu sehen. Ich sagte:

 

558.   - Das ist aber ein großes Gebäude!

- Das ist so groß, weil wir oft sehr viele bei unseren Rotas sind.

- Da ist ja Platz für viel mehr Leute als in eurem Dorf wohnen.

- Wir mögen uns gerne versammeln. Manchmal kommt die halbe Gegend hier­her.

 

559.   - Warum ist es rund?

- Die Welt ist rund.

- Und das Dach?

- Das ist rund weil der Himmel rund ist.

- Die Himmelswölbung?


- Ja. Das ist ganz einfach.

- Es ist aber nicht sehr hoch.

- Es ist nicht weit zum Himmel.

 

560.   - Da sind viele Portale.

- Viele? Fünf sind doch nicht viele.

- Gibt es einen Grund dafür, dass es grade fünf sind?

- Fünf Menschenzeichen, in der Mitte vereinigt.

- Wie?

- Komm rein und sieh dir's an! -

 

124. Wir gingen in die Mitte des großen Hauses. Alle fünf Portale waren offen. Zu jedem Portal führte draußen ein gepfla­sterter Gehsteig, der innen ein Stückchen fortsetzte, bis er auf eine kleine Pforte in (der Mitte) einer niedrigen Mauer traf. Die Mauer war nicht höher, als dass man bequem auf ihr sitzen konnte. Je zwei der fünf Mauern mit den Pforten berühr­ten einander, wo sie an die Außenmauer stießen. Auf diese Weise bildeten sie ein Fünfeck in dem runden Raum. Innerhalb der Mauern war eine ringförmige Vertiefung, eine Art Rinne, nicht tiefer als eine Handsbreite, nicht breiter als ein halber Schritt. Die ringförmige Rinne berührte die Mauern dort, wo die Pforten waren.

- Kannst du die Menschenzeichen sehen?

- Nein.

- Sie haben dieses Ring gemeinsam. - Er zeigte auf die Rinne.

 - Die Mauern sind die fünf Querbalken, die Steige sind die fünf senkrechten Striche. - Jetzt konnte ich es sehen.

- Ich dachte, dass hier fünf Menschenzeichen sein würden. Ich kann aber sehen, dass das ein Kreis mit fünf Stielen ist, sozusagen.

- Ich sagte ja, dass sie in der Mitte vereinigt sind.

- Na, so meintest du das. Das ist schön und einfach.

 

561.   Warum ist da das Loch in der Mitte des Daches?

- Damit der Rauch rauskommen kann.

- Macht ihr denn Feuer hierdrinnen?

- Hier wo wir stehen, brennt das Mittelfeuer.

- Aber das hier ist ja ein Holzboden! Ich sehe keine Feuerstelle hier.


- Das Feuer brennt auf einem Mosaik von Steinplatten, das wir auslegen.

- Na klar. Ich kann Rauchspuren oben an der Decke sehen.

- Wohlriechender Rauch. Wohlriechender Russ. Der wird für vieles gebraucht.

- Zu was?

- Einige Leute schreiben ihm starke heilende Kraft zu. Wir brauchen ihn auch zum Maskenmalen.

 

562.   - Warum sind da diese Plattformen oben in den Ecken? Ich sehe auch eine über dem nördlichen Portal. Wozu braucht ihr die?

- Manchmal stehen Leute dort oben und sagen Worte oder singen Lieder.

- Gleichzeitig?

- Gleichzeitig und abwechselnd.

- Und die eine da im Norden?

- Die nennen wir den Liebeshimmel.

- Warum das?

- Das kriegst du zu sehen, wenn du zu unseren Rotas kommst.

 

563.   - Wann ist das nächste Rota?

- Heute abend.

- Ich hoffe, dass ich so lange bleiben darf.

- Du bist willkommen!

- Danke. Aber ich weiß ja nie, wann ich plötzlich wieder zu Hause bei mir selber bin.

- Kannst du das nicht selbst bestimmen?

- Überhaupt nicht. Warum gibt es keine Fenster in eurem heiligen Haus? Unsere Kirchen haben Mengen von Riesenfenstern. In der Regel.

 

564.   - Ursprünglich hatten wir keine Häuser, sondern Zelte. Zelte haben keine Fenster. Wenn wir hinausschauen wollen, gehen wir zu einem Portal.

- Wir haben Bilder und Statuen und ein Altar oder mehrere. Hier sehe ich nur Ornamente und diese schönen Mauern aus Stein.


- Statuen und Bilder? Von wem oder von was? Dieses Gebäude ist eine Statue und ein Bild! Wir Menschen sind Statuen und Bilder genug. Und dann die Feuer, die Fackeln! - Erst jetzt schenkte ich den vielen Säulen Aufmerksam­keit, die in einer guten Mannslänge Abstand auf den Mauern und bei den Pforten standen. Sie waren nicht höher, als dass ein erwachsener Mann zu ihrem #oberen Ende# hinaufreichen konnte. Große und kleine Löcher waren in ihnen, Rußstreifen zeigten deutlich, dass sie als Fackelhalter gebraucht wurden.

 

565.   - Braucht ihr nie Statuen?

- Zu einigen Rotas machen wir welche. Zu anderen holen wir sie rein. In der Regel machen wir selbst mit unseren Körpern die Statuen und Bilder, zu denen wir Lust haben.

- Und wo sitzt ihr?

- Auf dem Boden und auf den Mauern. Einige nehmen ihre Schemel, andere ihre Teppiche mit.

- Dies ist ein sehr schöner und sehr ruhiger Raum. Ich kann

be­ibleiben, den Ornamenten mit den Augen zu folgen.

- Es freut mich, dass du ihn leiden magst. Willst du etwas bleiben? Oder sollen wir gehen?

- Laß uns gehen. Ich hoffe, dass ich bald wiederkommen darf. - Ich wendete mich zu dem Portal, durch das wir hereingekommen waren, aber dann fragte ich:

 

566.   - Sind die Portale nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet? Bei uns pflegt der Eingang im Westen zu sein.

- Dieses Portal liegt im Südwesten, dieses im Nordwesten, dieses im Norden, dieses im Nordosten und dieses im Südosten.

- Warum sind da gerade fünf?

- Das will ich dir ein ander mal erzählen, vielleicht entdeckst du es.

 

567.   - Ich fing an zu gehen. Er streckte die Hand nach mir aus, zog mich sanft an sich und küßte mich leicht auf den Mund. Mir wurde ganz merkwürdig zu Mute.

- Danke. Warum küßt du mich?

- Weil alle, die das erste Mal hier unter den Himmel in der Mitte des Raumes kommen, einen Kuß kriegen. Hätte ich ein Mädchen bitten sollen, mit uns hierher zu kommen? - Er sah mich neckend an.


- Nein, bestimmt nicht, so war das nicht gemeint, - sagte ich. Er nahm mich an die Hand und führte mich aus dem südöstlichen Portal.

 

568.   - Hör, - sagte ich und stand still, - was bedeutet das Zeichen? Ich finde, dass es überall in den Ornamenten wiederkehrt, - und ich zeigte auf die Wand des Rotahauses. Es war eine Art aufrechtstehendes X, bloß mit einem Strich im Knotenpunkt. Es sah am ehesten wie ein Y aus, das mit einem umgekehrten Y unter sich verbunden war.

- Das ist das Zeichen für den Lebensbaum, - antwortete der Alte.

- Bei uns wird es in verschiedenen Formen als dekorativer Maueranker und anderswo gebraucht, - sagte ich. - Aber wir verbinden nicbts Besonderes mit ihm. Vielleicht haben wir einmal gewußt, was es bedeutet.

- Bedeutet und bedeutet, - sagte der Alte, - das Zeichen erinnert uns an den Lebensbaum. Krone, Stamm, Wurzel. Das ist doch einfach, nicht?

- Ja, - sagte ich. - Ich glaubte, dass es etwas bestimmtes bedeutet.

- Es bedeutet nichts, aber es erinnert uns an verschiedene Dinge.

 

569.   - Eine Art schematische Darstellung?

- Tja, das kannst du gut sagen. Die obere Verzweigung erinnert uns an die Eierstöcke der Frau, der Strich unter ihnen erinnert uns an ihr Geschlechts­organ. Die untere Verzweigung entspricht den Hoden des Mannes und der senkrechte Strich darüber seinem Geschlechtsorgan. Ein Zeichen für die geschlechtliche Vereinigung.

- Mit der beschäftigt ihr euch viel.

- Findest du? Mit der Empfängnis?

- Was ist denn an der Empfängnis so besonders?

- Der Anfang! Alles ist Anfang! -

 

B.


570.   Ich wunderte mich. Ich kam an ein chinesisches Weisheitsbuch zu denken, worin #da steht: 'Der Weise sieht auf den Anfang'. Und ich kam an einen indischen Weisen zu denken, der gesagt hatte: 'bleibe im Anfang!' Und ich dachte an das Gleichnis mit den Lilien auf dem Felde, und dachte: vielleicht war das sein Sinn? Nur wenn man im Anfang bleibt, denkt man nicht an den morgigen Tag?

 

571.   - Sei im Anfang! - sagte der Alte, als wenn er meine Gedanken kannte, - dann bist du zeitlos. Nur der Abschluß gibt uns die Zeit. Der Abschluß ist Vergan­genheit und mit der Vergangenheit beginnt die Zukunft.

 

572.   - Ich glaube, dass ich es eben vorher beinahe verstand. Aber gibt es mehr Bedeutungen?

- Siehe im Zeichen was du willst. Es ist das Zeichen für die Frucht­barkeit, für den ganzen Menschen, für unsere Fähigkeit, die Grundlage für ein neues Leben zu erschaffen.

- Aber du sagst, dass das Männliche hinaufstrebt, während das Weibliche sich herabsenkt?

- So hat die Natur den aufrechten Menschen geschaffen. Aus der Wurzel erhebt der Stamm des Baumes sich, durch die Blätter und die Zweige empfängt er das Licht. Wir erheben uns aus der Erde und empfangen die Kraft des Himmels.

- Erinnert das Zeichen dich an noch mehr?

 

573.   - Der obere Teil ist Sternmutter und Sternvater, der untere Teil ist Erdmutter und Erdvater, in der Mitte sind wir lebenden Menschen auf der Erde.

- Was meinst du mit Erdvater und allen den anderen?

- Wir sind himmlische Wesen, die sich einen Körper auf der Erde bilden. Die Liebe der Menschensterne mit Kia.

- Sehr einfach, sehr verwickelt!

- Es wird dir sicher nach und nach leichter #fallen.

 

574.   - Und wie verstehst du das Menschenzeichen?

- Das Runde erinnert an den Himmel, der senkrechte Strich an den Körper, der Querstrich ist die Begegnung der beiden. Über den Augenbrauen ... die Augenbrauen ... die Nase, - und er zeichnete das Menschenzeichen mit flüchtigen Bewegungen in mein Gesicht.

- Auf eine Weise das selbe wie das andere Zeichen?

- Sehr ähnlich.


575.   - Habt ihr viele von solchen Zeichen?

- Nein. Und doch: überall gibt es Zeichen, die ganze Welt ist mit Zeichen gefüllt, für den, der sehen kann.

- Ist es gut, diese Zeichen sehen zu können?

- Manchmal.

 

576.   - Wo sollen wir jetzt hingehen? - fragte ich ihn.

- Laß uns nach Hause gehen und Festzeug anziehen, - antwortete er.

- Festzeug?

- Ja, so bald wie es dunkel wird, beginnt unser Rota.

- Ja aber .. ich habe ja kein Festzeug mit, - antwortete ich. - Hier stehe ich in meinem Arbeitszeug mit Holzschuhen an den Füßen. Sieh, wie #dreckig (schmutzig) sie noch sind!

- Wir finden was für dich, - sagte er, und ich konnte ihm anmerken, dass er an etwas Besonderes dachte, denn er lächelte so #verschmitzt.

- Das wird spannend, - sagte ich voller Erwartung. Wir kamen schließlich zu seinem Haus und gingen hinein. Er fing sofort an, in einer großen Truhe rumzukramen und zog verschiedene Trachten hervor. Er fand einen pracht­vollen, langen, scharlachroten Umhang für mich und legte ihn um meine Schultern.

 

577.   Mensch, wie seh ich gut aus! dachte ich. Jetzt seh ich ja wie ein richtiger König aus!

- Hast du einen Spiegel? - fragte ich ihn.

- Hier! - antwortete er und zog einen Vorhang zur Seite. Ich sah in den Spiegel und aus meiner Pforte hinaus. Da draußen hatte der Regen aufgehört und die Oberfläche der Pfütze war zur Ruhe gefallen. Ich bekam fast einen Schock und fühlte mich plötzlich sehr einsam. Dann ging ich nach einer Weile hinein und schrieb das nieder, was du jetzt gelesen hast.


Ein Rota

 

578.   Viele Tage später ging ich noch und ärgerte mich darüber, dass ich so eitel gewesen war und mich im Spiegel sehen musste. Ich hätte so gerne ihr Freitags­rota erlebt. Aber war es nun die Eitelkeit an sich, die den Abschied mit dem Alten verursacht hatte? Durfte ich nicht sehen, wie gut ich aussah? Oder war es eher so, dass ich so #selbstbetrachtend wurde, dass ich die Welt, in der ich war, vergaß und darum zurück in meine Welt #flog (geriet)?

 

579.   Aber ist Eitelkeit nicht gerade Selbstbe­spiegelung? Mit welcher Absicht hatte er mir wohl einen so flotten schar­lachroten Umhang um die Schultern gehängt? Eine Versuchung?

Es ähnelte aber nicht dem Alten, mich in Versuchung zu führen oder in eine Falle zu locken. Wie hätte ich anders reagieren können?

 

580.   Ich wünschte brennend, den Alten um Rat, um eine Erklärung zu fragen. Ich dachte, dass ich vielleicht die Situation #wiederschaffen (reproduzieren) könnte, die dazu führte, dass ich den Alten sah und ihm in sein Land folgte.

Ich füllte eine große Schüssel mit Wasser und versuchte gedankenleer in sie hineinzustarren, aber das führte zu nichts. Ich dachte daran, ihn zu rufen, aber wie hieß er eigentlich?

Ich versuchte, ihn und das Rotahaus vor mir zu sehen, aber es wurde alles nur zu alten, halbverschlissenen Schwarz-weiß-bildern. Ich versuchte mich in seine Gedanken einzuleben, versuchte in sie hineinzudringen, aber das führte auch zu nichts, denn selbst wenn ich mit ihm zusammen war, konnte ich ja auf keine Weise fühlen, wie er dachte.

 

581.   Ich ging auf den Dachboden und holte mir alle möglichen alten Tücher und Stoffe, die ich aufbewahrte, runter. Ich stellte mich vor meinen großen Spiegel und nahm das eine flotte Tuch nach dem anderen um meine Schultern, a­ber ich hatte keins, das so flott war wie der scharlachrote Umhang.


Nach und nach machte es mir Spass, mich zu verkleiden. Ich dachte: was würde ich anziehen, wenn ich jetzt zum Freitagsrota sollte?  Mein gutes Zeug? Gewöhnliches Zeug, Phantasiezeug? Was würde am besten aussehen? Woran würden die anderen am meisten Freude haben?

 

582.   In diesem Augenblick ging die Tür auf und der Alte kam herein.

- Ich bin gerade beim Nachbarn gewesen und hab dies hier geliehen! - und er zeigte mir eine Art grünliches Barett mit vielem merkwürdigem Schmuck.

Wo kam der Alte plötzlich her? Aber ich stand ja vor seinem Spiegel! War ich gar nicht fort gewesen? Was war mit all den Tagen, die verstrichen waren, seit ich hier letztmal gestanden hatte?

- Sag mal, bin ich gar nicht weggewesen? - fragte ich.

- Nein, du? Ich bin ja gerade weggewesen, wie du siehst.

- Es sind aber doch viele Tage vergangen, seit ich letztmal hier stand und in den Spiegel schaute, gerade bevor wir zum Freitagsrota sollten.

- Wir sollen doch nicht zum Freitagsrota. Nimm jetzt dieses hier auf, es passt gut zum Rest. Er #ruft sowohl Pflanzen wie Tiere.

- Nicht zum Freitagsrota? - ich sah in den Spiegel. Ich hatte losesit­zendes, grünes Zeug an. Ich gab es auf, überhaupt irgendetwas zu verstehen. Ich setzte das grüne Barett auf den Kopf. Das sah flott aus. Ich glich einem sehr romanti­schen und sehr spielerischen Robin Hood.

 

583.   - Werden die anderen meine Tracht leiden mögen? - fragte ich.

- Sie werden sich sehr freuen, dich darin zu sehen.

- Ich fühle mich ein wenig beklommen dabei, mit so ungewohntem Zeug an einen fremden Ort zu gehen.

- Sei in dir selbst, nicht in deinem Zeug. Dein Zeug ist ein Geschenk, das du mit zum Fest bringst. Alle wissen, dass dein Geschenk eine Bitte um Frieden mit allen Wesen der Natur sein wird.

- Ich dachte, dass ich Gast sein sollte. Soll ich teilnehmen?

- Du kannst nichts anderes. Aber halt du dich ruhig im Hintergrund, wenn du willst. Und tanz nur, wenn du's nicht seinlassen kannst.

 

584.   - Was wirst du selber anziehen?


- Das hier,- und er zeigte auf sein etwas zerschlissenes, graubräun­liches Zeug und seinen alten Hut.

- Ich dachte, dass du dich auch #ausschmücken wolltest, wie ich.

- Dies hier ist nun meine Gabe.

- Was erzählt dein Zeug denn?

- Das ich nicht anwesend bin.

- Selbst wenn du da bist?

- Ja. Aber du kannst immer mit mir reden wenn du willst.

- Was bedeutet das, dass du nicht anwesend bist?

- Dass ich nicht #für etwas bestimmtes da bin#. Dass icht nicht mit einem Wunsch komme. Dass ich ohne persönlichen Grund teilnehme. Deswegen #nehme ich so wenig Platz ein#, dass ich sozusagen nicht da bin. Du wirst ja da sein, du wirst #Platz einnehmen#.

- Ich möchte lieber solche Kleidung anhaben, wie du.

- Kleidung ist Ausdruck. Du drückst ja nicht das selbe aus wie ich. Deshalb würde es unwahr sein, wenn du solche Kleidung wie ich anhättest.

- Ich beginne zu verstehen.

- Wollen wir gehen? -

 

585.   Der Tag ging zur Neige, aber fürs erste würde es noch nicht dunkel werden. Als wir uns dem Rotahaus näherten, sah ich Leute herbe­ikommen, Leute die ein und aus gingen. Kinder spielten und jagten einander durch das Haus und #um es herum#. Drinnen standen und saßen Menschen allen Alters in größeren und kleineren Gruppen ver­streut.

Es wurde getrunken und gegessen, die Stim­mung war entspannt und munter. Wie ein Sonntagsausflug im Wald. Wir setzten uns zu einigen Freunden des Alten und nahmen an ihrer Mahlzeit und Munter­keit teil.

 

586.   Einige jüngere Leute fingen an, den Boden zu fegen, während andere #vielför­mige Fliesen hereintrugen, die sie in einem #sinnreichen Muster kreisförmig in die Mitte des Raumes legten. Der Kreis war nicht sehr breit und maß wohl drei-vier Klafter im Durchmesser.


Bei der nördli­chen Mauer versammelten die Musiker sich und packten ihre Instrumen­te aus: eine Menge Urhörner, Flöten und Trommeln in allen Größen. Die Leute sammelten ihre Sachen zusammen und trugen das hinaus, was sie während des Rotas nicht brauchten. Sie schienen ihre Plätze einzuneh­men, eine große Fläche in der Mitte wurde freigehalten.

 

587.   Durch das nordwestliche Portal konnte ich sehen, dass die Sonne unterging . Ich befand mich in einer ruhigen, etwas meditativen Stim­mung, voller Erwartung auf das, was geschehen sollte.

Aber plötzlich fuhr ich zusammen, es strömte durch meinen Körper, ich war wie elektrifiziert: alle Instrumente erklangen auf einmal in einer langen und gewaltigen Klang­welle.

 

588.   Im gleichen Augenblick erschienen vier Männer und vier Frauen im nördlichen Portal. Sie trugen etwas zwischen sich, das so ähnlich wie ein flaches Boot aussah. Sein #Boden  war mit einem Teppich geschmückt. Auf dem Teppich sah ich zwei Kissen, einen kleinen Beutel, einen Bogen und zwei Holzstüc­ke. Das eine war nicht größer, als dass zwei Hände es halten konnten, das andere war ein Brett von ungefähr Mannslänge, zwei Fuß breit mit einer dunklen Vertiefung in der Mitte.

 

589.   Als das Boot in der Mitte ankam, blieb der kleine #Aufzug (Versammlung) stehen. Die Klangwelle ebbte aus, und jetzt fingen alle Leute an, ein Wort zu rufen, das ich nicht verstand. Sie wiederholten es einige Male rhythmisch, indem das Boot auf den Boden gesetzt wurde.

 

590.   Draußen wurde es langsam dunkel. Die Portale wurden geschlossen. Jetzt kam nur ein ganz schwaches Licht von der Öffnung oben in der Mitte der Kuppel. Es war ganz still. Ich saß auf der niedrigen Mauer auf der östlichen Seite und lehnte mich an einen der vielen Pfeiler, der Alte saß neben mir. Ich konnte gerade noch einige Leute ausmachen, die etwas in der Mitte ordneten, wonach sie zur Seite versch­wanden. Blieben einige dort und setzten sich?

 


591.   Zwei weiß­gekleidete Gestalten  tauchten auf, eine vom Südosten, die andere vom Nord­westen. Eine einzelne, heisere Flöte spielte eine Art langgezogener Ruflaute, während die zwei Menschen sich ruhig zur Mitte bewegten und sich dort hinsetzten, dicht beieinander. Als sie sich gesetzt hatten, wurde es einen Augenblick still. Jetzt klang von der Mitte ein sehr kurzer, messender Gesang. Ich hörte zwei Stimmen, die eines Mannes und einer Frau. Sie schienen irgen­detwas hoch zu heben, oder erhoben sie bloß ihre Arme?

 

592.   Als der Gesang - oder das Ge­bet? - vorbei war, klangen ein paar klare, peitschende Laute von Holz gegen Holz. Das war das Signal, alle brachen in eine Art Kehllaute aus, als wenn sie riefen oder stöhnten, und bald hallte das große runde Haus von einem rhyth­mischen, orgastischen Stimmenmeer wider.

Erst war mir etwas merkwür­dig zu Mute, dann nahm ich teil: es war kein orgastischer Laut, ich ließ nur die Stimme ganz frei sein.

 

593.   Nach ganz wenigen Minuten, (kam es mir vor), klang ein sehr hoher und schar­fer Flötenton aus der Mitte. Die Laute hörten auf. Wieder war vollkomme­nes Schweigen, erwartungsvoll. Ich starrte zur Mitte, etwas benommen vom vielen rauhem Atmen. Konnte ich etwas glimmen sehen?

 

594.   Ja, plötzlich schlug eine kleine Flamme auf, erstarb bald fast wieder und flammte wieder auf. Alle riefen Ahhh - so klang es auf jeden Fall in meinen Ohren - als wenn eine große Erleichterung durch den Raum ging. Eine Fackel wurde entzündet und hoch hinauf gehoben. Ich konnte die beiden weißgekleideten Gestalten sehen, die jetzt Stirn gegen Stirn, Knie gegen Knie saßen.

 

595.   Vier Personen gingen zu dem Mann mit der Flamme und entzündeten jeder eine Fackel. Die fünf stellten sich in einem Kreis um die zwei in der Mitte auf. Jeder markierte eins der Portale. Sie hoben ihre Fackeln hoch hinauf. Eine kleine, trockene und #hitzige Trommel erklang, ganz ohne Rhythmus.

 

596.   Jetzt hatten die Feuermänner plötzlich jeder zwei Fackeln in den Händen und begannen, sie um sich zu schwingen, rauf und runter, rund und rund in rasender Fahrt. Ihre Körper waren fast nicht zu sehen, ihre Fackeln zeichneten ein glühendes Ei um jeden. Dann flogen die Fackeln vom einen zum anderen, in beiden Richtungen, es sah aus wie ein doppelter Ring aus Feuer.


 

597.   Jetzt schlug eine große und sehr tiefe Trommel einen Schlag, eine Fackel vom östlichen Feuermann flog genau auf mich zu. Ich fuhr zur Seite, aber eine geübte Hand ergriff die Fackel und entzündete ein Feuer hinter mir, hoch über meinem Kopf, während die Fackel in ein Loch vorne im Pfeiler gesteckt wurde. Ich rückte etwas ab.

Die tiefe Trommel klang wieder und wieder und die nächste Fackel flog nach Südosten und das Feuer wurde dort entzündet, dann nach Süden und Südwesten und Nordwesten.

 

598.   Als alle fünf Ecken erleuch­tet waren, klangen die Urhörner, und viele Trommeln und Flöten spielten eine gedämpfte und sehr, sehr schöne Musik. Mit einem Mal entflammte ein Ring aus Feuer um das Paar in der Mitte, entzündet von den Feu­ermännern, die in der Menge verschwanden. Wieder war es einige Minuten ganz still. Die Luft wurde mit Wohlgeruch vom Weihrauch gefüllt, der vom Ringfeuer aufstieg. Das Paar in der Mitte war jetzt vereinigt, sie auf seinem Schoß. Sie waren nackt und saßen mit aufrechten Rücken ohne Bewe­gung, Antlitz zu Antlitz.

 

599.   Auf einmal klang eine Frauenstimme von der südöstlichen Ecke, sie sang eine unbeschreiblich anmutige,  zärtliche und lockende Strofe, die gleich von einer Männerstimme aus der nordwestlichen Ecke Antwort bekam. Sie sangen abwechselnd, sangen zusammen und wieder jeder für sich. Ich war wie ver­zaubert. Es war als wenn die Stimmen in der Mitte des Raumes verschmolzen und von dort mit einer Menge von Ober- und Untertönen zu uns herausström­ten. Es klang wie ein ganzer Chor, aber es waren nur die beiden, die sangen.

 

600.   Die große Trommel schlug ein paar Schläge und alle begannen eine langsame, schöne und recht feierliche Melodie zu singen. Sie klang wie ein Dankeslied und erinnerte mich an einige unserer einfachsten Psalmen.

 


601.   Einige dunkelgekleidete Gestalten bewegten sich zur Mitte, ich glaube es waren acht oder zehn. Sie beugten sich nieder und hoben das Boot mit den beiden Liebenden auf. Im gleichen Augenblick ließen alle Instrumente sich wieder hören, mit einem langen und #gewaltsamen Klang, beinahe wie eine Siegesfanfare, die sich zu einer langsamen Musik verwandelte, ruhig wie tiefe Atemzüge.

Der Feuerring wurde nach Norden geöffnet und das Boot bewegte sich zum nördlichen Portal, wo es hochgehoben wurde und auf die Plattform über dem Portal gesetzt wurde. 'Na, deswegen wird sie der Liebeshim­mel genannt', dachte ich.

 

602.   Inzwischen wurden alle Fliesen in der Mitte zusammengeschoben. Dort brannte jetzt ein Feuer, das größer und größer wurde und den ganzen Raum erleuchtete.

Die Leute erhoben sich und sprachen gedämpft mit einander. Kinder begannen herumzualbern.

 

603.   Die verschiedenen Musiker nahmen ihre Instrumente und verteilten sich im Raum, setzten sich in kleineren Gruppen zusammen und spielten kleine Melodien, die eine Melodie hier, die andere dort, als wenn sie die Möglichkeiten der Musik an den verschiedenen Orten in dem großen Saal erprobten. Leute huschten hinaus und herein durch kleine Türen, die in den Portalen waren. Ich sah den Alten fragend an.

- Du darfst gerne rausschlüpfen, wenn du es nötig hast, aber komm gleich wieder herein! - sagte er einverstanden, und ich schlich mich hinaus. Ich war ganz benommen, aber im Taumel gedan­kenleer und klar. Ich war von der Spannung durstig geworden, aber wo gab es etwas zu trinken? Ich huschte wieder hinein und fand meinen Platz. Der Alte war verschwunden.

 

604.   - Die große Trommel schlug drei tiefe Schläge. Die Musik verstummte, alle versammelten sich schweigend in großen Gruppen in jeder Ecke des Rotahau­ses. Ich folgte einigen Leuten in die südöstliche Ecke. Nun sah ich, dass da eine Art flache Wanne voller Wasser stand.

 


605.   Eine Frau zog ihre Schuhe und Strümpfe aus und stieg in das Wasser. Sie wusch ihre Füße und stieg dann aus dem Wasser und setzte sich auf eine kleine Bank. Sie trocknete ihre Füße, tauchte ihre Hände in ein kleines Gefäß mit Öl und rieb es in ihre Füße. Inzwischen war ein Mann ins Wasser gestiegen, und als die Frau wieder barfuß auf dem Boden stand, setzte er sich auf die Bank.

Sie kniete nieder und trocknete und salbte seine Füße.

Er erhob sich und kniete ihr gegenü­ber nieder. Jetzt hatte der nächste seine Füße gewaschen und saß und bekam sie vom Mann und der Frau getrocknet und gesalbt. Dann #huschte er auf den Platz der Frau, während sie im Raum versch­wand.

Der vierte nahm jetzt den Platz des Mannes und so trockneten und salbten sie einander ihre Füße.

Wenn ich diese Szene so detailliert beschreibe, klingt es wohl, als wenn dies eine ganze Weile dauerte. Du hättest es aber sehen sollen! Husch, husch! Und bald war ich dran, und ich war einer der letzten. Alles ging schweigend vor sich, während die Musik einfache und schöne, suchende Klänge und Rhythmen spielte.

 

606.   Ich hatte ein merkwürdig feierliches Gefühl, als ich in das Gefäß mit dem wohlriechenden Wasser stieg, und als ich meine Füße getrocknet und gesalbt bekam, war ich sehr bewegt und fühlte eine sonderbare Kraft von unten meine Beine hinaufrieseln, den ganzen Körper hinauf bis unter die Haarwur­zeln.

Von diesem Augenblick an war ich gleichsam in einer anderen Welt. Ich half die Füße der nächsten zu trocknen und zu salben. Ich fand den Weg zurück zu meinem Platz, wo der Alte saß und lächelte, barfüßig, mit einer Flasche in der Hand.

- Trink! - sagte er. Ich nahm die Flasche und trank.

- Da ist so viel ... so viel ...

- ... wonach du fragen möchtest? - fragte er und setzte fort: - Warte, später werden wir reichlich Zeit haben. - Ich nickte und setzte mich, sprang aber gleich wieder auf, ich konnte unmöglich sitzen, ich musste meine feinen, neuen Füße auf dem nackten Holzboden fühlen.

 

607.   Und dann begann die Musik aus allen Richtungen im runden Haus zu spielen. Ich kann sie nicht beschrei­ben.

Wie Wetter und Wind, wie Erde und Meer, wie das Pochen des Pulses und die flattern­den Flügel der Vögel. Zart, harmonisch, mit einem einfachen, sehr schnellen und fliegendem Rhythmus. Die Leute hatten sich im Raum verteilt und standen jeder für sich und tanzten.


Das Feuer brannte ruhig und klar in der Mitte, die Fackeln und die Feuer auf den Pfeilern flamm­ten und strahlten, es roch nach Weihrauch und dem Öl blühender Pflanzen.

 

608.   Ich ging ein wenig auf der Stelle und fühlte meine Füße, während ich mir verw­undert die vielfarbigen Gestalten der Tanzenden an­schaute: niemand bewegte sich von der Stelle, aber ihre Füße bewegten sich, einige langsam und wie tram­pelnd, andere schnell und so, als wenn sie kaum den Boden berührten.

Die Leiber schwankten und drehten und schlängelten sich im Rhythmus, einige begannen, um sich selbst zu wirbeln, andre standen fast still.

 

609.   Ich schloß die Augen, die Klänge rieselten durch meinen Körper, ich konnte nicht widerstehen und dann tanzte ich auch, die Kraft sauste rauf und runter durch meinen Körper, ich war an die Stelle, wo ich stand, gefesselt und gebunden, und gleichzeitig flog ich, ja, ich flog!

Klingt das merkwürdig? Niemals hatte ich so fest auf der Erde gestan­den und niemals habe ich meine Füße so schnell bewegt! Als wenn sie die Erde über­haupt nicht berührten. Ich war schwerelos und flog durch den Raum und hinaus zu den Sternen. Hatte ich die Augen geschlossen, waren sie offen? Ich sah, aber sah ich mit offenen Augen?

 

610.   Nach einer kleinen Ewigkeit #nahm die Musik ab#. Ich glitt auf den Boden, kraftlos, aber nicht verpustet. Ich setzte mich auf und schaute mich um. Die Leute lagen, saßen oder standen und schwankten. Das liebende Paar über dem Nordportal saß ganz still, aber es sah aus als ob es #bebte (zitterte).

 

611.   Ich bekam eine merkwürdige Lust hinauszulaufen, weit, weit weg zu laufen, raus in die Kälte und die Dunkelheit, raus in die Einsamkeit. Ich wollte mich erheben, aber konnte meine Beine nicht finden, so #krabbelte ich auf allen vieren ganz langsam in die Richtung des nördlichen Portals, aber ich kam nicht weit.

 


612.   Die Trommeln bullerten und dröhnten. Waren da plötzlich vier oder acht mal so viele Trommeln im Raum? Was war los? Die Flöten #kreischten, die Urhörner rummelten. Ich fuhr in panischem Entsetzen auf und wollte raus, aber die Trommeln und Flöten verstummten genau so #plötzlich (schroff) wieder und nur die tiefen Klänge der Urhörner wogten durch den Raum. Ich hörte einen Schrei hier und einen Ruf dort, die Leute machten merkwürdige, sonderbare Laute, eine kleine, #scharfe Trommel klang von der Mitte des Raumes:

tap­TAP,tapTAP,tapTap...

 

613.   Eine bärenartige Gestalt trottelte und tanzte um das Feuer, eine vogelartige Gestalt fuhr hin zum Bären, wirbelte um ihn herum, weg von ihm und wieder hin zu ihm, mit einem eindringlichen, schnar­renden, aufreizendem, rasselndem Klang.

 

614.   Wieder überfiel mich ein gewaltiger Drang raus zu kommen, weg zu kommen! Ich wurde von einer so großen Sehnsucht erfüllt, dass ich gar nicht fühlen konnte, wonach ich mich sehnte: nach der Einsamkeit, dem Meer, dem unendlichen Raum? Ich war am Ber­sten, aber konnte mich nicht von der Stelle bewegen.

 

615.   Da fing die Musik von neuem an, sehr langsam im Rhythmus, ruhiger, körper­licher und viel variierter und #synkopierter als zuvor. Die Menschen tanzten wieder, aber jetzt trampelten, wirbelten oder flogen sie durcheinander, einige trafen sich und tanzten dicht umsch­lungen, andre huschten wie suchend umher.

 

616.   Wieder wurde ich von der Stimmung und der Musik ergriffen und begann umherzuzotteln. Ich fühlte mich groß und schwer und sehr geschmei­dig. Waren meine Arme Flossen? Waren meine Beine ein Fischschwanz mit dem ich schlug? Wurde ich zu einer Schlange, einem Vogel? Später fragte ich den Alten, wie ich getanzt hatte, aber er lächelte nur und #sagte, er sei mit sich selbst beschäftigt gewesen#.

 


617.   Ich erinnere mich, dass die Musik nach und nach in Geschwindigkeit und Intensität stieg und dass ich mehr und mehr umherwirbelte. Ich erinnere mich, dass ich Leute sah die zwei und zwei tanzten, als wenn sie nur einer wären, ich erinnere ein Paar, das tanzend liebte, ich erinnere einige, die dicht verschlungen auf dem Boden rollten, und dann plötzlich hörte die Musik auf und ein langer, scharfer Schrei erscholl, dann viele Schreie, ich stoppte mitten in der Bewegung und stand wie festgefroren: von den beiden Liebenden oben im Liebeshimmel strahlte ein vielfarbiges, wogendes, zitterndes Licht!

 

618.   Langsam, sehr langsam entspannten meine Muskeln sich und ich glitt still auf den Boden, während ich nach Luft schnappte. Keine Musik mehr, aber Pusten und Stöhnen und kleine Schreie im ganzen Raum. Nach und nach wurde es still und #die Ruhe breitete sich in meinem Körper und Sinn aus#. Ich setzte mich auf: der Alte saß mir gegenüber und reichte mir seine grüne Flasche mit Wasser.

Es dauerte eine Weile, ehe ich mich sammeln konnte und mich darauf besann, wozu man eine Flasche brauchen konnte, und es dauerte noch viel länger, bis ich herausfand, dass ich nach ihr greifen konnte, aber als ich endlich ein paar Schlucke getrunken hatte, fühlte ich, dass ich wieder ganz gegenwärtig war. Ich stellte die Flasche zwischen uns auf den Boden und wollte danke sagen, aber konnte überhaupt nicht die Wörter finden, ich wollte lächeln, aber konnte meine Antlitzmuskeln nicht finden.

Der Alte saß bloß ruhig und schaute mich an.

 

619.   Keine Instrumente spielten mehr, hier und dort klang eine weiche Stimme mit einer kleinen, beinahe summenden Melodie, verstummte wieder, um an einem anderen Ort wieder zu entstehen. Eine steigende und fallende Welle aus vielfar­bigen, weichen Stimmen #entstand, wie das Summen der Bienen, wie Väter die weit weg ihren schlafenden Kinder vorsingen.

 

620.   Ich konnte sie fühlen, ich konnte alle die Menschen in dem großen Haus fühlen, alle und jeden konnte ich um mich herum und in mir fühlen, aber trotzdem war es, als wenn ich gar nicht anwesend war, sondern nur ein Teil eines fließendes Meeres.

 


621.   Ich seufzte. Ich seufzte sehr tief, kann ich erinnern, und dann sah ich auf und in die Augen des Alten. Aber es war nicht der Alte, der mir gegenü­bersaß, sondern ein Junge, ein oder zwei Jahre alt. Er hatte einen sehr weichen Lichtschein um sich und spielte mit der grünen Flasche. Ich hatte aufgehört, mich zu wundern und saß bloß still und genoß es, den kleinen Jungen zu betrachten. Er kam mir sehr bekannt vor. Dann erhob ich mich, bückte mich, hob ihn auf und hielt ihn in meinen Armen. Da sah ich, dass ich mit dem Alten in meinen Armen stand.

Er lachte, ich lachte ... und nein, wie wir lachten! Der ganze Saal lachte, die ganze Welt lachte!

 

622.   Das Lachen brauste durch die Räume, und als es langsam abnahm, sah ich eine kleine Schar Männer, die eine schöne große Schale, gefüllt mit Früchten und Blumen, über ihren Köpfen vom südwestlichen Portal in den Raum hinein trugen. Sie setzten sie auf den Boden und stellten sich mit den Händen auf den Schul­tern in einem Ring um sie herum. Eine Schar Frauen lief zu ihnen, kletter­te an ihnen hoch und stellte sich auf ihre Arme und Schul­tern. Sie reichten einan­der die Hände - hoch über der Schale in der Mitte.

Wieder erklang ein wei­ches, sattes und zufriedenes Summen im ganzen Saal.

 

623.   Ein vier-fünfjähriges Kind ging langsam und beinahe feierlich zur Schale, hinein unter den Himmel der Hände. Da rieselten Blumen und Blumenblätter von den Händen der Frauen über das Kind, während es die eine Frucht und Blume nach der anderen nahm und zwischen alle die Anwesenden warf.

Den letzten Apfel nahm das Kind für sich selbst, und als es in die Frucht biß, sprangen die Frauen hinunter und setzten das Kind in die leere Schale, hoben es hoch über ihre Köpfe und trugen es den ganzen Saal herum und zum südwestlichen Portal hinaus.

 

624.   Das Feuer in der Mitte war niedergebrannt, viele Fackeln an den Wänden waren ausgegangen, der Alte berührte leicht meine Schulter und sagte: - Komm! -

Wir bewegten uns zum Portal im Nordwesten, aber ich kam an meine Schuhe und Strümpfe zu denken und ging, sie zu holen. Als ich sie aber anziehen wollte, sagten meine Füße ganz deutlich Nein. Wir gingen gemeinsam durch das Portal, ich mit nackten Füßen, er in den Sandalen, in denen ich ihn immer zu sehen pflegte.


Drinnen in seinem Haus zeigte er auf ein Lager, das er mir in der Küche bereitet hatte. Während ich mich legte, fragte ich:

- Was war das für ein Rota, zu dem wir waren? -

 

625.   Und er antwortete: - Wir machten dieses Rota für deine Welt, für die Welt, aus der du kommst. -

Ich war zu müde um mich zu wundern und schlief ein.

Als ich erwachte, lag ich in meinem eigenen Bett in meinem eigenen Haus in meinem eigenen Land, in der Wirklichkeit in der ich zu leben pflege. Aber es war mir nicht leid, dass ich nicht mehr im Sternland war, nein, im Gegenteil, ich erwachte froh und vergnügt und war hungrig wie ein Bär.


Der Feuerfänger

 

626.   Als ich aufgestanden war, fühlte ich ein heftiges Bedürfnis, in meinem Haus aufzuräumen und reinzumachen. Als ich anfing, erfand ich ein Lied #für mich selbst#, während ich den Boden fegte. Es hatte eine kleine, ekstatische Melodie. Die Worte waren ungefähr diese:

 

125. Was ist der Tanz, was ist der Rhythmus?

Dort, wo die Zeiten fallen und steigen,

dort finde ich den Rhythmus, meinen eigenen Rhythmus.

Meine Seele, mein Leib und meine Sinne,

nehmt Teil am Rhythmus! Da tanze ich!

Laß frei sein den Rhythmus, laß frei sein den Tanz!

Verschließ nicht die Zeiten in alten Mustern,

laß die Muster entstehen!

Und indem sie entstehen, bin ich diese Muster.

 

126. Alle meine Räume, alle meine Zeiten.

vereinen sich in diesen Mustern.

Jetzt kann ich dort sein, wo ich=s wünsche,

jetzt kann ich der sein, der ich wünsche,

jetzt kann ich so sein, wie ich=s wünsche!

Mein Stern tanzt auf meiner Erde,

mit der Erde, in der Erde,

mit der Erde, in der Erde!

Tanz ist der Leib meines Sterns!

 

627.   Als ich anfing, die Sachen wieder auf ihren Platz zu stellen, #schram­melte ich mit den Möbeln, während ich sang:

 

127. Trommel!

Du bist die Erde auf der ich tanze!

Du bist die Erde, Trommel,

Antwort auf meinen Tanz.

Du bist das Ohr, das unser Lieben hört.

Du singst das Lied, das dann entsteht

wenn Zeit und Raum sich lieben.

Du sagst die Wahrheit, die's nicht gibt,

die jeden Augenblick entsteht.


128. Und weil ich jetzt so schön dabei war, zu singen und zu dichten, setzte ich fort, während ich Tische und Regale abwischte.

 

129. Hände!

Ach, Hände! Ihr seid die Füße meiner Seele,

die auf der Erde tanzen!

Die Erlösung meiner Schmerzen,

der Ruf meiner Sehnsucht!

Oh, meine Hände!

Ihr kennt den Weg durch Zeit und Raum,

ihr führt mich sicher zur #Liebesbegegnung,

vereinigt tanzt ihr durch die Nacht,

vereinigt tanzt ihr durch den Tag:

Ihr seid meine Ohren, die mich führen,

ihr öffnet mir den Weg, den nur ich gehen kann.

 

130. Und dann kam ich an meine Füße zu denken, die mich auf die wundervollste (#mirakulö­ste) Weise durch diese Nacht getragen hatten. Und ich tanzte umher in der Stube und hinaus in die Küche, indem ich improviserte:

 

131. Füße!

Küßt die Erde!

Streut euren Sternstaub über den Leib der Erde!

Seid Licht! Seid Kraft! Seid Liebe!

Füße! Lauscht der Lust der Erde!

Nehmt teil an der Freude der Erde!

Seid Sternen-Erde, seid meine Flügel,

die den Weg durch alle Reiche (er)schaffen!

Fließ, Sternvater du, durch meine Füße!

Fließ, Erdmutter du, durch meine Füße!

Fließet zusammen, Sternmutter, Erdvater!

Oh, meine Füße!

Mein Tanz ist heilige Weisheit,

das Glück des Lebens!

 

628.   Dann hielt ich inne. Ich lachte laut und ein wenig atemlos. Ich konnte meiner eigenen guten Laune nicht widerstehen und dachte: Glück ist wenn das Leben gelingt.

 


629.   Aber dann entdeckte ich, dass ich in der Sprache meiner fernen Freunde gesungen hatte, nicht in meiner eigenen. Das war merkwür­dig, denn ich kann sonst gar nicht ihre Sprache sprechen, wenn ich nicht in ihrem Land bin. Ich setzte mich und versuchte zu erinnern, was ich gesungen hatte, es zu ver­stehen und es in meine eigene Sprache zu übersetzen. Das war schwer, und die Übersetzung, die du jetzt gelesen hast, ist reichlich klobig, finde ich.

 

630.   Ich ging hinaus zu meinen Auto, um etwas Brot zu kaufen. Ich ließ den Motor an. Sein Brummen erinnerte mich an die tiefen Vibrationen (#Schwingun­gen?) der Urhörner. Der Motor ging aus. Neben mir saß der Alte. Ich saß mit einem Bogen in den Händen und sagte:

 

631.   - So einen Feuerbohrer kenne ich sonst nur aus ethnologischen Ausstellungen. Ich habe aber nie gesehen, wenn er gebraucht wird.

- Wir nennen ihn unseren Feuerfänger.

- Warum sagt ihr, dass ihr Feuer fängt?

- Das Feuer ist im Ing, aber wenn wir es gefangen haben, ist es in Ting.

- Wieso ist das Feuer im Ing?

- Wo sonst?

- Es entsteht doch wohl aus dem Reibungswiderstand zwischen den beiden Holzstüc­k­en?

- Richtig. Aber wo ist es, ehe es entsteht?

- Es ist wohl ein energiemäßiges Potentiale, das es überall gibt?

- Genau. Aber es ist kein Feuer, ehe es entsteht, oder?

- Nein, es ist kein Feuer, es existiert nur als eine Möglichkeit.

- Richtig, als Möglichkeit. Das Feuer existiert nicht in der dinglichen Wirklich­keit. Aber es gibt es, es ist im Ing.

- Das bedeutet, dass wir das Feuer nicht mit unserem Werkzeug erschaffen?

- Genau. Wir können das Feuer nicht erschaffen, denn das Feuer gibt es schon. Wir können es aber im Ing fangen, und dann entsteht es im Ting.

 


132. - Warum sagst du, dass ihr das Feuer fängt? - Der Alte erklärte mir, wie er das verstand, etwas oder jemanden zu fangen. Wenn sie ein Tier fangen, machen sie nicht nur eine Falle und stellen sie an einer passenden Stelle auf, sondern #schaffen (etablieren) einen Kontakt mit dem Stern des Tieres und machen ein Energiemu­ster um die Falle, welches nur das Tier in die Falle gehen läßt, dass sich fangen lassen will. Die Falle ist so gebaut, dass das Tier freikommen könnte, wenn es wollte. Aber das Tier beruhigt sich und es bleibt ruhig, wenn es nicht zu lange dauert, ehe der Jäger kommt.

 

632.   - Könnte man sich vorstellen, dass sich das Feuer eines Tages nicht fangen lassen will?

- Das könnte man sich denken. Ich habe gehört, dass das mal passiert sein soll, obwohl alles war, wie es sein sollte. Ihre Abmachung muss verkehrt gewesen sein. - (Wieder muss ich eingestehen, dass die Übersetzung fehlerhaft ist. Er brauchte ein Wort, das sowohl als Abmachung, als auch als Muster, Meditation und Kontakt verstanden werden kann. Oft wird es auch synonym für Verlieben und für die Vorbereitung zum Lieben gebraucht.)

 

633.   - Warum benutzt ihr ein so primitives Instrument?

- Primitiv? Das ist doch die schönste Weise, Feuer zu fangen!

- Ich #gestehe, dass es sehr schön auf mich wirkt. Welche symbolsche Be­deutung liegt in diesem Werkzeug?

- Symbolisch?

- Ja, Unsere religiösen Handlungen und Geräte sind voller Symbole.

 

634.   - Welche Symbole konntest du im Feuerfänger sehen - fragte der Alte?

- Ja, laß mich mal sehen ... Der Stab könnte das männliche und das große Brett das weibliche Geschlechtsorgan symbolisieren.

- Fein. Und der Bogen?

- Der könnte ihre Leidenschaft sein, währen das Handholz ihre Anziehung auf einander sein könnte, die sie zusammenhält.

- Fein. Und die Glut, die entsteht?

- Die Empfängnis.

- Fein. Feuerfangen und Lieben spiegeln einander. Kannst du andere Sym­bole sehen? - Ich dachte nach und fragte dann:

 


635.   - Wenn eure Kinder euch fragen, warum ihr diesen Feuerfänger gebraucht, was antwortet ihr dann?

- Das große Brett ist die Erde, der Stab ist der Blitz, der Bogen der Donner und das Handholz die Wolke.

- Finden sie nicht, dass die Wolke ein bißchen reichlich klein ist?

- Ja, - lachte er, - es kann schon sein, dass das passiert ist!

 

636.   - Warum stöhnt ihr im Takt, während der Feuerfänger Feuer fängt?

- Hm. Mit dem Atem #machen (schaffen) wir ein entsprechendes Muster aus Kraft. Die Handlungen hängen zusammen.

 

637.   - Da ist was, worüber ich mich schon lange gewundert habe. Warum braucht ihr nur Trommeln, Urhörner und Flöten?

- Es gibt andere Rotas, wo wir andere Instrumente brauchen. Aber im Rota­haus wollen wir nur Dinge aus Erde gebrauchen, oder Dinge, die aus der Erde gewachsen sind.

- Was will das heißen?

- Dass es dort keine Dinge aus Metall gibt, oder andere Dinge, die nicht aus dem Organischen stammen.

- Warum nicht?

- Weil Metalle oder andere künstlich hergestellten Sachen unsere unmittelbare Verbindung mit der Kraft stören können. Wir brauchen nur die einfachsten Dinge, weil alles Künstliche menschlichen Gedan­kenstoff und menschliche Gedankenmuster enthält, und die können die Wege der Kraft verzerren.

- Aber es gibt ja Streichinstrumente ohne Metall und man könnte mit Holz auf Holz schlagen, wie man es mit (bei?) Xylophonen tut.

- Diese Instrumente sind nicht simpel genug für diese Art Rotas. Saiteninstru­mente und Xylophone sind Variationen über die Trommel.

 

638.   - Was haben die Trommeln und die Flöten gemeinsam?

- Die Einfachkeit. Luft und Körper, genau wie die Stimme. Wenn du die Trommel schlägst, setzt das Fell die Luft in Schwingungen. Wenn du die Flöte spielst, setzt die Luft den Körper der Flöte in Schwingungen. Mehr ist nicht nötig.


- Ja, das ist einfach.

- Die Einfachkeit macht, dass wir nicht so leicht verwirrt werden. Wir können uns ruhig  der Hingabe hingeben.

 

639.   - Ich konnte mich auf jeden Fall hingeben. Aber da war ein sehr großer Unterschied zwischen den beiden Tänzen.

- Den beiden? Da waren doch drei Tänze!

- Drei? Erst war da der, wo wir auf der selben Stelle standen und herum­wirbelten...

- Ja, das war der Pflanzentanz.

- Der war merkwürdig. Ich erlebte, dass ich mit den Füßen tief in der Erde stand, aber gleichzeitig flog ich auf eine Weise.

- So sind die Pflanzen. Sie verbinden die Erde mit dem Himmel.

- Aber der nächste Tanz war noch merkwürdiger. Bevor er anfing, hatte ich eine sonderbare Lust zu flüchten, raus- und wegzukommen!

- Das war der Tiertanz. Dein Tier liebt wohl die Einsamkeit und viel Platz auf dem es sich rühren kann?

- Ganz sicher! Aber was war das für ein dritter Tanz? Den kann ich gar nicht erinnern.

- Der Geistestanz! Der Seelentanz!

- Wann war der?

- Als wir einander gegenübersaßen. - Ich dachte nach und versuchte zu erinnern.

- Aber wir tanzten doch nicht?

- Nein, die Seele hat nicht solche Füße, mit denen sie tanzen kann, - und er zeigte auf seine Füße und grinste.

- Ich erinnere, dass ich alle und jeden im Raum fühlen konnte, während ich doch weder ich selbst noch irgend jemand anderes war.

- So ist der Tanz der Seelen!

 

640.   - Warum irrte ich mich und glaubte, dass du ein kleiner Junge warst?

- Du irrtest dich doch nicht! Deine Seele sah meine Seele.

- Aber ist deine Seele denn ein kleiner Junge? Du bist doch ein erwachsener Mann und bald alt.

- Viele haben ihre Kinderseele verloren. Einmal hatte ich sie auch verloren. Aber ich habe sie wiedergefunden.

- Aber all deine Weisheit, wo war die?


- Mit der bin ich geboren. Die hab ich wiedergefunden. Sie war's, die du sahst und auf den Arm nahmst.

 

641.   - Ein Kind? Aber was ist denn mit all deinen Erlebnissen, all deinen Erfah­rungen, sind die ganz nutzlos, ganz überflüssig?

- Das würden sie vielleicht sein, wäre es nicht #für die Weisheit des Kindes.

- Willst du das näher erklären?

- Ohne die Weisheit, mit der ich geboren bin, würde die ganze Spur meines Lebens eine Bürde, die ich nur mit größter Mühe von mir legen könnte, wenn ich zum Himmel geboren werde.

 

642.   - Was muss ich tun, um die Weisheit des Kindes in mir selbst wieder­zufinden?

- Wiederzufinden? Aber du warst ja ein Kind, als du mich auf deine Arme nahmst!

- War ich das? - Und ich war höchst verwundert.

Ich erhob mich, streckte mich und sagte: - Du musst mir Zeit geben, all das hier zu verstehen!

- Nimm du dir ruhig all die Zeit, die du brauchst.

- Aber auf eine Weise empfinde ich es so, als wenn ich all das hier schon längst verstanden habe. Vor langer Zeit.

 

643.   - Genau, - sagte er und erhob sich aus seinem Schaukelstuhl. Erst jetzt ging es mir auf, dass ich gar nicht in meinem Auto auf dem Weg zur Stadt war, sondern vor dem Haus des Alten. Ich konnte nicht begreifen, wie ich hierher gekommen war, aber ein Mann kam zu uns rüber und unterbrach meine Speku­la­tionen. Er grüßte mit einem Nicken. Kannte ich ihn? Ich sah ihn fragend an. Er setzte sich eine Sekunde lang in die Hucke, berührte meine Füße und erhob sich wieder. Ich guckte ihn noch einmal untersuchend an und fragte:

- Warst du es, der mir die Füße salbte? Gestern, beim Rota?

- Nein, du warst es, der meine salbte, - sagte er. Ich wendete sich zum Alten und fragte:

 

644.   - Ich habe darüber nachgedacht, dass wir alle die Füße im selben Wasser waschen. Riskieren wir nicht, dass wir einander anstecken?

- Im Gegenteil.

- Wieso?


- Das ist ein sehr starkes Wasser. Da sind die Kräfte von vielen Kräutern drin. Konntest du das nicht riechen?

- Da waren so viele Düfte. Und ich war mit allem, was um mich und mit mir geschah, sehr beschäftigt. Ich war tief bewegt. Und dann fühlte ich eine sehr starke Kraft durch mich hindurchströmen, als das Öl in meine Füße gerieben wurde.

- Da ist eine sehr starke Kraft in dem Wasser und in dem Öl. Nicht nur Kräu­terkraft! - sagte der Neuangekommene, und ich fand, dass er ein sehr geheim­nisvolles Gesicht machte.

 

645.   - Warum tanzt ihr barfüßig? Oder besser gesagt: Soll man bei euch barfuß tanzen?

- Die Pflanzen, die Tiere und die Seelen ...

- ... haben keine Schuhe an? - fragte ich.

- Genau, - sagte der Alte, und setzte fort: - Willst du mit rüber zu unserem Freund? Ich glaube, dass er dir etwas zeigen will.

- Was will er mir zeigen? - fragte ich, indem wir die Straße über­querten.

 

646.   - Nun werden wir sehen, - sagte er. Es standen rote Rosenvor der Ein­gangstür. Ich griff nach einer von ihnen und wollte mich hinabbeugen, um sie zu küssen, aber es war das rote Startlicht in meinem Auto, und meine Hand griff um den Schlüssel. Als ich zur Stadt fuhr, fühlte ich mich sehr merkwür­dig dabei, in einem Auto zu fahren.


Über Kia=s Freundlichkeit

 

133. Oh, Mensch!

Mögest du dich doch ohne Krieg

zu neuen Wegen befreien!

Oh, Mensch, du bist nicht eines Regenwurmes würdig!

Wie Kia sagte,

damals als ich die Regenwürmer

mit welkem Gras fütterte:

Das, was du hier tatest

für einige meiner Kleinsten,

das hast du für mich getan!

 

134. Kia ist freundlich, so unglaublich freundlich,

dass kaum jemand an sie zu glauben wagt.

Sie ist so freundlich,

dass kaum jemand sie kennen kann.

Denn wer kann wohl Freundlichkeit kennen,

ohne selbst erst freundlich zu sein?

 

135.            Freundlich, freundlich,

niemand ist so freundlich wie der erste Frühlingswind!

So ist Kia, aber viel stärker, viel größer.

So groß, dass niemand, fast niemand sie kennt.

Aber ohne ihre Freundlichkeit könnten wir

hier nicht auf Besuch sein, gar nicht, nein.

 

136. So überwältigend freundlich,

so wie der Schrei des Hasens

(während der Habicht seine Klauen

tief in seinen Körper bohrt)

seinen Schmerz in eine

große, überwältigende Freundlichkeit verwandelt!

Und dann ist der Hase tot.

So freundlich ist Kia, so unglaublich freundlich.

Die wenigsten kennen ihre Freundlichkeit.

Wenn der Blitz dich trifft

und du verschwindest in der Vereinigung

der Erde und des Himmels:

das ist eine große Freundlichkeit!


647.   Kia hat dich nicht gebeten, zum Nordpol zu gehen

und erfrorene Hände und Füße zu kriegen.

Kia braucht ihren eigenen Frieden, ihre eigene Ruhe.

Kia hat dich nicht gebeten, in die Wüste hinauszugehen

und verbrannt zu werden und an Durst zu sterben!

Kia hat dir einen Garten gegeben,

Kia hat dir ein Feld gegeben,

Kia hat dir einen Wald gegeben.

Kia hat dich nicht gebeten

auf den höchsten Gipfel der Berge zu steigen,

was willst du dort? Du bist neugierig!

 

648.   Kia hat dir Licht und Schatten gegeben.

Kia gab dir die Ameisen, die umhereilen.

Und du darfst gerne stundenlang sitzen

und sie betrachten. Und dich wundern:

Was tun sie da? Hin und her?

 

649.   Kia, du bist so freundlich! So überwältigend freundlich!

Da ist nichts, gar nichts böses in dir. Nichts unfreundliches,

wenn wir Freund mit dir sind.

Hörtest du nicht die Kohlmeise heute morgen?

Hörtest du, was sie sagte? Sie gab Laut

der Freundlichkeit in der Welt, der Freude.

 

650.   Du bist unsere gute, gute Kia.

Ich bin ein Mann, darum nenne ich dich:

meine Geliebte. Und meine Geliebte ist eine Frau.

Nein, du bist nicht meine Mutter,

du bist auch nicht mein Vater.

Nein, du bist meine Geliebte.

Du bist der Planet, den ich leiden mag.

 

651.   Von allen Planeten im Universum habe ich dich gewählt,

weil du so schön und freundlich bist. Der Erdball der Freundlichkeit.

Voll von den schönsten Stürmen. Voll von großen Regenwettern.

Voller Wärme und Kälte. Voll von großen,

starken Wellen. Voller Wasser!

 


Kia, nur du konntest eine Luft machen,

die so schön und freundlich und rein ist für meine Lungen.

Nur du konntest eine Erde machen, so hart und so weich,

dass ich gehen kann, ja, stundenlang, tagelang, wochenlang,

jahrzehntelang auf dir gehen kann - ohne müde zu werden.

 

652.   Ohne dass meine Füße sich fremd fühlen.

So bist du, Kia.

 

653.   Und dann alle die Früchte an den Bäumen!

Du erschaffst du Bäume in aller Mannigfaltigkeit,

in einem Überschuss, einem Überfluss der Fruchtbarkeit.

Alle Bäume, alles Gras, alles hat einen Überfluss,

so dass wir alle hier sein können,

so dass wir alle Gast bei einander sein können,

der ganze Schwarm, alles was hervorsprießt und krabbelt und fliegt

und kriecht und geht und läuft -

und auch die, die ganz still stehen,

langsam ihre Wurzeln in der Erde bewegen,

langsam ihre Blätter bewegen, ihre Zweige,

ihre Stengel in der Luft, diese ewig geduldigen,

ewig schönen, ewig wiedergeborenen Bäume und Büsche,

Kräuter und Gras.

 

654.   Und betrachte diesen Berg! Sieh dort die goldene Flechte,

zusammen mit der grauen und grünen! Ich habe gehört,

dass diese Handfläche Flechten

tausende von Jahren alt sein soll!

Oh, so viel Zeit, so viel Zeit! Ach, hätte ich bloß

so viel, so viel Zeit!

 

655.   Wenn ich eine Frau wäre, würde ich dich

vielleicht NJORD nennen.

Aber du bist weder Mann noch Frau, liebe Erde,

das hast du gar nicht nötig.

Du bist ganz, du hast einen Nordpol, du hast einen Südpol,